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Da jede v e r n ü n f t i g e S e e l e des Individuums mit s e i n e n G e g n e r n des Fleisches genug für sich zu tun hat, so scheint es fast unmöglich, dass dieser Sieg im allgemeinen zu stand kommen werde. Doch lasst uns glauben, es scheine bloss so. – Mensch, überwinde dich selbst, und der Hauptschritt ist getan, alles zu überwinden. Wenn viele Selbstsieger zusammenreten; kann dieser Phalanx sich nicht getrösten, er werde mit der Zeit mehr Unterleiber und Herzen zur Oberherrschaft der vernünftigen Seele bekehren? Und wenn alle diese Bekehrten gemeinschaftlich eine sich bloss auf Vernunft gründende Souverainetät bewirken, wenn sie Eins und unteilbar, teils wegen ihres Ursprungs, teils wegen ihrer Uebereinstimmung in Gesinnungen (Meinungen tun nichts zur Sache) sind; wenn sie sich wider jede Anmassung einer partiellen Souverainetät das Wort geben und sie nicht aufkommen lassen: Gott! welch' ein Vorzug, in diesem R e i c h e G o t t e s e i n B e a m t e r z u s e y n ! Wann diese Teokratie ohne Priester, wann dieser Vorschmack von Eldorado kommen wird? Das kann nicht die Frage sein; wohl aber, was zu tun ist, dass dieses Eldorado komme. Die hände zu kreuzen zum Gebet: d e i n R e i c h k o m m e – tut es freilich nicht. D a s R e i c h G o t t e s k o m m t n i c h t i n W o r t e n u n d G e b e r d e n , nicht in Rednerfiguren, es mögen Figuren des Witzes, des Verstandes oder des Herzens sein. Wer unbehülflich in Worten ist, ist es darum nicht in Taten. Redner, welche obere und untere Seelenkräfte zusammenzumischen, vernünftig und sinnlich zu sein, zu überzeugen und zu rühren verstanden: was richteten sie aus? – Die natürlichste Regel ist: Jeder suche für sein teil sich zum Bürger in Gottes Reich vorzubereiten, wobei er um so weniger vergebliche Arbeit unternimmt, da diese Vorbereitung zum Leben zugleich eine Vorbereitung zum tod ist, dem kein Mensch entgeht. Zum tod? Allerdings; und in dieser Rücksicht heisst sterben lernen mit Recht: weise sein. Wenn jeder diese seine Lektion l e r n t e und Gottes Reich in sich stiftete, könnte es fehlen, dass es bald im grösseren kommen würde? Aechte Philosophie spricht uns den Umgang mit Geistern ab. Was zu tun? Lasst uns einen andern Weg einschlagen. Gehören nicht Auserwählte dazu, die im Stillen fördern, nachhelfen, vollenden, die nichts im staat bedeuten müssen, um sich nicht eine herrschaft über die Gemüter der Menschen anzumassen? – Allerdings! und diese Gottessöhne, diese Auserwählten, legen es nicht darauf an, eine Brüdergemeinde zu stiften, eine Stadt Gottes anzubauen, und Bande zwischen Eltern und Kindern und Verwandten zu zerreissen. Auch kann es ihrer nicht viel geben; – und gewiss keinen Einzigen, der l i c h t v o l l ruft: es werde Licht! und nun eine von Goldpapier ausgeschnittene Sonne zeigt. Sie leben im Staat, als lebten sie nicht darin; nur einzelne Strahlen lassen sie fallen. Wenn (wie in unsern besten Staaten) Souverain und die gesetzgebende und vollziehende Gewalt oft in noch ärgere Verwickelungen geraten, als Vernunft, Herz und Unterleib, was ist alsdann die Pflicht dieser Stillen im land? Im Grossen und Kleinen zu willen, den Vorwurf gern zu ertragen: es sei Kinderspiel, was sie in ihren Schriften beginnen, es sei eine Komödie, die nicht aufgeführt werden könne. Sie lassen die Kindlein zu sich kommen und wehren ihnen nicht; denn diese spielen das Reich Gottes, und durch weisen Unterricht werden diese Kindlein zu tüchtigen Werkzeugen eines Werkes erzogen, das durchaus im Kleinen und langsam k o m m e n muss! – Entweder so, oder nie. Wenn man an Kindern, vermittelst der Erziehung, beweiset, dass der Mensch, der Erbsünde unbeschadet, es weit bringen könne, ohne dass man Asträen vom Himmel erwarten dürfe, damit sie Unschuld und Gleichheit des goldenen Zeitalters auf der verdammten Erde wieder herstelle, und ohne dass man auf himmlische Einflüsse Rechnung machen dürfe; wahrlich! da lässt sich von der Menschheit ohne Wunder alles hoffen! Selbst wenn es Wunder wären, die auf ihre Veredlung wirkten, müsste man nicht durchaus so tun, als gäbe es keine? Durch Gewalttätigkeiten und Machtsprüche ein Regiment der Vernunftgesetze im Moralischen und Politischen einführen wollen, hiesse durch Unvernunft vernünftig sein. Gewalt und Moralität! wahrlich das Heterogenste, was in der Welt ist. Gewalt? Allerdings, wenn es nämlich jene ä u ss e r e Gewalt ist, wo Schwert und Stock Recht und Pflicht sind, wo man durch diese eisernen Scepter die Freiheit einschränkt, ohne zu erwägen, dass Gewalt eigentlich im Willen des Menschen liegt. – Doch gibt es (ohne dem Worte G e w a l t Gewalt zu tun) eine i n n e r e ; und diese ist die des V e r s t a n d e s und der V e r n u n f t . – Diese lässt sich aus heiligen Urgesetzen der Vernunft a priori demonstriren; jener (der Gewalt des Verstandes) hat die Erfahrung das Siegel aufgedrückt