Sinnenwelt nichts als einzelne Dinge, die sich durch alles, was an ihnen veränderlich ist, d.i. durch alles, was an ihnen in die Sinne fällt, von einander unterscheiden, in ihren Grundformen hingegen einander mehr oder weniger ähnlich sind, und nach dieser Aehnlichkeit von dem denkenden Wesen in uns in Gattungen und Arten eingeteilt werden. Gleichwohl sind diese letzteren blosse Begriffe, die wir uns von den wesentlichen Formen der Dinge zu machen suchen, und die zu diesen Formen sich nicht anders verhalten als wie die Schatten oder Widerscheine der Körper zu den Körpern selbst. Aber woher kommen uns diese Begriffe? Gewiss nicht von den Dingen der Sinnenwelt selbst, an denen wir nichts, was nicht veränderlich und in einem ewigen Fluss ist, wahrnehmen. Die wesentlichen Formen, wovon sie gleichsam die Schatten sind, müssen also ein von ihnen und von unsrer Vorstellung unabhängiges Dasein haben, und irgendwo wirklich vorhanden sein. Diess sind nun eben diese Ideen, die in Platons Philosophie eine so grosse Rolle spielen, deren Inbegriff die übersinnliche oder intelligible Welt ausmacht, und denen er (weil wir uns doch alles, was wirklich ist, nicht anders als in einem Orte denken können) überhimmlische Räume zum Aufentalt anweiset. Sie sind, nach seiner Meinung (die ihm geistige Anschauung ist), unmittelbar von der ersten ewigen Grundursache alles Denkbaren und Wahrhaftexistirenden erzeugt, und waren die Gegenstände, an deren Anschauen unsre Seelen sich weideten, bevor die strenge Anangke sie in diese Sinnenwelt und in sterbliche Leiber zu wandern nötigte. Sie sind aber auch die Urbilder und Muster, nach welchen untergeordnete Geister aus einem an sich selbst formlosen und durch seine unbeständige natur aller Form widerstrebenden Stoff die Sinnenwelt bildeten, wiewohl es nicht in ihrer Macht stand, ihnen mehr als den Schein jener ewigen unwandelbaren und in sich vollkommenen Formen zu geben, der gleichwohl alles ist, was an ihnen reell und wesentlich genennt zu werden verdient. Von diesem Schein – welcher (wie die Sonnenbilder im wasser) gleichsam der Widerschein der mehr besagten Ideen ist, fühlen sich nun die neuangekommenen Seelen, sobald sie sich aus der Betäubung des Sturzes in die Materie erholt haben, aufs lebhafteste angezogen. Die Meisten wähnen, dass die Gegenstände, die ein dunkles Nachgefühl ihres ehmaligen seligen Zustandes in ihnen erwecken, das, was sie scheinen, wirklich seien; sie überlassen sich also in argloser Unbesonnenheit dem Ungestüm der Begierden, von welchen sie zum Genuss derselben angetrieben werden; und was daraus erfolgt, ist bekannt. Nur sehr Wenige (nämlich, nach Plato, die Philosophen im ächten Sinn des Wortes) sind weise genug, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, sich aus den Schattenformen, die ihr Verstand in der Sinnenwelt gewahr wird, eine Art von Stufenleiter zu bilden, und so wie sie sich, von Irrtum und Sinnlichkeit gereinigt, über die materiellen Gegenstände erheben, nach und nach in das reine Element der Geister emporzusteigen und zu dem was wirklich ist, zu den ewigen Ideen und dem Auto-Agaton, ihrem Urquell, mit immer weniger geblendeten Geistesaugen aufzuschauen.
Hier hast du, in die möglichste Kürze zusammengezogen, das Platonische System oder Mährchen, wenn du willst, welches – allen meinen nur zu häufigen Verirrungen und Untertauchungen in den reizenden Schlamm der Sinnenwelt zu Trotz – so viel Anziehendes für mich hat, dass ich, wofern es wirklich nur ein Mährchen sein sollte, mich wenigstens des Wunsches, dass es wahr sein möchte, und in meinen besten Augenblicken des Glaubens, dass es wahr sei, nicht entbrechen kann. Ehrlich zu reden, ich kenne kein anderes, woran ich mich fester halten könnte, wenn mich die närrischen Zweifel über Sein und Nichtsein anwandeln, die bei meines gleichen sich nicht immer mit dem Sokratischen was weiss ich? oder dem Aristippischen was kümmert's mich? abfertigen lassen wollen. Verzeih, Lieber, wenn ich deine Gleichgültigkeit über diese Dinge auf der unrechten Seite angesehen haben sollte, und lass' dich meinen kleinen Hang zur Schwärmerei (die, wie du weisst, eben nicht immer die Platonische ist) nicht abschrekken mein Freund zu bleiben. Lastenia grüsst dich und empfiehlt sich dem Andenken ihrer Musarion. Du wirst es hoffentlich als ein ganz unzweideutiges Zeichen ihrer zur Reife gediehenen Sophrosyne ansehen, dass deine Antiplatonischen Briefe eine lebhafte und beinahe warme Verteidigerin an ihr gegen diejenigen gefunden, die ich weiss nicht welche Spuren eines alten Grolls und einer übel verhehlten Eifersucht darin ausgeschnuppert haben wollen. Denn im Grund ist sie noch immer eine so eifrige Platonikerin als damals, da sie zu Aegina mit dem kleinen unbeflügelten Amor am Busen von dir überrascht wurde.
11.
Aristipp an Speusippus.
Ich danke dir, lieber Speusipp, für das sehr angenehme Unterpfand deines wohlwollenden Andenkens, und für dein mildes Urteil von meinen Briefen an Eurybates, welchen, däucht mich, das Beiwort antiplatonisch nur sehr uneigentlich gegeben wird, da sie wenigstens eben so viel Lob als Tadel entalten, und mit gleichem Recht proplatonisch heissen könnten.
Verschiedenheit der Vorstellungsart wird Männer nie entzweien, deren Freundschaft, wie die unsrige, auf Uebereinstimmung der Gemüter in allem, was den Charakter edler und guter Menschen ausmacht, gegründet ist.
Der Unterschied deiner und meiner Art über Platons Philosophie zu denken scheint mir (den Einfluss der nahen Verwandtschaft und anderer Betrachtungen abgerechnet) hauptsächlich in dem Mehr oder Weniger Festigkeit und Ruhe des Gesichtspunkts gegründet zu sein, woraus wir beide überhaupt die Dinge anzusehen pflegen; aber ich liebe die Aufrichtigkeit, womit du die wahre Ursache