dem zweimaligen Verbessern von zwei Auflagen (denn die erste erhielt grosse Verbesserungen, und zwar vor ihrem Drucke) ein drittes vorgenommen, das gegen Härten, Dunkelheiten? Missverstand und andere Überlängen und Überkürzen der Einkleidung loszugehen hatte. Aber Himmel, wie oft muss nicht ein Schreibmensch an sich bessern, der kaum über ein halbes Jahrhundert alt ist! Lebte er sich vollends in ein Metusalems-Jahrtausend hinein und schriebe dabei: der Metusalem bekäme so viele Bände von Verbesserungen nachzuschiessen, dass das Werk selber ihnen nur als Vorwerk, Anhängsel oder Ergänzblatt beizugeben wäre. Seit mehren Jahren hasst der Verfasser in seinen ältern Werken einen Fehler in hohem Grade, den er bei Ernst Wagner, Fouqué und andern häufig wiederholt oder nachgeahmt angetroffen, nämlich den Fehler der eignen schriftstellerischen Austrommelsucht oder Vorsprecherei der Empfindungen, welche der Gegenstand haben und zeigen soll, aber nicht der Dichter. Z.B. "erhaben ruhig antwortete Dahore." – Wozu erhaben beifügen, da es überflüssig, anmassend und vorausnehmend ist, sobald die Antwort wirklich erhebt, oder, wenn sie es nicht tut, alles noch erbärmlicher ausfällt? Der Dichter, der auf diese Weise das Vor-Echo seiner Personen ist, nimmt sich einige neuere Trauerspieldichter wie Werner, Müllner u.a. zum Muster, welche für den Schauspieler bei jeder Rede die Buchbinder-Nachrichten vorsetzen: "mit rührendem Schmerze – mit einem Seufzer schmerzlicher Erinnerung – aus der Tiefe des Schmerzes herauf" – lauter Macht- oder Unmachtsprüche, die nur ein pantomimischer Tanz nötig hat und befolgen kann, die aber kein Stück von Shakespeare, von Schiller und Goete braucht, weil ja die Rede selber reden lehrt.
übrigens hab' ich jetzt, um ein Viertel-Jahrhundert älter und gealtert, nicht den Mut, dem ersten jugendlichen Ausströmen des Herzens ein anderes Bette und einen schwächern Fall und Zug zu geben. Der spätere Mensch hält zu leicht das Ändern am jüngern für ein Bessern desselben; aber wie kein Mensch den andern ersetzen kann, so kann auch nicht einmal derselbe Mensch sich in seinen verschiedenen Alterstufen vertreten, am wenigsten der Dichter. Die beste eheliche Liebe ist nicht das, was die jungfräuliche war; und so gibt es auch in der Begeisterung und in der Darstellung eine jungfräuliche Muse. Ach alles erste im Dichten wie Leben ist, was ihm auch sonst abgehe, so unschuldig und gut; und alle Blüten kommen so rein weiss auf die Welt, worin nachher "die Sonne", wie Goete schon von körperlichen Farben sagt, "kein Weisses duldet". Darum sollen alle heisse Worte meiner Begeisterung für Emanuels Sterben und Viktors Lieben und Weinen und für Klotildens Schweigen und Leiden stets im Hesperus ungekühlt und unverändert stehen bleiben. Sogar das jetzt soll dem Sonst nichts nehmen. Denn ob ich gleich seit 25 Jahren durch einige Nachahmungen und Nachspiele des buches ordentlich mich selber satt bekommen: so überwind' ich doch den Überdruss an dieser Selbersatteit durch die Hoffnung, dass der schreibende Jüngling später wieder auf lesende Jünglinge und Jungfrauen treffen und dass künftig auch für ältere Leser mehr vom Nachgeahmten als von den Nachahmungen übrig bleiben wird. Und so lege denn dieser Abendstern – der früher der Morgenstern meiner ganzen Seele gewesen – seinen dritten Umlauf um die Lesewelt in dem vollern Lichte eines bessern Standes gegen Sonne und Erde zurück! Baireut den 1. Jenn. 1819.
Jean Paul Fr. Richter.
Vorrede zur zweiten Auflage
Noch hab' ich von dieser Vorrede weiter nichts zustande gebracht als einen leidlichen Entwurf, den hier der Leser ungeschminkt bekommen soll. Vielleicht heb' ich durch das Geschenk dieses Entwurfs auch den Vorhang auf, der noch immer an meiner literarischen Arbeitloge herunterhängt, und ders der Nachwelt versteckt, wie ich darin arbeite als mein eigner dienender Bruder und als Meister vom schottischen Stuhl. Ein Entwurf ist aber bei mir kein Predigtentwurf in Hamburg, den der Hauptpastor am Sonnabend ausgibt und am Sonntag ausführt – er ist kein Gliedermann, keine Akademie, kein Kanon, wornach ich schaffe – er ist kein Knochenskelett für künftiges Fleisch; – sondern ein Entwurf ist ein Blatt oder ein Bogen, auf welchem ich mir es bequemer mache und mich gehen lasse, indem ich darauf meinen ganzen Kopf ausschüttele, um nachher das Fallobst zu sichten und zu säen, und das Papier mit organischen Kügelchen und mit Lagen von Phönixasche bedecke, damit ganze schimmernde Fasanereien daraus aufsteigen. In einem solchen Entwurfe halt' ich die unähnlichsten und feindlichsten Dinge bloss durch Gedankenstriche auseinander. Ich rede mich in dergleichen Entwürfen selber an und duze mich wie ein Quäker und befehle mir viel; ja ich bringe darin häufig Einfälle vor, die ich gar nicht drucken lasse, weil entweder kein Zusammenhang für sie auszumitteln ist, oder weil sie an sich nichts taugen. Und nun wird es Zeit sein, dass ich dem Leser einen solchen Entwurf wirklich darbiete, welches diesesmal der Entwurf der gegenwärtigen Vorrede selber ist. Er ist überschrieben:
Architektonik und Bauholz für die Vorrede zur
zweiten Auflage des Hesperus
"Mache sie aber kurz, da der Welt der gang durch zwei Vorzimmer in die Passagierstube des buches ohnehin lang wird – Scherz' anfangs – Selten schiebt einer auf der literarischen Kegelbahn alle neun Musen – Der Schluss aus der Reflexion – Bringe viele Ähnlichkeiten zwischen dem Titel Hesperus und dem Abendsterne oder der Venus heraus, dergleichen etwa sein müssen, dass meiner wie diese voll spitzer hoher Berge ist, und dass beide ihrer Unebenheit ihren grösseren Glanz verdanken, ferner dass der eine wie die andere im Durchgang durch die