die Prahlerei – ist sie mehr als eine ungezogene Klage? Wenn der Stöhner nichts hat, sagt das Sprüchwort, der Prahler gewiss nicht. Wo ist der Geschichtschreiber, der seine Historie so malt und trifft, dass sie jeder wieder kennt? Jeder steht anders, jeder hört anders, jeder denkt anders. Nicht die geschichte erzählen wir, sondern wir erzählen uns selbst in der geschichte. "Das bist du," würde man Alexander dem Grossen, Sokrates, Plato versichern müssen, wenn man sie in die Bildergallerie ihrer Biographien führen sollte. – Man beschreibt nicht den Helden, sondern seine Handlungen; nicht den Minister, sondern seinen Rat; nicht den König, sondern seine Majestät. Das Aeussere und das Innere sind hier so verschieden, wie Leib und Seele. – Den Leib kann der Geschichtschreiber tödten, die Seele nicht. Hütet euch vor dem, der Leib und Seele tödten kann: G o t t u n d s e i n e m S t e l l v e r t r e t e r , d e m G e w i s s e n ! – Sandkörner machen den Berg, Minuten das Jahr, flüchtige Gedanken ewige Taten. Haltet nichts für Kleinigkeiten, denn der Geschichtschreiber geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. – Wer ist, der nicht ein tönend Erz und eine klingende Schelle wäre, seinen Panegyriker suchte und ihn fände? Wer schliesst sich nicht an Umstände an? und was ist wahr und was ist Zusatz an ihm? – Wo gibt es einen Umstand, der sich selbst wahr macht, der selbständig ist? Die meisten bedürfen anderer Umstände, welche hülfliche Hand leisten. – Im Tun können wir andern Exempel geben, im Glauben nicht. Wir glauben insgesammt; ein jeder glaubt anders. Glauben ist der Vernunft Analogon. Dem schwachen Bruder hier beispringen, und wenn Vorurteile ihm über den Kopf gewachsen sind, ihn davon befreien, heisst: ihn aufklären. Seine Kinder von einem Matematiker bilden lassen heisst nicht: sie aufklären; wohl aber: praktisch gute Menschen aus ihnen machen wollen! – Ihr, die ihr Romane verdammt und auf ihre Kosten die geschichte erhebt – wisst ihr, was ihr tut? Nicht die Sache, der Schreiber ist euch zuwider und seine Unmanier. geschichte h e i ss t nicht Roman; ist sie es aber nicht gemeiniglich? Die Vernunft richtet hier wie überall; s i e kennt Lagen und Augenblicke, in denen das Herz auch durch die feinste überlegung durchschimmert; sie, der Geist des Menschen, der in ihm ist, kennt sich und kennt jeden einzelnen Menschen; und hier hat sie sich einen Faden angeknüpft, dass sie auch das Labyrint einer ganzen Gesellschaft durchwandeln und ohne sich zu verwirren nach haus kommen kann. Um die Welt reisen heisst: die Erde umschiffen. Die Erde ist für den Menschen die ganze Welt, weil er nichts als nur sie berühren kann, und wie lange kann sich ein Weltumreiser aufhalten? Das menschliche Leben ist kurz und mit so vielen Schwachheiten durchkreuzt, dass nicht viele Zeit zum Sehen und hören übrig bleibt. – Durch Gläser sieht man den Himmel und durch die Einbildungskraft Staaten und Völker. Einbildungskraft ist ein Seelenglas; wir entwerfen Reisebeschreibung und geschichte, je nachdem Länder und Menschen Eindrücke auf uns machen, und noch sind wir nicht so weit gekommen, die Einbildungskraft der Vernunft zu unterwerfen. Jene ist oft auf den ersten Anblick mit allem fertig und greift dieser so unbescheiden vor, dass der ruhige Leser bald sieht, woran er ist. – Gemeiniglich sind Monarchen und die Verweser (die vornehme klasse des Volkes), die nur sich unter einander kennen lernen, sehr schlechte Menschenastronomen. Auch tut freilich das Sehen bei der Astronomie es nicht allein, das Rechnen tuts! – – In der Gesellschaft zeigt jeder einzelne Mensch nur ein Pröbchen, wie Krämer von Seiden- und Wollenzeugen. – Eine artige Gesellschaft ist eine Probekarte; – wie verschieden ist das ganze Stück von diesen Pröbchen! Wer aus Gesellschaften Menschen abzieht, bekommt nicht s i e , sondern ein kleines E t w a s v o n i h n e n ; und wie lernst du deinen Obern, deinen Freund, deinen Diener kennen? Wenn sie sich raufen? Wenn sie in Wut und Verzweiflung sind? Wenn sie sich in sanfterm Lichte zeigen, wenn sie lachen, wenn sie weinen, wenn sie nüchtern, wenn sie voll süssen Weins sind, oder wenn sie sich selbst vergessen, wenn sie zusammen fallen, wenn sich ihre Seelen ausziehen und zu Bette gehen wollen? Beobachter, die sich des Trunks bedienen, um Freunde und Feinde kennen zu lernen, sind auf unrichtigen Wegen. – Wie verschieden wirkt der Trunk! wie verschieden das Getränk! Legt man es auf einzelne Dinge an, so kann man vielleicht seinen Zweck erreichen; – den ganzen Menschen auf diese probe bringen heisst: im Heiligenschein Tugend suchen, im Ernst die Weisheit, im lachen den Witz und auf der Tortur die Wahrheit – Der Trunk besticht die Seele. Gastmahle, gute Worte sind geistige Torturen. Man kann hier und da durch dergleichen peinliche fragen einen Umstand herausbringen – ex omnibus aliquid, ex toto nihil. – Staaten sind wie Kinder, und man behandelt sie auch so. Wenn sie ganz klein sind, erzählt man Wunderdinge von ihnen. Was die Kinder nicht alles wissen und verstehen! – Wenn der Verstand zu reifen,