kleine Verachtung für die Menschen, denen die Nachricht an den Buchbinder lieber ist als das Buch, und die Rezension eines Autors lieber als sein System, und für welche die Erde keine Entzifferkanzlei des buches der natur, sondern ein Sprachzimmer, eine Zeitungbude elender Personalien ist, die sie weder benutzen noch behalten noch beurteilen, sondern nur erzählen wollen; und es ekelten ihn die deutschen Gesellschaften, in denen man so wenig philosophiert. – O wie selig war er, einmal einen ganzen Tag mit einem andern denken, und was noch schöner ist, zugleich dichten zu dürfen!
Seine Zweifel über das Grösste, was unsern Kopf erdrücken und unser Herz erheben kann, wurden heute zu fragen – die fragen zu Hoffnungen – die Hoffnungen zu Ahnungen. Es gibt Wahrheiten, von denen man hofft, grosse Menschen werden stärker von ihnen überzeugt sein, als man es selber sein kann; und man will daher durch ihre Überzeugung die seinige ergänzen. Dahore hielt die zwei grossen Wahrheiten (Gott und Unsterblichkeit), die wie zwei Säulen das Universum tragen, fest an seinem Herzen; aber er fragte wie die seltnern Menschen, denen die Wahrheit nicht bloss das Schaugericht der Eitelkeit und der Nachtisch des Kopfes ist, sondern ein heiliges Abend- und Liebemahl voll Lebengeist für ihr müdes Herz, er fragte wenig darnach, wenn er keine Anhänger machen konnte. Viktor fühlte, dass er den Artillerietrain und die elektrischen Pistolen und Batterien der Disputierkunst besser zu handhaben verstehe als Emanuel; aber er würde seine eigne Zunge verabscheut haben, wenn sie ihre Leichtigkeit gegen diese schöne Seele gerichtet hätte. Er schwieg aus zwei Gründen. "Versuch es," sagt' er, "von einer grossen, dein ganzes Wesen umfassenden leuchtenden Wahrheit auf dem fliegenden Sekundenweiser, worauf man im flüchtigen gespräche steht, mit den wenigen trocknen Tuschen, womit menschliche Ideen anzufärben sind, und mit der unbehülflichen Menschenzunge, womit du diese Farbenkörner ausbreiten musst, versuch es, von deiner Wahrheit ein Schmelzbild, ein Altarblatt zu gehen – wahrhaftig ein Schattenriss, ein durchsichtiges Sternbild wird alles sein, was du liefern kannst." Der lichte Himmel gewisser einfacher tieffühlenden Menschen hüllet, wie der äussere, alle seine Sonnen, die wärmste ausgenommen, mit dem Schein eines öden Blaues zu; aber der unreine Himmel anderer voll Witz und Logik ist mit Nebensonnen, Bögen, Nordscheinen, Wolken und Rot geputzt.
Der zweite, bessere Grund, warum er die Opponenten-Ehre verschmähte, war sein Herz, das mehr in sich schloss, als der Kopf beleuchten konnte. Gewisse Ansichten können nicht so leicht wie Mauergemälde in Italien abgelöset werden und aus einem kopf in den andern gebracht – das Licht, das dir der andre gehen kann, zeigt, aber zimmert nicht den Hausrat deines inneren, und das, was das Licht bei einigen wirklich erschafft, ist Lufterscheinung, optischer Betrug, aber kein Körper34. – Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer Wahrheit, d.h. eines Gegenstandes an, sondern auf die Wirkungen, die er durch dein ganzes Inneres macht. Warum gibt es denn Menschen, die uns, wie Sokrates den Aristides, heiligen, bloss wenn wir bei ihnen sind? – Wie vermögen es grosse Schriftsteller, dass ihr unsichtbarer Geist in ihren Werken uns ergreift und festält, ohne dass wir die Worte und Stellen angeben können, womit sie es tun, wie ein vollbelaubter Wald immer brauset, ohne sich mit einzelnen Ästen zu bewegen? – Warum überwältigte Emanuel seinen geliebten Horion – mehr als durch breite Tesesbilder, rationes decidendi und sententiae magistrales – bloss durch die Verklärung in seinem Angesicht, durch den leisen Echoton seiner stimme, durch den Glanz in seinem blick und durch die Andacht in seiner Brust, wenn er Wahrheiten, die der Sprache alt und dem Herzen neu waren, feierlich sagte, wie folgende:
Der Mensch geht wie die Erde von Westen nach Osten, aber es kommt ihm vor, er gehe mit ihr von Osten nach Westen, vom Leben ins Grab.
Das Höchste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen für die tätige Welt (wie die höchsten Berge keine Gewächse tragen), und aus der Kette schöner Gedanken können sich nur einige Glieder als Taten ablösen35.
Unsere zwecklose Tätigkeit, unsere Griffe nach Luft müssen höheren Wesen vorkommen wie das Fangen der Sterbenden nach dem Deckbette.
Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sinnenlicht auslöscht, wie Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht auslöscht. – –
Warum blieben diese Gedanken als Schauder in der Seele? Weil Horion etwas Höheres fühlte, als je die Sprache, die nur für die Alltag-Empfindungen erfunden ist, wiedergeben kann – weil er schon in seiner Kindheit die Systeme hasste, die alles Unerklärliche verstecken, und weil der Menschengeist sich im Erklärlichen und Endlichen so erdrückt empfindet, als er es in einem Bergwerk oder durch den Gedanken ist, dass sich oben irgendwo der Himmelraum zuspünde.
Wie hätt' er den Mut oder Anlass haben können, an einem solchen Tage Emanuel um seinen Sterbetag zu befragen, oder um Klotilden? – Viktor hatte jene gesellschaftliche Phantasie, die sich leicht in die Stelle der unähnlichsten Menschen, des Weibes und des Philosophen, versetzt. Abends ging Dahore ins Stift, um Astronomie, seine geliebteste Wissenschaft, zu lehren. Unter der astronomischen Lehrstunde wurde Julius offnes Gesicht ein offner Himmel; er sagte seinem Viktor alles wie einem zweiten Vater. Hier erzählte er ihm treuherzig, dass im vorigen Jahr immer