meines Schicksals entielten, und wendete den Rest der Nacht dazu an, sie zu durchlesen. "Ich wurde in jener Beschränkung erzogen, zu welcher so oft die isolirte Lage eines höhern Standes führt.
Meine Mutter hielt streng auf einmal hergebrachte Gewohnheiten, und in allen einfachen fröhlichen Genüssen der Jugend klirrten die Fesseln der Etikette mit ein. Tausend Ermahnungen, die Schicklichkeit, zu der meine Geburt mich verpflichtete, ja niemals aus den Augen zu setzen, begleiteten jeden meiner Schritte. natürlich waren diesen Vorstellungen für mich seelenlose Töne, wie alle conventionellen Begriffe es für uns sind, ehe wir die Verhältnisse kennen, aus denen sie sich erzeugen.
Alles was mich umgab zweckte darauf ab, mich zu isoliren, und mein weiches liebe-bedürfendes Herz strebte, mich mit allem zu verbinden. Meine ganze natur gewann mehr Stärke des Empfindens durch den Widerspruch, den sie von aussen erfuhr, als sie vielleicht in einer andern Lage gewonnen hätte.
Ein erhöhter Zauber von magischen Farben umstrahlte alle kleinen Verbindungen, die ich in den seltenen Gelegenheiten anknüpfte, wo ich mit mehreren Kindern meines Alters zusammenkam. Kein Ball, keine Assemblee verging, wo mir nicht irgend eine Gestalt erschien, welcher ich mich mit Liebe näherte, und nach der ich in den folgenden Tagen eine leidenschaftliche sehnsucht empfand.
Mein Verstand entwickelte sich nicht im gehörigen verhältnis zu meiner Einbildungskraft. Meine Lehrstunden waren nur mechanische Übungen. Ich gewann Kenntnisse und Fertigkeiten; aber ohne ausgezeichnetes Talent zu besitzen, schlossen sie sich zu keinem Ganzen in meiner Seele, und beschäftigten mich also auch nur einseitig. Es war immer etwas Unbeschäftigtes, etwas Überflüssiges in mir, welches nach einem Organ zur Wirksamkeit rang.
Meine Fantasie, die in keiner Kunstschöpfung erblühen konnte, waltete bildend über meinem gewöhnlichen Lebenskreis, wo sie nur Täuschung und Verwirrung erfuhr und erzeugte. Sie lag als eine Wolke zwischen mir und der Wirklichkeit, meine Genüsse und Leiden bildeten sich nur in diesem Medium, und mein Wesen trat aus dem Kreise der gewöhnlichen allgemein verbindenden Vorstellungen beinah heraus. Ich fühlte es, man fasste mich nicht, und so verlor auch ich das Vermögen, die Menschen um mich her rein zu verstehen. Zu meinem Unglück lagen auch nur lauter verschobene verwirrte Naturen in meinem näheren Kreise. Ein gesundes, starkes, lieblich gestimmtes Gemüt, welches sich dem meinigen zugeneigt, hätte vielleicht die Harmonie unter meinen Seelenkräften, und zu meinen äussern Verhältnissen wieder herstellen können. Aber der belebende Hauch der Liebe blieb mir fremd während meiner ersten Bildung. Mein Herz verschloss sich allen ungefälligen Gestalten meines ältern Cirkels, und die einzige holde Gestalt, die mich umgab, meine ältere Schwester, wurde früh verheiratet, und schwebte, als sie mich verliess, noch selbst zu sehr in jenem magischen Duft, der auch meinen Gesichtskreis bewölkte, um klar und bestimmt auf mich zu wirken. Mein jüngerer Bruder wurde ganz von mir getrennt erzogen.
Ich war der genaueren Aufsicht einer alten Französin übergeben. Diese wachte sorgfältig über mein Äusseres, über den Anstand mit welchem ich in ein Zimmer eintrat, und über die Art und Weise, wie ich jedem Mitglied der Gesellschaft zu begegnen hätte. Sie selbst glaubte durch den Wiederschein meines Ranges zu glänzen, und erhielt mich nach den Maximen meiner Mutter, in einer strengen Zurückhaltung gegen alles was mich umgab.
Meine Vernunft blieb unkultivirt, aber glücklicherweise blieb mein Herz gesund in seinem besten Vermögen. Ich ehrte die Wahrheit über alles, und war durch die Lebendigkeit meiner inneren Erscheinungen zu einer gewissen Erhabenheit des Sinnes gestimmt, die mich über allen kleinen Collisionen erhielt, in denen unsre Gutmütigkeit oft scheitert.
Ich verlebte meine Tage in einer sonderbaren Wehmut, zu der ein unbestimmtes Verlangen hinneigt. Die edlen Seiten meiner angebohrnen Verhältnisse wurden nie durch klare Vorstellungen, die einzig ansprechen, an mein Herz gelegt. Das Leben und Wirken für Andere, die immerwährende sorge und Tätigkeit für ein Ganzes, die gleichsam das reinste Element ist, in welchem ein menschliches Gemüt das reichste und reinste Dasein gewinnt, diese hatte man mir nie in der notwendigen Verbindung mit mancher Beschränkung meiner Lage gezeigt.
Wer für andere wirken will, muss seiner selbst gewiss sein, und die künstlichen Schranken, welche die Grossen oft um sich herlegen, sind immer als Symbole, die reelle Eigenschaften erzeugen oder ersetzen sollen, achtenswert. Ruhe Besonnenheit, Mässigung gesellen sich gern zu einem gleichförmigen feierlichen gang des Lebens. Man legte mir zuweilen diese Verhältnisse vor, aber es geschah ohne klarheit und Wärme. Wie so selten geniessen wir einer andern Erziehung als die der Umstände, und wie tausend kleine begebenheiten machen uns endlich zu dem was wir sind!
Die Musik war das einzige Organ zarter menschlicher Empfindungen um mich her; ich ergab mich ihr, und lernte sie mit leidenschaft.
Meine Bücher waren einer strengen Wahl unterworfen, aber wie die Vorsichtigkeit immer der natur eine Lücke geöffnet lassen muss, so schlich sich auch unter dem Vorwande der Sprachstudien, manches Contrebande mit ein.
Die Äneis berührte gewisse zarte saiten in meinem Wesen am ersten, und während mein alter Lehrer nur Construktionen, Substantive und Adjektive sah, drang die mächtige stimme der leidenschaft, in den Schicksalen der armen Dido, an mein Gemüt.
Diese bestimmt gezeichneten Bilder schoben sich meinen italienischen Arien unter, die ich mit grosser Wahrheit des Ausdrucks singen lernte.
Ein sanftes, zärtliches Mädchen, die wie ich, unter dem Druck einer sogenannten feinen Erziehung seufzte, bekam auf einer Landpartie, wo ich meine Mutter begleitete, gelegenheit sich mir zu