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"Nu, ist das kein Sonnenblick aus unserm Freudenhimmel?" fragte Vult. "Ach", sagte Walt, "ich glaube, ich war eben vorhin und bisher zu glücklich; darauf kommt immer ein wenig BetrübnisEs ist doch gut, dass das Werk nicht auf der Post hin und her verloren gegangen." – "O du weichesHolz!" fuhr jener auf. "Aber nicht du sollst es ausbaden, sondern der Magister. Ich will ihn waschen mit Seewasser, obs gleich nicht weiss macht."

Er setzte sich auf der Stelle nieder und schrieb im Grimm einen unfrankierten Brief an den Magister, worin die Höflichkeit des Briefstils so gut als ganz hintangesetzt war.

Nr. 59. Notenschnecke

KorrekturWina

Am Morgen kam wieder ein Manuskript, aber ein fremdes abgedrucktes; der Setzer der Passvogelschen Buchhandlungfür Walt war ein Setzer vielhändigte den ersten Korrekturbogen ein, damit der Universalerbe der Kabelschen Verlassenschaft daran seinen Testamentsartikel erfülle. Das Werk, dessen Titel war: "Das gelehrte Hasslau, alphabetisch geordnet von Schiess", – nun in aller Händenwar sehr gut in deutscher Sprache mit lateinischen Lettern geschrieben, nur aber ganz schlecht oder unleserlich, und entielt jeden Hasslauer, der mehr als eine Seite, nämlich zwei, d.h. ein Blatt, für Strasse und Welt gemacht, samt einem kurzen Nachtrag von den Lands-Gelehrten, die schon als Kinder verstorben. Wenn man zählt, welche Menge von Autoren Fikenscher aus seinem gelehrten Bayreut bloss dadurch hinaussperrt, dass er keinen aufnimmt, der nicht mehr als einen Bogen geschriebensogar zwei reichen nach der Vorrede nicht hin, wenn es bloss Gedichte sind –, und welche noch grössere Meusel aus seinem gelehrten Deutschland verstösst, dadurch dass er nicht einmal Leute einlässt, die nur ein Büchlein geschrieben, nicht aber zwei: so sollte wohl jeder wünschen, in Hasslau geboren zu sein, bloss um in das gedruckte gelehrte zu kommen, da Schiess nicht mehr dazu begehrt zum Einlasszettel als etwas nicht Grösseres, als der Zettel ist, nur ein gedrucktes Blatt; denn sich mit noch wenigerem in einen solchen Charons-Kahn, der stets zur Unsterblichkeit des Edens entweder oder des Tartarus abführt, einschiffen wollen, hiesse ja Schriftsteller einladen, die ganz und gar nichts geschrieben.

Der Notar fing sofort das Korrektieren anin die Korrekturzeichen hatte' er sich längst eingeschossen –; aber er fand statt der Hügel Klippen zu übersteigen. Schiess schrieb eine gelehrte Hand und eine ungelehrte zugleich; der Korrekturbogen war aus Titeln, Namen, Jahrszahlen und solchen Sachen gewebt, die nirgends zusammenhängen als in Gott. Es ist daher die gemeine Meinung, dass Passvogel bloss zum Drucke des Notars den Druck des Werkes eingegangen. Vult wollte zwar bessern helfen, aber Walt fand fremde hülfe gott- und treulos und korrigierte allein.

Eh' er es hintrug in die Buchhandlung, fragte ihn Vult, ob man nicht einen witzigen Einfall haben und er, Vult, nicht ihren Roman mit einem Briefe an Passvogel tragen könnte, worin er sich als den Verfasser ausgäbe und sagte, der Endes-Unterschriebene stehe dem Leser eben vor der Nase. Es geschah. Beide trafen zufällig einander im Buchladen. Kaum sah Passvogel aus Vults tasche eine Manuskript-Rolle stechen: so machte er sich nichts aus ihmweils ein Autor war –, sondern setzte Walt, den Korrektor und Erben, höher und überlas freundlich den Bogen: "Der Hr. Autor", sagte er, "wird schon nachsehen."

Darauf überreichte ihm Vult furchtsam den Brief samt Roman und sah begierig in seine lesende Physiognomie, wie sie sich bei der Stelle umsetzen würde, wo der Briefschreiber dasteht als Briefträger. Aber dem feinen, im gesetz der geselligen Stetigkeit lebenden mann tat der Riss und Zuck weh auf der eleganten Haut, und er sagtenach dem Überlaufen des Titelsverdrüsslicher als gewöhnlich, er bedaure, dass er schon überladen sei, und schlage kleinere Buchhändler vor. "Wir Autoren", versetzte Vult, "gehen anfangs wie Hirsche, denen das zarte Gehörn erst entspriesset, mit gesenktem haupt; aber später, wenn es gross und hart zu sechzehn Enden ausgeschossen, schlägt man damit an die Bäume heftig, und ich fürchte, Hr Passvogel, ich werde im Alter grob." – "Wieso?" sagte dieser.

Vult tat darauf, als kenn' er Walten von weitem, und sagte: wenn er als Kabelscher Erbe erst den ersten Bogen übergeben, so schein' es fast, als wollten ihm die Erben das zwölfbogige Korrektoramt zu zwölf Wochen ausdehnen. Dann entsprang er nach seiner boshaften Sitte plötzlich, um dem Feinde die Replik zu entwenden.

Beide verliehen daheim vor allen Dingen dem Romane Flügel, weil die Hoffnung immer so lange zum Totliegenden gehörte als das Buch. Man schickte ihn an Hrn. Merkel in Berlin, den Brief- und Schriftsteller, damit er das Buch einem Gelehrten, Hrn. Nicolai, empfähle und aufheftete.

Mitten in den Genuss der abfahrenden Post fiel wieder ein Staubregen: der hinkende Notar, der bekannte Geschäftsträger der Erben, kam mit dem ersten Korrekturbogen und Schiessens Re-Korrekturen.

Walt hatte einundzwanzig Druckfehler stehen lassen. Schiess wies aus dem Manuskripte nach, dass er ein c statt einem e – dann ein e statt eines c – ein ο ′

statt eines s – ein ο statt eines f – ein Komma statt eines Semikolonseine 6