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gar in vollem Ernst einbilde, das wirklich zu sein, was ich zu andern zeiten nur vorstelle. Wenn ich bei ganz kaltem Blute in lauter klaren Vorstellungen lebe, denke ich von der Philosophie meines Oheims nahezu wie du; ich finde sie schwärmerisch, überspannt, meteorisch, unbegreiflich; seine Ideenwelt scheint mir ein gewaltiges Hirngespenst33 und sein Auto-Agaton34 eben so undenkbar als ein unsichtbares Licht oder ein unhörbarer Schall. Aber in andern Stunden, wo mein Gemüt zu den zartesten Gefühlen gestimmt und mein Geist frei genug ist sich mit leichterm Flug über die Dinge um mich her zu erheben, zumal wenn ich den wunderbaren Mann unmittelbar vorher mit der Begeisterung des lebendigsten Glaubens von jenen übersinnlichen Gegeständen reden gehört habe, dann erscheint mir alles ganz anders; ich glaube zu ahnen dass alles wirklich so sei wie er sagt; unvermerkt verwandeln sich meine Ahnungen in Gefühle, und ich finde mich zuletzt wie genötigt, für Wahrheit zu erkennen, was mir in andern Stimmungen träumerisch, lächerlich und blosses Spiel einer übergeschnappten Phantasie zu sein däucht. Warum (sage ich mir dann) sollte ein unsichtbares Licht, ein unhörbarer Schall, nicht unter die möglichen Dinge gehören? Kann nicht beides nur mir und meines gleichen unsichtbar, unhörbar sein? Kann die Schuld nicht bloss an meiner Zerstreuung durch nähere Gegenstände, oder an der Schwäche und Stumpfheit meiner Organe liegen? Scheint nicht dem, der aus einer finstern Höhle auf einmal in die Mittagssonne tritt, das blendende Licht dichte Finsterniss? Oeffnet sich nicht, wenn alles weit um uns her in tiefer nächtlicher Stille ruht, unser lauschendes Ohr den leisesten Tönen, die uns unter dem dumpfen Getöse des Tages, selbst bei aller Anstrengung des Gehörorgans, unhörbar blieben? – Soll ich dir noch mehr bekennen? Diese Schlüsse erhalten keine schwache Verstärkung durch eine Wahrnehmung, die ich oft genug an mir zu machen gelegenheit habe. Die Philosophie Platons kommt mir nie phantastischer vor, als wenn ich mich in den Wogen des alltäglichen Leben herumtreibe, oder beim fröhlichen Lärm eines grossen Gastmahls, im Teater, oder bei den Spielen reizender Sängerinnen und Tänzerinnen, kurz überall, wo entweder Verwicklung in bürgerliche Geschäfte und Verhältnisse, oder befriedigte Sinnlichkeit, den Geist zur Erde herabziehen und einschläfern. Wie hingegen in mir selbst und um mich her alles still ist, und meine Seele, aller Arten irdischer Fesseln ledig, sich in ihrem eigenen Element leicht und ungehindert bewegen kann, erfolgt gerade das Gegenteil; ich erfahre alles, von Wort zu Wort, was Plato von seinen unterirdischen Troglodyten erzählt, wenn sie ans Tageslicht hervor gekommen und aus demselben in ihre Höhle zurückzukehren genötigt sind. Alles was mir im gewöhnlichen Zustand reell, wichtig und anziehend scheint, dünkt mich dann unbedeutend, schal, wesenlos, Tändelei, Traum und Schatten. Unvermerkt öffnen sich neue geistige Sinne in mir; ich finde mich in Platons Ideenwelt versetzt; kurz, ich bedarf in diesen Augenblicken eben so wenig eines andern Beweises der Wahrheit seiner Philosophie, als einer der etwas vor seinen Augen stehen sieht, einen Beweis verlangt dass es da sei.

Ob nicht in diesem allen viel Täuschung sein könne, oder wirklich sei, kann ich selbst kaum bezweifeln: denn wie käm' es sonst, dass jene vermeinten Anschauungen keine dauernde überzeugung zurücklassen, und mir zu anderer Zeit wieder als blosse Träume einer über die Schranken unsrer natur hinaus schwärmenden Phantasie erscheinen? – Und dennoch dünkt mich, die Vernunft selbst nötige mich zu gestehen, es sei etwas Wahres an dieser übersinnlichen Art zu philosophiren. Dem grossen Haufen, d.i. zehnmal Zehntausend gegen Einen, ist es freilich nie eingefallen einen Augenblick zu zweifeln, dass alles, was ihm seine wachenden Sinne zeigen, wirklich so, wie es ihm erscheint, ausser ihm vorhanden sei; der Philosoph hingegen findet nichts wunderbarer und unbegreiflicher, als wie etwas (ihn selbst nicht ausgenommen) da sein könne. Wie lässt sich von einem Dinge sagen, es sei, wenn man nicht einmal einen Augenblick, da es ist, angeben oder festalten kann? Teile die Zeit zwischen zwei auf einander folgenden Pulsschlägen nur in vier Teile, und sage mir, welcher dieser fliegenden Zeitpunkte ist der, worin irgend ein zu dieser Sinnenwelt gehöriges Ding wirklich da ist? Im Nu, da du sagen willst es ist, ist es schon nicht mehr was es war, oder (was eben dasselbe sagt) ist das Ding, welches war, nicht; aber vor dem vierten teil eines Pulsschlags, und vor zehntausend derselben, konnte man eben dasselbe gegen sein Dasein einwenden. Es war, es wird sein, wäre somit alles was sich von ihm sagen liesse: aber wie kann man von dem, dessen Dasein in irgend einem Moment ich mir nicht gewiss machen kann, mit Gewissheit sagen es sei gewesen? es werde sein? Doch ich will zugeben dass diess dialektische Spitzfündigkeiten sind, die uns das zweifache Gefühl, dass wir selbst sind und dass etwas ausser uns ist, nicht abvernünfteln können. Ganz gewiss kann dieses Gefühl keine Täuschung sein: nur wird das Unbegreifliche in unserm Sein durch diese Gewissheit nicht aufgelöst. Wir und alle Dinge um uns her befinden uns in einem unaufhörlichen Schwankennicht, wie Plato sagt, zwischen Sein und Nichtsein, sondernzwischen "so sein" und "anders sein." Diess wäre unmöglich, wenn nicht allem Veränderlichen etwas Festes, Beständiges, Unwandelbares zum grund läge, das die wesentliche Form desselben ausmacht. Es gibt aber in dieser uns umgebenden