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von Walts gestrigen Streckversen vorausschicktedass er sein Erstaunen bezeugte, wie Walt, bei sonstigem Überwallen im Leben, doch jene Ruhe im Dichten habe, durch welche ein Dichter es dem Wasserrennen der Bayerinnen gleichtut, welche mit einem Scheffel wasser oder Hippokrene auf dem kopf unter der Bedingung wettlaufen, nichts zu verschütten, und dass er fragte, wie er als Jurist zu dieser poetischen Ausbildung gekommen.

Der Notarius trank mit Geschmack den Krätzer und sagte, zweifelnd vor Freude: wenn wirklich etwas Poetisches an ihm wäre, auch nur der Flaum einer Dichterschwinge, so käme es freilich von seinem ewigen Bestreben in Leipzig her, in allen vom Jus freigelassenen Stunden an gar nichts zu hangen, an gar nichts aufzuklettern als am hohen Olymp der Musen, dem Göttersitze des Herzens, wiewohl ihm noch niemand recht gegeben als Goldine und der Kandidat; "aber, guter Vult, scherze hier nicht mit mir. Die Mutter nannte dich schon früh den Spasser. Ist dein Urteil Ernst?" – "Ich will hier den Hals brechen, Tabellio", versetzte Vult, "bewunder' ich nicht dich und deine Verse aus voller Kunstseele. Hör erst weiter!"

"Ach warum werde ich denn so überglücklich? (unterbrach ihn Walt und trank). Gestern find' ich den Plato, heute dich, gerade zwei Nummern nach meinem Aberglauben. Du hörtest gestern alle Verse?" – Mitten unter dem heftigen Auf- und Abschreiten suchte er immer das Wirtskind, das im hof unter der Baute von Kartoffeln-Samenkapseln furchtsam aufguckte, jedesmal sehr anzulächeln, damit es nicht erschräke.

Vult fing, ohne ihm zu antworten, sein MühlenModell folgendermassen vorzulegen an, sehr unbesorgt, wie jeder Reisende, über ein zufälliges fünftes Ohr:

"Andächtiger Mitbruder und Zwilling! Es gibt Deutsche. Für sie schreiben dergleichen. Jene fassen es nicht ganz, sondern rezensieren es, besonders exzellenten Spass. Sie wollen der poetischen Schönheitslinie ein Linienblatt unterlegen; dabei soll der Autor noch nebenher ein Amt haben, was aber so schlimm ist, als wenn eine Schwangere die Pocken zugleich hat. Die Kunst sei ihr Weg und Ziel zugleich. Durch den jüdischen Tempel durfte man nach Lightfoot nicht gehen, um bloss nach einem andern Orte zu gelangen; so ist auch ein blosser Durchgang durch den Musentempel verboten. Man darf nicht den Parnass passieren, um in ein fettes Tal zu laufen. – Verdammt! Lass mich anders anfangen! zanke nicht! Trinke! – Jetzt:

Walt!

Ich habe nämlich auf meinen Flötenreisen ein satirisches Werk in den Druck gegeben als Manuskript, die grönländischen Prozesse in zwei Bänden anno 1783 bei Voss und Sohn in Berlin. ('Ich erstaune ganz', sagte Walt verehrend.) Ich würde dich inzwischen ohne Grund mit Lügen besetzen, wenn ich dir verkündigen wollte, die Bekanntmachung dieser Bände hätte etwa mich oder die Sachen selber im geringsten bekanntgemacht. Nimmt man sechs oder sieben Schergen, zugleich Schächer und Schächter, ausund hier fallen zwei auf die Allgem. deutsche Bibliotek, die also wohl einer sind –, so hat leider keine Seele die Scripta getadelt und gekannt. Es ist hierwegen deiner Ungeduld nach der versprochenen Ätermühlewohl nicht der Ort, es glücklich auseinanderzusetzen warum; – habe genug, wenn ich dir schwöre, dass die Rezensenten Sünder sind, aber arme, echte Gurkenmaler, die sich daher Gurken herausnehmen, Grenzgötter ohne arme und Beine auf den Grenzhügeln der Wissenschaften, und dass wir alle hinauf und hinab florieren würden, gäb' es nur so viele gute Kunstrichter als Zeitungen, für jede einen, so wie es wirklich so viele meisterhafte Schauspieler gibt alseine in die andere übergerechnetTruppen.

Es ist eine der verwünschtesten Sachen. Oft rezensiert die Jugend das Alter, noch öfter das Alter die Jugend, eine Rektors-Schlafhaube kämpfet gegen eine Jünglings-Sturmhaube

Wie Kochbücher arbeiten sie für den Geschmack, ohne ihn zu haben

Solchen Sekanten, Kosekanten, Tangenten, Kotangenten kommt alles exzentrisch vor, besonders das Zentrum; der Kurzsichtige findet nach Lambert7den Kometenschwanz viel länger als der Weitsichtige

Sie wollen den Schiffskiel des Autors lenken, nämlich den ordentlichen schreibe-Kiel, sie wollen den Autor mit ihrem Richterstabe, wie Minerva mit ihrem Zauberstabe den Ulysses, in einen Bettler und Greis verkehren

Sie wollen die erbärmlichsten Dinge bei Gott – (Des Notars Gesicht zog sich dabei ins lange, weil er wie jeder, der nur gelehrte Zeitungen hält, aber nicht macht und kennt, von einer gewissen achtung für sie, vielleicht gar einer hoffenden, nicht frei war.) Indes jeder Menschfuhr jener fortsei billig; denn ich darf nicht übersehen, dass es mit Büchern ist wie mit Pökelfleisch, von welchem Huxham dartat, dass es zwar durch mässiges Salz sich lange halte, aber auch durch zu vieles sogleich faule und stinke Notarius, ich machte das Buch zu gut, mitin zu schlecht." –

"Du wimmelst von Einfällen (versetzte Walt); scherzhaft zu reden, hast du so viele Windungen und Köpfe wie die lernäische Schlange."

"Ich bin nicht ohne Witz", erwiderte Vult in vergeblicher Absicht, dass der Bruder lache, "aber du reissest mich aus dem Zusammenhang. – Was kann ich nun dabei machen? Ich allein nichts; aber mit dir viel, nämlich ein Werk; ein Paar Zwillinge müssen, als ihr eigenes Widerspiel, zusammen einen Einling, ein Buch zeugen, einen