der am Tore zu Strassburg auf der Wache war, als ein Fremder hereinritt, kommend vom Vorgebirge der Nasen, mit der grössten Nase, von welcher Welt und Nachwelt keinen Begriff haben würden, wenn der berühmte Hafen Slawkenbergius nicht sorge getragen hätte, sie ganz genau zu beschreiben.
Diesem Trommelschläger gleicht unser Held nun auf gar keine Weise; denn er hat keinesweges säbelförmige, sondern gesunde ganz gerade Beine, mit netten Waden, wohlgeformt gleich den Waden des Apoll von Belvedere. Weder wurstförmige Waden, welche zufolge der Bemerkung des Physiognomisten Johannes Baptista Porta eine Eigenschaft der hagedornschen Schnarcher voller Schulgeschwätze sind, die jedem Naemanns Krätze gönnen, der von ihrem Systeme abweicht, noch schlotterige, gleich den Waden weiland Johann Kaspar Kubachs, des Gebetelden, der mit seinem Gebete nie Wunder getan hat.
Dem Doktor Slop, mögt Ihr ihn Euch auch denken wie Ihr wollt, ist unser Held gleichfalls nicht im mindesten ähnlich. Seht den Doktor nur an, es sei wie ihn Hogart [Fussnote] schlafen lässt, oder wie ihn Chodowiecki vom Pferde wirft; und Ihr müsst gleich merken, Anselm Redlich müsse ein ganz anderes Kerlchen sein. Ihr werdet weiter unten finden, er ist rundlich, niedlich, witzig, gelehrt, galant, dem Frauenzimmer ergeben und nebenher zuweilen ein wenig ein Hasenfuss, unbeschadet seiner Sittsamkeit, Gelehrsamkeit und besonders seiner Klugheit, auf die er wohl, wie auch weiter unter erhellen wird, selbst einigen Wert setzen mag. Ein solches Männchen schläft ganz anders und fällt ganz anders vom Pferde als eine so plumpe Masse wie Doktor Slop.
Dass unser Anselm dem dicken mann auf Otaheiti so wenig gleicht als dem mann im mond, kann der günstige Leser leicht einsehen, weil er eben ist belehrt worden, Anselm sei nicht vornehm; und weiter unten, wenn der günstige Leser geduldig genug ist, bis dahin zu lesen, wird belehrt werden, Anselm, so viel er auch dem Wohlwollen des schönen Geschlechts zu danken hat, müsse viel zu galant sein, um dem Frauenzimmer Mühe mit sich zu machen.
Mit dem Kanonikus Gil Perez, der nur drei und einen halben Fuss hoch war und dessen Kopf zwischen den Achseln steckte, ist auch kein Vergleich anzustellen. Anselm ist von gehöriger Leibesgrösse und trägt seinen Kopf erhaben, ist auch nicht unwissend wie der ehrwürdige Gil Perez, sondern gelehrt und klug, beides im Übermasse, wie aus der folgenden geschichte vermutlich sich noch weiter ergeben wird.
Dem Verfasser dieser wahren geschichte würde es wohl behagen, wenn Anselm Redlich dem Sancho Pansa gleichen möchte; denn so würde er sehr unterhaltend sein, indem der gute Sancho immer gleich die Blicke der Leser erheitert, sobald er auftritt. Sonst aber muss man hier der Wahrheit zur Steuer anzeigen, dass unser Held ebenso wenig von Sancho Pansa hat als von zwei in der geschichte des Don Quixote vorkommenden, hier beiläufig anzuführenden dicken Wettläufern, deren einer elf Viertel-Zentner, der andere aber fünf Viertel-Zentner wog und über deren Wettlauf der weise Sancho ein so weises Urteil fällte. Wiegt einer unter den deutschen Schriftstellern so viel: der trete hervor, um sich gegen diese wägen zu lassen, wenn er will. Wir sind wohl zufrieden, dass er auch sogar seine Werke mit auf die Waage lege.
Seit Falstaffs zeiten ist man fast der Meinung geworden, dicke Leute wären aufs höchste witzig und weiter nichts. Dies ist aber eine höchst irrige Meinung, wenn man auch Zachariä, den Dichter, zum Beweise anführen wollte; denn dicke Leute können auch gelehrt sein. Davon soll Euch ein Beweis sein zwei Männer berühmt durch Genealogie und Geogonie: der Hofrat Krebel, der gelehrte Verfasser eines genealogischen Handbuchs, noch genauer als seine europäischen Reisen, die er sitzend auf seinem Lehnstuhle so oft wiederholte; und der Oberkonsistorialrat Silberschlag, Verfasser eines gelehrten Systems der Geogonie, welches so fest stehet wie die von ihm gebauten Wassergebäude. Insbesondre soll es Euch das Beispiel unsers Anselms selbst beweisen. In Absicht auf Gelehrsamkeit ist er den beiden genannten wohlbeleibten Gelehrten allenfalls einigermassen ähnlich, sonst gleicht er weder diesen noch andern deutschen Schriftstellern und Übersetzern, von denen einige nicht weniger witzig und gelehrt als dick sind.
Wie könnte nun nach allem dem, was wir schon beiläufig von unserm Helden gesagt haben, ein so feiner und, obgleich runder, doch gerader Mann wie Anselm, in irgend einem Stücke mit dem Tersites verglichen werden, der, wie jeder Leser Homers weiss, schielte, hinkte, bucklicht, spitzköpfig und ein Kahlkopf war? Der günstige Leser soll aber wenigstens bei dieser gelegenheit erfahren, dass unser Anselm einen runden erhabenen Scheitel und schöne kastanienbraune Haare hat; und hätte er ja irgend einmal zu schielen geschienen, so könnte es nur gewesen sein, als er ein Frauenzimmer verliebt ansah. Dass unser Held aber von der schönsten Hälfte des menschlichen Geschlechts die Augen nicht abzuwenden pflegte, kann nebst vielen andern Dingen der geneigte Leser erfahren, wenn er nur weiter lesen will.
Dies wären nun die antiken und modernen dicken Leute alle, deren Existenz den belesenen Freunden des Verfassers jetzt beigefallen ist. Denn Foote's Major Sturgeon, dessen Tapferkeit nach dem Gewicht zu berechnen war, ist nicht allgemein genug bekannt; und Selim der glückliche, dessen geschichte der Verfasser des Siegfried von Lindenberg aus dem Guzuratischen verdeutschte, war nur, als er geboren ward, ein dickes Bübchen, aber nachher ward er ein schlanker Bursche, wie der Leser selbst erkennen kann, wenn er die Vorstellung seiner Figur in ganzer Leibeslänge ansehen will,