hierbei zugegen wäre!"
"Wollen wir tiefer philosophiren," fuhr L o c k m a n n ferner fort, "so gibt uns die Musik in ihrer Mannigfaltigkeit gleichsam die allerfeinsten Elemente der Zeit. Die Sekunde, womit wir die Minute, und die Minute, womit wir die Stunde messen, passen so ziemlich für die gewöhnlichen Pulsschläge unsers Lebens. Die Vocale der Töne und Sprachen aber können wie Blitze nach der Schnelligkeit unsrer Gedanken, Gefühle und Handlungen entstehen und verschwinden."
"Die Füsse insgesamt sind die mannigfaltigen Formen der Bewegung in ihrer Reinheit von der Materie abgesondert. Die Mittel, wodurch sie sich dem Gehör äussern, sind Töne und Worte; und durch Töne und Worte stellt die Kunst die Wirklichkeit in der natur selbst dar."
"Wir wollen also zum Beispiel nur d i e Wirklichkeit aufsuchen, die der allgemeinste Fuss in allen Sprachen, der J a m b o s , darstellt ∪ –; und diess am Menschen. Er bewegt sich am öftesten mit Händen, Armen, Füssen und Beinen. Wir finden gleich die Form, wenn er mit der Rechten aushohlt und zuschlägt. Die kurze Sylbe drückt die Bewegung aus, und die lange die auffallende Kraft. An den Beinen ist sie ein Sprung, ein rasch fortgesetzter Doppelschritt. Wollen wir noch andre Teile des Körpers nehmen? Ein zum Kusse gehaschter Mädchenkopf. Nun die Worte, welche diese Handlung ausdrücken: i c h schlug, ich sprang, ich schritt, ich k ü ss t e s i e . Die Form kommt ganz mit der Bewegung überein."
"Dem J a m b folgt der A n a p ä s t ∪ ∪ –, und der v i e r t e P a i o n ∪ ∪ ∪ –. Die Kraft wird mächtiger bewegt: von dem Gebirg' in das Tal herab zu der vertilgenden Schlacht."
"G l u c k geht mit seiner lebendigen Kunst in der Arie des Achilles noch viel weiter, bei
∪ – ∪ ∪ ∪ ∪ ∪ –
Calcas d'un trait mortel percé;
man hört und sieht den Wurfpfeil fliegen, und mit fürchterlicher Gewalt durchbohren."
"Die diesen entgegen gesetzten Füsse haben nichts Angreifendes, und sind furchtsam, schüchtern, zärtlich, weichlich, freudig, oder auch sicher und majestätisch; Kraft im Genuss ihrer selbst und des Lebens; und so weiter."
"Die Sylben und Wörter der Sprachen sind wahrscheinlich erst nach blossen Tönen entstanden und erfunden worden; und so scheint auch der Vers seinen Ursprung der Melodie zu verdanken zu haben. Für das epische Gedicht hat ihn hernach schon die verstärkte Aussprache eingeführt. Eine gewisse Harmonie des Zeitmaasses erleichterte nicht allein die Anstrengung der stimme, sondern machte auch den Vortrag fasslicher und gefälliger."
"Der Vers richtet sich nach der Verschiedenheit der Sprachen, und nach dem Inhalt und Umfang des Ganzen."
"Die Stammsylbe, das Wesentliche des Worts, erfordert zwar an und für sich längere Dauer, als die Nebensylben; doch kann die natur des Dinges, die Beschaffenheit und das verhältnis desselben zu andern, in der Verbindung sie äusserst kurz machen."
"Der Reim in den neuern Sprachen ist meistens nur ein sinnliches Zeichen des vollendeten Zeitmaasses."
"Eben weil der Vers ein grösseres Zeitmaass als ein Fuss sein soll, muss er aus mehreren Füssen bestehen; und so eine Strophe aus mehreren Versen."
"Die Teile der längsten Taktarten, und die Sylben aller Füsse, lassen sich, wie jede Zahl, auf gleich oder ungleich zurück bringen; jedoch nicht auf ein Maass von zwei oder drei. Es gibt so erhabene Gefühle und Gegenstände, für die ein solches zu kleinlich wäre, wenn man es merkte. Sogar die längsten Taktarten sollten bei hohen lyrischen Scenen nur hörbar sein, wie Geripp in lebendiger Schönheit erscheint."
"Obgleich die Worte der Opern im Italiänischen und Französischen fast durchaus Jamben sind, so kommen doch alle Füsse der Griechischen Poesie darin vor: aber nur wild und von ungefähr, nicht durch die Kunst für sichre wirkung gebildet; welche höherer Genuss und Verstand mit der Zeit doch wieder einführen wird45."
"Der Jambische Vers der Griechischen Schauspiele bestand aus sechs Füssen. Im zweiten, vierten und sechsten fuss musste der Schwung des J a m b o s immer rein herrschen; nur im vierten durfte der T r i b r a c h y s bei der Majestät der Tragödie sich noch blicken, lassen, äusserst selten im zweiten und letzten. Die Komödienschreiber hatten grössere Freiheit. Im ersten, dritten und fünften fuss nahmen zwar zur Abwechselung noch der S p o n d e i o s , A n a p a i s t o s und D a k t y l o s ihre Stelle ein; aber nie erschien der T r o c h a i o s . So zart war das Ohr der Atenienser!"
"Die Italiäner sind schon zufrieden, wenn in ihren fünffüssigen Jambischen Versen nur zwei erträgliche Jamben vorkommen, und sie nehmen darin alle andern Füsse auf Sie haben weiter keine Regel, als den Wohlklang. Eben so die Franzosen. Daraus entsteht bei ihren Versen, Arien und Stanzen eine unendliche Mannigfaltigkeit; die entgegen gesetztesten Füsse vereinigen sich da zusammen. Zuweilen findet sich nach der gewöhnlichen Aussprache, selbst bei den besten Dichtern, nicht Ein Jamb. Man nehme den A r i o s t in einer Menge Verse.