Passagier machte übrigens ausser den Schatten-Holzschnitten noch Luftarten; worunter ihm keine gelang als die phlogistische, die er leicht mit seiner Lunge verfertigte, und in der er, gleich den Pflanzen, gedieh und sich färbte: sie ist einatembar und bekannter unter dem Namen "Wind", um sie von den andern, untrinkbaren phlogistischen zu unterscheiden. – Als der phlogistische Windmacher, der von Stadt zu Stadt aus dem tragbaren Kateder seines Leibes gute Vorlesungen über die andern Luftarten hielt, das Macher- und Schneiderlohn und sich fortgetragen hatte, so bemerkte Heinrich nur folgendes: "Reisen und dozieren zugleich sollten Tausende; wer sich auf drei Tage einschränkt, kann sicher darin über alle Materien als ausserordentlicher Lehrer lesen, von denen er wenig versteht. So viel sehe' ich schon, dass sich jetzt überall leuchtende Wandelsterne um mich und andere drehen, die uns über Elektrizität, über Luftarten, über Magnetismus, kurz, über die Naturlehre ein fliegendes Licht zuwerfen; aber das ist nur etwas: ich will an diesem Entenflügel erstikken, wenn solche Katederfahrer und Kurrendlehrer (nicht Kurrendschüler) nicht überhaupt über alles Wissenschaftliche lesen können, und mit Nutzen, über die kleinsten Zweige besonders. Könnte nicht der eine auf das erste Jahrhundert nach Christi Geburt – oder aufs erste Jahrtausend vor derselben, weil es nicht länger ist – vorlesend reisen, ich meine nämlich, solches den Damen und Herren in wenigen Vorlesungen beibringen, der zweite aufs zweite, der dritte aufs dritte, der 18te auf unseres? Solche transzendente Reiseapoteken für die Seele kann ich mir gedenken. Ich freilich für meine person bliebe dabei nicht einmal, ich kündigte mich als peripatetischer Privatdozent in den allerkleinsten Kapiteln an – z.B. ich würde an kurfürstlichen Höfen Unterricht über die Wahlkapitulation erteilen, an altfürstlichen bloss über die Fürstenerianer – exegetisch an allen Orten über den 1. Vers im 1. Buch Mosis – über den Seekraken – über den Satan, der halb dieser sein mag – über Hogarts Schwanzstück, mit Beiziehung einiger Vandykischen Köpfe auf Gold- und Kopfstücken – über den wahren Unterschied zwischen Hippozentauren und Onozentauren, den der zwischen Genies und deutschen Kritikern134 am meisten aufhellet – über den ersten Paragraph von Wolf oder auch von Pütter – über Ludwigs (XIV.) des Vergrösserten Leichenbier und Volkfeste unter seiner Bahre – über die akademischen Freiheiten, die ein akademischer kursorischer Lehrer sich ausser dem Ehrensold nehmen kann, und deren grösste oft der Torschluss des Hörsaals ist – überhaupt über alles. So und auf diesem Wege (will es mir vorkommen), wenn hohe circulating schools135 so gemein würden wie Dorfschulen, wenn die Gelehrten (wie man doch wenigstens angefangen) als lebendige Weberschiffe zwischen den Städten auf und niederfahren und den Faden der Ariadne, wenigstens der Rede, überall anhängen und zu etwas verweben wollten; auf einem solchen Wege, wenn jede Sonne von einer Professur nach dem ptolomäischen System ihr Licht selber um die finstern, auf Hälse befestigten Weltkugeln herum trüge – welches wohl offenbar nichts vom kopernikanischen hätte, nach welchem die Sonne auf dem Kateder stille steht, mitten unter den herreisenden und umlaufenden Wandelsternen oder Studenten – auf diesem Wege könnte man sich endlich einige Rechnung machen, dass aus der Welt etwas würde, wenigstens eine gelehrte. – Weisen würde der blosse Stein der Weisen, das Geld, den Toren aber würden die Weisen selber zuteil, und Wissenschaften aller Art und noch mehr die Wiederhersteller der Wissenschaften kämen auf die Beine – es gäbe keinen Boden mehr als klassischen, worauf man mitin ackern und fechten müsste – jeder Rabenstein wäre ein Pindus, jeder Nacht- und jeder Fürstenstuhl eine delphische Höhle – und man sollte mir dann in allen deutschen Kreisen einen Esel zeigen. – – Das folgte, wenn alle Welt auf gelehrte und lehrende Reisen ginge, der teil der Welt freilich ausgenommen, der durchaus zu haus sitzen muss, wenn jemand da sein soll, der hört und zahlt – gleich dem point de vue, wozu man bei Heerschauen oft den Adjutanten erlieset." – –
Auf einmal sprang er auf und sagte: "Wollte Gott, ich ginge einmal nach Brückenau136. Dort auf Badezubern wäre mein Lehrstuhl und Musensitz. Die Kauffrau, die Rätin, die Landedelfrau oder deren Tochter läge als Schaltier im zugemachten Bassin und Reliquienkasten und steckte, wie aus ihrer andern Kleidung, nichts heraus als den Kopf, den ich zu bilden hätte – welche Predigten wollt' ich als Antonius von Padua erobernd der weichen Schleie oder Sirene halten, wiewohl sie mehr eine Festung mit einem Wassergraben ist! Ich sässe auf der hölzernen Hulfter ihrer feurigen, wie Phosphor unter wasser gehaltenen Reize und dozierte! – Was wär' aber das gegen den Nutzen, den ich stiften könnte, wenn ich mich selber in ein solches Besteck und Futteral einschöbe und drinnen im wasser wie eine Wasserorgel ginge und als Flussgott meine wenigen Amtgaben an der Schulbank auf meiner Wanne versuchte; wenn ich zwar die Lehr-Gestus unter dem warmen wasser machte, weil nur der Kopf mit dem Magisterhut aus der Scheide, wie ein Degenknopf, herauslangte, indessen aber doch schöne Lehren, üppige unter wasser stehende ReisÄhren und Wasserpflanzen, einen philosophischen Wasserbau und dergleichen aus dem Zuber heraustriebe und alle Damen, die ich jetzt ordentlich mein Quäker- und Diogenes-Fass umringen sehe, mit dem herrlichsten Unterricht besprenget entliesse? – Beim Himmel! ich sollte nach Brückenau eilen, als Badgast weniger denn als Privatdozent." –
Sechzehntes Kapitel
Abreise – Reisefreuden – Ankunft
Firmian schied. Er reisete aus dem Gastofe