und zu bekennen, was in seinem kopf oder in seinem Herzen ist und er wahr machen zu können meint. Ihm war nicht bange vor Meutereien, vor Aufwieglern, vor Aufklärern, vor Volksverführern. Hier in der freien Reichsstadt, in der ich lebe, würde ich es nicht wagen, über die Torheiten eines unbedeutenden kleinen Prinzen so unbefangen zu urteilen, wie man damals von dem grössten Könige des Erdbodens laut in seinem Vorzimmer in Potsdam reden und über jede seiner Handlungen räsonieren durfte. Aber diese Handlungen brauchten auch nicht das Licht zu scheuen. Da sass er, ohne Leibwache, bei offnen Türen, ohne zu fürchten, dass jemand einen Anschlag auf ein Leben wagen würde, das ganz der Tätigkeit für das allgemeine Wohl gewidmet war. Sein Machtspruch bestimmte Auflagen und Abgaben, aber er verschwelgte nicht das Eigentum der Untertanen mit Buhlerinnen und Geigern und Pfeifern; alle Ausgaben waren Staatsbedürfnisse. Wie mancher reiche Privatmann im land lebte bequemer, üppiger, glänzender als er! Wen ohne sein Verschulden Not und Unglücksfälle zu Boden schlugen, der konnte, wenn er kein Tagedieb, sondern ein nützlicher Bürger war, sicher sein, bei ihm Rettung und hülfe zu finden. Er ehrte das Verdienst in jedem stand, und seine Freunde waren Menschen, denen kein vernünftiger Mann seine achtung versagen konnte. Projektmacher, Schwärmer und andächtelnde Heuchler fanden keinen Eingang bei seiner nüchternen Vernunft. Wer arbeitete emsiger, besser, unermüdeter, pünktlicher wie er? Strenge Gerechtigkeit leitete jeden seiner Schritte, soweit menschliche Einsicht reichen kann. Nie machte seine Willkür Ausnahmen von bestimmten Gesetzen; nie verlor er seinen Hauptplan aus den Augen, der nicht verheimlicht wurde, der offen dalag, jeder Prüfung ausgestellt. Aber wer hätte auftreten mögen und sagen: ich will besser regieren als er? Wer durfte denken, er sei unerschrockner, scharfsichtiger, schneller bei dringenden Fällen, geschickter, begangne Fehler zu verbessern, wachsamer, weniger vergessend? Wer war liebenswürdiger, hinreissender, überredender, witziger als er im geselligen Umgange? Er bezahlte keine Inquisitoren, keine Lobredner und keine Spione; seine Heere beschützten sein Land, nicht seine person; seine Sicherheit, seine Unverletzlichkeit beruhete auf seiner Tugend, auf seinem entschieden hohen Werte, auf der Reinigkeit seiner Absichten und auf der Weisheit seiner Mittel. Er liess den Leuten nicht aus der Bibel beweisen, dass sie ihm gehorchen müssten, sondern erregte den Willen in ihnen, gern zu tun, was er befahl, weil sie seiner Weisheit trauen durften. Und hätte er tausend Jahre regiert und hätten um ihn her unzählige Volksaufklärer und Freiheitsapostel über die Rechte der Menschheit, über die Befugnisse, sich frei zu machen, über die Gleichheit der Stände und gegen Kirchensysteme geschrieben, nie hätten seine Untertanen sich zum Aufruhre bewegen lassen; denn sie fühlten sich – die Unvollkommenheit aller menschlichen Anstalten abgerechnet – glücklicher, sichrer, freier als irgendein andres Volk.
Fragt man, warum die Regierung des edlen Kaisers Joseph, dessen Hauptaugenmerk doch gewiss auch nur das allgemeine Wohl und das Glück seiner Völker war, dennoch durch innerliche Gärungen bezeichnet wurde, so wird es nicht schwer, die Antwort zu finden, wenn man einen blick auf das Bild wirft, welches ich von des grossen Friedrichs Regierung entworfen habe. Grade der Mangel an jener Konsequenz in allen, auch den geringsten Schritten des unsterblichen Königs und an der nie aus den Augen gesetzten Rücksicht auf den Grad der Kultur seines volkes hinderte den für alles Edle und Grosse so eifrigen Kaiser in Ausführung des Guten; und so konnte denn der Erfolg der Reinigkeit seiner Zwecke nicht entsprechen.
"Aber", wird man mir einwenden, "sind denn nie Empörungen ausgebrochen gegen die weisesten und besten Regenten? Ist nicht der vortreffliche Heinrich der Vierte das Opfer einer solchen Verschwörung gewesen?" Freilich! und wer leugnet denn auch, dass falscher Religionseifer gegen gute Fürsten eine Mörderhand bewaffnen könne? Aber Königsmord ist ja nicht Umwälzung eines Regierungssystems, und vielleicht könnte man denen, welche der zunehmenden Aufklärung den Vorwurf machen, sie richte Verwirrungen in den Staaten an, grade die Erfahrung entgegensetzen, dass wir Beispiele von solchen Freveln nur da finden, wo der Fanatismus herrschte und die Aufklärung ihr wohltätiges Licht noch nicht verbreitet hatte.
Und wenn denn in keinem land gewaltsame Umkehrungen zu befürchten sind, wo die Regierung edel und konsequent handelt, welche herrliche Aussichten von Ruhe und Wohlstand haben wir nicht in Teutschland vor uns? – in Teutschland, wo soviel gute Fürsten den besten Willen, ihre Mitbürger glücklich und froh zu machen, mit erhabnen Vorzügen des Geistes verbinden und wo die, welche etwa noch durch fehlerhafte Erziehung und böse Ratgeber irregeleitet sind, auch bald durch gutes Beispiel, durch die allgemeine stimme, durch ernstafte Betrachtungen über die französische Revolution und, welches denn auch nicht schaden kann, durch Furcht von ihren Vorurteilen, Irrtümern und falschen grundsätzen zurückkommen und einsehn lernen werden, dass ihr Interesse und das Interesse des volkes nur eines ist?
Reichet also selbst die hände zur nötigen Verbesserung, ihr Regenten, weil es noch Zeit ist! Entsaget den elenden und kostspieligen Kindereien, worin so manche von euch ihren Ruhm, ihre Hoheit, ihren Glanz suchen! Was kann armseliger sein als eure Zirkel von hirnlosen, müssigen Hofschranzen? Versammelt doch um euch her – Männer, keine Affen! Männer mit Kopf und Herz, die euch die Wahrheit nicht verhehlen! Was kann unnützer sein als eure herausgeputzten Puppen, die ihr Soldaten nennt, mit denen ihr, die ihr vor allen feindlichen Anfällen sicher seid