nach hineingezogen wurden. Der Prunk der Schauspiele und Feste blendete ihre Augen, wirkte auf ihre Sinnlichkeit, riss die Bürger aller Klassen in einen Strudel von Zerstreuungen hinein. Sie sangen, witzelten und tanzten den Hunger weg. Noch herrschte in dem an Hülfsquellen so reichen Frankreich keine so allgemeine Not, die nicht irgendeine komische Seite gehabt hätte, auf welche ein lustiger Franzose ein Epigramm machen konnte; und dann lachte das ganze Volk mit. Die ärgsten Räsoneurs schwiegen auch oder wurden gar in Lobredner verwandelt, wenn sie einen Brocken von der allgemeinen Beute erhaschten, sich durch Kreaturen von Kreaturen ein Ämtchen oder ein Jahrgeld erbetteln konnten; ein grosser teil der Nation vergass das Murren unter dem Geräusche der Waffen – und, kurz, die ärgsten Wirkungen des despotischen Unfugs wurden erst unter den folgenden Regierungen recht, sichtbar.
Die Regentenschaft des Herzogs von Orleans vollendete den Ruin und die Korruption des französischen volkes, und seine Administration zeichnete sich durch Bubenstücke und Laster aller Art aus, obgleich er selbst mehr ein schwacher Wollüstling als ein unternehmender Bösewicht war.
Ludwig des Funfzehnten zeiten sind uns noch so nahe; die Inkonsequenzen und Abscheulichkeiten dieser Regierung, die Diebstähle aller öffentlichen Staatsbedienten, die in den gesegnetesten Jahren durch die königlichen Getreidepächter künstlich erregte Hungersnot, die greuliche Finanzverwaltung, die höllische Wirtschaft der raubgierigen und ränkevollen Mätressen, die mutwillig verlornen Schlachten, in welchen tapfre Krieger von unbärtigen Knaben, von unwissenden Kreaturen der Dame Pompadour und von erkauften Schurken auf die Schlachtbank geliefert wurden, die heimlichen Einkerkerungen und Ermordungen edler Männer, die das Unglück hatten, den Hass der verschwornen Rotte auf sich zu laden, die lettres de cachet, die heillosen Verschwendungen – das alles ist uns noch in frischem Andenken.
Und so erbte dann der arme, gutmütige Ludwig der Sechzehnte den Tron, auf welchem er ein Volk beherrschen sollte, das in Not, Armut und Verzweiflung schmachtete; der Staat war mit Schulden belastet, das tiefste Verderbnis der Sitten in allen Ständen verbreitet, die wichtigsten Ämter im Reiche hatte man an Bösewichte verhandelt, die tausendmal des Galgens wert waren, an welchem einige von ihrer Bande nachher ihre rühmliche Laufbahn geendigt haben; der Adel übte ungestraft die ärgste Tyrannei gegen den unglücklichen Bauernstand; aus Mangel an Geld und Kredit ruheten die mehrsten Nahrungszweige, die dem Bürger hätten aufhelfen können, bei welchem noch obendrein der verheerende Luxus die unnützen Bedürfnisse vervielfältigt hatte; nur der verächtlichste teil derselben, der sich in den Hauptstädten von diesem Luxus nährte, erschwang sich so viel, dass er den Grossen in ihrer Verschwendung nachahmen konnte; die Erpressungen aller Art gingen indessen fort; die Auflagen waren unerträglich und unnatürlich; die Geistlichkeit steuerte nichts und verschwelgte in sittenloser Üppigkeit, was der unglückselige Landmann im Schweisse seines Angesichts und mit heissen Tränen herbeischaffte. Der Frieden gab der Nation Musse, diesem allen nachzudenken; das Volk durch Feste zu übertäuben, dazu fehlte es auch an Mitteln; was aber vollends die fürchterlichsten Folgen prophezeiete, war die durch den Despotismus selbst beförderte, nun täglich allgemeiner sich ausbreitende Aufklärung. Eine gewisse räsonierende Philosophie, die, wenn sie, unter weniger unglücklichen äussern Umständen, von Einfalt der Sitten begleitet ist, die Menschen lehrt, mit ihrem Zustande zufrieden zu sein, unvermeidliche Widerwärtigkeiten zu ertragen, den Mangel an Wohlstand durch verdoppelte Mässigkeit zu ersetzen und ihre innere Gemütsruhe nicht durch gefährliche Plane auf eine ungewisse Zukunft zu stören, diese Philosophie, sage ich, hatte einen Anstrich von Bitterkeit angenommen. Sie öffnete dem volk die Augen über seinen verzweifelten Zustand, erweckte in ihm das Gefühl, nicht länger mehr die schändlichsten Misshandlungen ertragen zu können; man fing an, über ursprüngliche Menschenrechte, über den Beruf der Könige, über die Gültigkeit der Privilegien des Adels und über Pfafferei und Hierarchie laut zu reden und zu schreiben.
Indessen hofft man immer alles von jeder neuen Regierung; also erwartete man auch von Ludwig dem Sechzehnten Milderung des allgemeinen Elendes, Abschaffung der Missbräuche – aber man wartete lange vergebens. Was er hätte tun können und sollen, was die Königin zum Besten gewirkt hat oder nicht gewirkt hat, ob man die Finanzen besser verwalten, den unnützen Aufwand einschränken, redlicher und offner hätte verfahren können, darüber lasset uns jetzt nicht räsonieren! – genug! dem Jammer wurde nicht abgeholfen, und die Unruhe und die Gärung nahmen zu. Nun berief man denn endlich die Stände des Reichs; allein von der einen Seite waren schon die Forderungen der lange Zeit misshandelten, oft getäuschten sogenannten untern Stände zu hochgespannt, von der andern schienen Adel und Geistlichkeit gar nicht zu ahnden, dass die Zeit, Übermut zu zeigen, ererbte Verdienste gelten zu machen und durch Verjährung geheiligte Missbräuche aufrechtzuerhalten, verstrichen wäre. Man sprach wohl von freiwilligen, ansehnlichen Beiträgen, von grossmütigen Aufopferungen, aber der tiers état fand diese Sprache nicht mehr passend.
Er war nicht mehr zu überzeugen, dass er, der grössere, wichtigere und arbeitsame teil der Nation, geboren sein könnte, länger die untergeordnete Rolle zu spielen, sich taxieren, sich im Blinden führen, sich nicht nach bestimmten Gesetzen, sondern nach Willkür regieren zu lassen. Alles Zutrauen, aller guter Wille war verschwunden – mögen immerhin bösgesinnte Stürmer das Feuer angeblasen haben! Genug, dies Feuer war da, glimmte in allen Ecken, musste unvermeidlich einmal mit Ungestüm ausbrechen.
Was für Auftritte nachher erfolgt sind, das ist bekannt genug – noch einmal! ich vermesse mich nicht, darüber zu urteilen, und glaube nicht, dass irgend jemand, bei der Lage der