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Verfassung als Bern, die noch in Ulm und Nürnberg teilweise zu finden wäre, wenn beide nicht während der RevolutionWitterung mehr zurück als vorwärts gekommen wären. Vor kurzem waren Nürnberg und Ulm so glücklich, wie Kuhschnappel noch ist, dass sie nicht von gemeinen Handwerkern, sondern bloss von gutem Adel regieret wurden, ohne dass ein gemeiner Bürger sich in person oder durch Stellvertreter19 hätte im geringsten darein mischen können: jetzt leider scheint man in beiden Städten das Fass des staates, weil der obere Bierhahn saures Gesöff herausliess, unten einen Zoll hoch über der Hefe des Pöbels angezapft zu haben. – Ich kann aber hier unmöglich weiter gehen, wenn ich nicht einen zu gewöhnlichen Irrtum über grosse Städte aus dem Wege räume.

Die Behemots und Kunturs unter den StädtenPetersburg, London, Wiensollten, wollte man, die Gleichheit der Freiheit und die Freiheit der Gleichheit allgemein einführen; diesen Endzweck erraten die wenigsten Statistiker, aber er ist so klar. Denn eine Hauptstadt von 2 1/4 Stunde in Umfang ist gleichsam ein Ätnas-Kessel von gleichem Umkreise für ein ganzes Land und hilft der Nachbarschaft nicht bloss, wie der Vulkan, durch ihre Auswürfe, sondern durch ihre Einfüllungen (Repletionen) auf; sie säubert mit Erfolg das Land von Dörfern und später von Landstädtendiesen ursprünglichen Wirtschaftgebäuden der Residenzen –, indem sie von Jahr zu Jahr immer mehr auseinanderrückt und sich so mit den Dörfern vermauert und verwächst und umrankt. Man weiss, dass London schon die nächsten Dörfer in seine Gassen verwandelt hat; aber nach Jahrhunderten müssen die länger und auseinander wachsenden arme jeder grossen Stadt nicht bloss die Dorfschaften, sondern auch die Landstädte ergreifen und zu Vorstädten erheben. Dadurch werden nun die Steige und Felder und Wiesen, die zwischen der Riesenstadt und den Dörfern lagen, wie das Bette eines Flusses überdeckt mit einem Steinpflaster, und der Ackerbau kann folglich nur noch inBlumenscherben am Fenster blühen. Ohne Ackerbau sehe' ich nicht, was Ackerbauleute anders sein können als Tagediebe, die kein Staat duldet; da man aber einen Fehler besser verhütet als bestraft, so muss der gute Staat solches Landvolk, noch ehe dasselbe zu Tagedieben geworden, wegräumen, es sei durch wirksame Inhibitoriales der Bevölkerung oder durch dessen Abraupen oder durch Veredlung in Soldaten und Bedienten. In der Tat würden in einem dorf, das ein eingefügter Zwickstein einer Stadt, eine eingereifte Fass-Daube des Heidelberger Residenzfasses geworden wäre, noch übrig gebliebne Bauern ebenso lächerlich als müssig sein: die Korallengehäuse der Dörfer müssen gleichsam ausgeleert sein, ehe sie das zusammengetürmte Riff oder Eiland einer Stadt erbauen.

Dann ist wohl der schwerste Schritt zur Gleichheit getan; jetzt müssen die inneren Feinde der Gleichheit, die Bürger, ebensogut wie die Bauern von der Hauptstadt bekämpft und womöglich ausgereutet werden, welches mehr ein Werk der Zeit als besonderer Verordnungen ist. Inzwischen ist das, was einzelne Residenzstädte hie und da geleistet haben, wenigstens ein Anfang. Dürfte man sich aber das Ideal ausmalen, dass einmal wirklich sich die zwei mächtigsten Oppositionparteien und Widerlagen der Gleichheit, Bürger und Bauern, aus den Riesenstädten durch eine lange Reihe von Glückzufällen verloren hätten; ja dass mit dem Ackerbau sogar der niedere Adel, der ihm obgelegen, zugleich gefallen wäre: so würde eine edlere Gleichheit, als in Gallien war, wo nur lauter gleicher Pöbel wohnte, auf die Erde kommen, es würde lauter gleichen Adel gehen, und die gesamte Menschheit besässe dann einen Adelbrief und lauter echte Ahnen. In Paris schrieb die Revolution alles wie in den ältesten zeiten mit lauter kleinen Buchstaben; nach meiner Voraussetzung würden dann wie in den spätern lauter Anfang– oder Kapitalbuchstaben gebraucht, die jetzt nur wie Türme aus vielen kleinern vorragen. Wenn aber auch ein solcher hoher Stil, eine solche Veredlung der Menschheit nur eine schöne Dichtung bliebe und man nur mit dem kleinern Glücke zufrieden sein müsste, dass in den Städten, wie jetzt eine Judengasse, so eine Bürgergasse übrig bliebe so wäre genug für die geistige Menschheit in den Augen eines jeden erbeutet, der bedenkt, wie ausgebildet der hohe Adel ist, besonders der teil desselben, der den grössten ausbildet. –

Aber diese Nobilitierung der gesamten Menschheit gewähren uns die Reichsstädte viel sicherer als die grössten Residenzstädte.

Dieses führt mich auf Kuhschnappel zurück. Man scheint in der Tat zu vergessen, dass es zu viel gefodert ist, wenn die vier Quadrat-Wersten, die eine Residenz etwa gross ist, mehr als 1000 Quadratmeilen des umliegenden Landes überwältigen, verdauen und in Bestandteile von sich verwandeln sollen, so wie die Riesenschlange grössere Tiere verschlucket, als sie selber ist. London hat nicht viel über 600000 Bewohner: welche ungleiche Macht gegen die 5 1/2 Millionen des ganzen Englands, denen die Stadt allein entgegenarbeiten und Flügel und Zufuhr abschneiden soll, Schott- und Irland nicht einmal eingerechnet! – So steht es mit guten Reichsstädten nicht: hier ist die Zahl der Dörfer, Bauern und Bürger, die bezwungen, ausgehungert und weggetrieben werden sollen, in einem richtigen Verhältnisse gegen die Grösse der Stadt, der Patrizier oder regierenden Geschlechter, die sich damit zu befassen haben und den ebnenden Schlichtobeln der Menschheit vorarbeiten. Hier ist es nicht schwer, den Bürger als einen groben Bodensatz, der im Adel schwimmt niederzuschlagen. Es ist, wenn es ihnen mit dieser Niederschlagung misslingt, bloss die Schuld der Patrizier selber, weil sie oft am falschen Orte schonen und die Bürgerbank für eine Grasbank im Garten halten, deren Gras zwar für das Niedersitzen und Erdrücken wächset, die man