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, auf Tabor führte, um ihm seinen Dämon erscheinen zu lassen;

dass er zu viel und zu wenig über diesen Dämon sprach;

dass er sich sogar zu Hokuspokus herabliess, und z.B. im tiefsten Nachdenken, in der grössten Sonnenhitze stand, und so bis an den folgenden Tag verweilte. – Wer kann so lange ungestört nachdenken? und mit der Wahrheit, ihrem Urquell, der Gotteit, ober seinem Schutzgeist, anhaltend sich beschäftigen? So du betest, gehe in dein Kämmerlein, schliess die Tür zu, und lass dein Herz reden.

Und wie? legte Sokrates sich nicht sogar einen göttlichen Vorzug bei? Er der nichts zu wissen behauptete, konnte behaupten, die Götter liessen ihn ein Blatt in den Büchern der Vorsehung lesen.

Darum ist indess nicht allem Unbegreiflichen das Leben abgesprochen. Sokrates liess sich nicht in die Gäng- und Gäbemysterien einweihen; indess machte er selbst Mysterien, wozu er keinem den Schlüssel gab. Vielleicht füllte dieser Umstand vorzüglich den Giftbecher, den er leeren musste. – Ist die Gotteit ferne von einem jeglichen unter uns? Leben, weben und sind wir nicht in ihr? Können wir uns einbrechen, wenn wir Millionen und abermal Millionen Welten und ihre Sonnen am Himmel sehen, in diesem Anschauen verloren, zum Schöpfer zu dringen und zu glauben, wir schauen auch ihn? Können wir uns entbrechen, zu ihm zu beten und unsern Geist zu erheben zum geist der Geister? – ist es in dieser Begeisterung unmöglich, einer A r t von E i n g e b u n g gewürdigt zu werden, und durch schnelle Einsicht, durch Ueberschauung einer Sache und ihrer Folgen, eine Erscheinung zu haben? Von diesem Lichte, wie viel fehlt zum wirklichen Umgange unseres Geistes, wenn gleich er noch bekörpert ist, mit unbekörperten Geistern? Jene Schnellkraft und Richtigkeit im Urteil, ist sie von Prophetengabe und Wahrsage weit entfernt? – Wenn man, heisst es, den Erfolg des Nachdenkens und der Weisheit, oder eines glücklichen Zufalls, der zwar gemeinhin den Toren begegnet, doch aber zuweilen auch den Weisen aufsucht, auf die Rechnung einer übernatürlichen wirkung setzt, sei man ein Schwärmer. Wer kann aber sicher in seinem Urteil sein, ob es Zufall, Erfolg des Nachdenkens und der Weisheit, oderob es was anders war? Ach Pistolenfreund! in jeder reinen Tugend sehen wir Gott! Sie stärkt und kräftigt und gründet uns, um zu Wesen uns zu gewöhnen, denen diese durch Kämpfe und Aufopferungen erungenen Siege eine Wonne zu schauen sind. – Der kindliche Sinn, wozu diese hohe Weisheit sich gewöhnt, versteht die Kunst, alles Fremdartige und jede Nebenumstandsache zu entfernen, und oft schon auf den ersten blick zu finden, worauf es ankömmt; sollten seine Vermutungen, aus der reinsten Absicht gefasst, viel weniger als Vorhersagungen sein? In der Maurerei stellt jeder sein Ziel sich selbst auf; und wenn gleich ich weder Sophien noch manches andere fand, was ich suchte, fand ich nicht mehr als Freund Bruder Johannes? Unter den Zwölfen war Judas; kann man in irgend einer Gesellschaft auf lauter Johannes und Petrus rechnen, obgleich auch dieser letzte, wenn gleich er bis Tabor kam, ehe der Hahn dreimal krähte, seinen Meister dreimal verläugnete. Verweigert man den Grossen der Erde, sie aufzunehmen, so verfolgen sie den Bund; nimmt man sie auf, so erniedrigen, so entwürdigen sie ihn. – Was tut's? Kein guter Same, verstreut oder ausgestreut, bleibt ohne Frucht. – Die Folgen alles Guten sind so ewig, als die Folgen alles Bösen. – Heil dem guten Samen, wenn er das Unkraut überwächst! – Nicht brauchen alle Brüder diese grossen Absichten zu bewirken. Eine andere klarheit hat die S o n n e , eine andere klarheit hat der M o n d , eine andere klarheit haben die S t e r n e , denn e i n Stern übertrifft den andern an klarheit. Wenn Sie Maurer sind, dürfen Ihnen diese Worte voll Maurer-Hieroglyphen nicht gedeutet werden. Das Beispiel lehret mehr, als das Gesetz. Freilich scheint das Menschengeschlecht noch nicht viel weiter. Sokrates soll gesagt haben, wenn die Gotteit nicht einen Abgesandten an die Menschen, mit seinem näher erklärten Willen, herabsende, – sei zu ihrer wirklichen Vervollkommnung keine Hoffnung. Heiliger Sokrates! Haben wir nicht Mosen und die Propheten in uns, Gesetz und Evangelium? – Um diess Buch, das in uns liegt, zu lesen, dürfen keine Wesen höherer Ordnung das menschliche Geschlecht unterrichten. Unser Lehrer, der heilige Geist, der in uns ist, kann und will er uns nicht in alle moralischen Wahrheiten leiten? Freilich gibt es fragen, nach deren Beantwortung sich auch diesseits der Denkende, der sich unterscheidende Mensch, der Seelenflügelmann sehnt: Wo kam ich her? wo gehe ich hin? wie war's? wie wird's sein? Ach Freund! dergleichen fragen mit Bescheidenheit von Auserkornen getan, sind sie Verbrechen? Sind sie Ungezogenheit und unanständige Näscherei? Macht ein ausgehangener Kranz den guten Wein schlechter? Wenn die Einladung an die Strassen und Zäune ergeht, ist sie nicht für den Blöden fast notwendig? Und ist die Tugend den Blöden nicht hold?

Der Pistolenmann wollte einfallen, doch fuhr der Ritter fort: Ihre Einwendungen sind stark, der Ton Ihrer stimme ist nach einem schwülen Tage schöne Abenddämmerung worden. – Doch glaube' ich mich an dem Zufall zu versündigen,