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Gesellschaft dieser Platonischen Stammwesen, zwischen der selbstständigen Langweile und dem absoluten Hojahnen, gefallen würde, und sie wird mir hoffentlich zu gut halten, dass ich mich über solche Hirngespenster nicht ernstafter erkläre. In der Tat kann ich es mir selbst kaum verzeihen, dass ich mich so lange dabei aufgehalten, zumal da ich mich dadurch so verstimmt habe, dass ich dir nichts weiter zu schreiben weiss, als dass ich vor wenigen Tagen zu Samos angekommen bin, und durch die gute Besorgung meines Freundes Zenodor sogleich eine bequeme wohnung bezogen habe, worin ich dich je eher je lieber zu bewirten hoffe.

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Aristipp an Lais.

Wenn der Brief des Hippias, von welchem ich dir hier eine Abschrift überreiche, Stoff zu angenehmer Unterhaltung in einer deiner musurgischen163 Abendgesellschaften geben könnte, so würde ich mich wegen der kleinen Ungebühr, wodurch ich ihn erschlichen habe, hinlänglich entschuldiget halten. Du wirst finden, dass er ein wenig unbarmherzig mit dem armen Plato umgeht, und das neu ausgestellte hermaphroditische Mittelding von Dialektik und Poesie von einer zu schiefen Seite betrachtet, um ihm völlige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Indessen scheint doch Plato selbst (zu seiner Ehre gesagt!) keine grosse Meinung von der Stärke seiner Beweise für das künftige Leben unsrer Seelen im Hades und in der überirdischen Erde zu hegen; auch geht auf dem langweilig fortschneckenden Wege des Fragens und Antwortens so viel Kraft verloren; die wackern Tebanischen Jünglinge, Cebes und Simmias, die dadurch entbunden werden sollen, fühlen sich durch die Operation so abgemattet und die so mühsam zur Welt gebrachte Frucht selbst scheint so viel dabei gelitten zu haben, – dass es mich nicht wundert, wenn die sämmtlichen Interessenten kein sonderliches Vertrauen in ihre Dauerhaftigkeit zu setzen scheinen, und sich des Zweifels, ob es auch richtig mit der Niederkunft zugegangen, nicht recht erwehren können. Wie sollten sie auch, da Sokrates selbst sich am Ende, wie es nun Ernst werden soll, mit blossen Vermutungen und Hoffnungen behilft, und die reine Auflösung des Problems von der Erfahrung, die er zu machen im Begriff ist, erwartet?

Es bedarf keines tiefen Nachdenkens, um zu sehen, dass über den Zustand der Seele nach dem tod nicht eher etwas entschieden werden kann, bis erst eine befriedigende Antwort auf folgende fragen gefunden ist: was ist unsre Seele? – Wo und was war sie, bevor sie mit diesem leib verbunden wurde, ohne dessen Vermittlung sie, dermalen, weder empfinden, noch denken, noch wirken kann? Ist diese Unentbehrlichkeit ihres Organs eine blosse Bedingung unsers gegenwärtigen Lebens? Oder kann sie auch ohne dasselbe, als ein für sich bestehendes Wesen, fortfahren zu denken und zu wirken? Und, wofern diess nicht möglich wäre, kennen wir irgend ein Gesetz oder eine Veranstaltung in der natur, vermöge deren sie wieder mit einem andern, ihrem Bedürfniss angemessenen leib versehen werden könnte und müsste?

Es fehlt viel, dass der Platonische Sokrates auch nur Eine dieser fragen so beantwortet hätte, dass die Unmöglichkeit des Gegenteils augenscheinlich wäre. Gesetzt aber auch sie könnten so beantwortet werden, so wäre uns doch nur die Möglichkeit der Sache begreiflich gemacht, und es käme noch immer darauf an: ob alles Mögliche auch erfolgen müsse? oder, ob nicht die Erfahrung der einzige Weg sei, worauf wir gewiss werden können, dass unsre Seele den Verlust ihres Organs wirklich überleben werde?

Bei dieser Bewandtniss der Sache ist klar, dass, so lange die Menschen nicht Mittel finden, den dichten Vorhang, der noch immer vor die Mysterien der natur gezogen ist, aufzuziehen, nichts völlig Gewisses über das Fortdauern der Seele und ihren Zustand nach diesem Leben festgesetzt werden könne. Hoffnungen, Vermutungen, Hypotesen, sind alles, womit derjenige sich behelfen muss, der sich in den Gedanken nicht beruhigen kann: alles unter der Sonne hat einen Anfang und ein Ende; nichts besteht immer unter seiner gegenwärtigen Gestalt; alle Naturwesen, die wir kennen, haben einen gewissen Punkt der Reife, nach dessen Erreichung sie wieder abnehmen, und endlich, indem sie in ihre ersten Bestandteile wieder aufgelöset werden, aufhören zu sein was sie waren. Sollte nicht auch der Mensch sich dieses allgemein scheinende Naturgesetz, wofern es wirklich allgemein wäre, gefallen lassen? Warum nicht, wie ein gesättigter Gast von der Tafel der natur aufstehen und sich schlafen legen? – "Um nie wieder zu erwachen?" – Warum nicht, wenn wir dazu geboren sind? – Oder fühlst du auch, Laiska, dass etwas in dir ist, das sich gegen diesen Gedanken auflehnt? Eine Art von dunkelm aber innigem Gefühl, dass dein wahres eigentliches Ich eben darum immer fortdauern wird, weil es ihm unmöglich ist, sein eigenes Nichtsein zu denken; weil wir ohne Unsinn zu reden nicht einmal vom Nichtsein reden können? Sollte die Behauptung, "dass das Selbstständige in uns, welches unter allen Veränderungen, denen es unterworfen sein mag, immer sich selbst gleich bleibt, unvergänglich sei," noch einen andern Beweis bedürfen, als diesen: dass es uns eben so unmöglich ist Etwas als Nichts, wie Nichts als Etwas zu denken; und dass sich weder eine Ursache, wie, noch ein Zweck warum es zu sein aufhören sollte, ersinnen lässt? Sollte diess nicht die ganz einfache natürliche Ursache sein, warum uns der Gedanke an den Tod so selten und wenig beunruhigt? Wenn er sich uns auch darstellt, so wirkt er wenig mehr auf uns, als wenn uns jemand in grösstem Ernst versicherte,