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kann, an ein künftiges Leben wo alles in Ordnung und Gleichgewicht kommt, alles, was hier gesündiget wurde, gebüsst, alles, was hier unvergolten blieb, vergolten werden wird? – Welch ein Unternehmen, dem Menschengeschlecht den Trost, der aus diesem Glauben entspringt, rauben zu wollen? Und welch ein Wahn, sich einzubilden dass man es könne?

Man sage nicht, dass ich hier Streiche in hie Luft führe; dass die Meinung der Herren, von denen die Rede ist, nicht sei, die Religion selbst, sondern nur den Missbrauch der mit ihr getrieben werde, abzustellen. Wenn diess wäre, würden sie sich anders benehmen und eine andere Sprache führen. Wenn einer mitten unter eine ganze Nation hintritt und fragt:

"stehet zu vermuten, dass dem respectiven Gou

vernement weniger Gehorsam geleistet werden

wird, dass es weniger gute Staatsbürger geben wird,

wenn den Völkern die Furcht vor dem Religionsge

spenste genommen wird?" so muss man ihm wenigstens lassen, dass er die Gabe hat sich kurz und deutlich zu erklären; und ich sehe nicht, wie unser Weltbürger, der diess gefragt hat, seine Meinung über die Religion stärker und runder hätte heraussagen können. Sie ist ihm blosse Pfaffenerfindung, ein Gespenst womit man Kinder schreckt, und womit sich nur Kinder schrecken lassen. Und freilich, wenn sie nichts als das ist, so kann man nicht besser tun, als sie je eher je lieber abzuschaffen; so wie nichts gerechter wäre, als die Geistlichkeitoder, wie sich unser After-Kosmopolit ausdrückt, die pfaffen beiderlei Geschlechtsfür vogelfrei zu erklären, wenn es wahr ist, dass sie "Feinde des Staates sind, und Feinde des Staates ziehen."

Religion und Gespenster stehen also, in dem aufgeklärten kopf des Welt- und Staatsbürgers, der so bescheidne und wohlüberlegte fragen an seine Mitbürger tut, in Einer Linie. "Und sind es nicht immer Kinder die an Gespenster glauben, fährt er fort zu fragen, und grosse Leute glauben doch nicht daran?" – Wenn ich nicht irre, so war es kein Kind, sondern ein grosser Mann, ein Mann von sehr grossem, alles umfassendem und tief eindringendem geist (Bacon von Verulam), der gesagt hat: "Philosophie, nur mit den äussersten Lippen flüchtig gekostet, berauscht den Verstand, macht Religionsverächter und Ungläubige: nur mit vollen Zügen getrunken, wird sie Licht der Seele, und dann führt sie zu Gott." – Waren Sokrates und Plato Kinder? Oder war es ein Kind, das von den Eleusinischen Mysterien sagte26: "dass sie das beste Geschenk seien, was Aten, die Mutter so vieler vortrefflichen und herrlichen Dinge, der menschlichen Gesellschaft gemacht habe; weil man in ihnen das, was den Menschen allein zum Menschen mache, die wahren Grundsätze um glücklich zu leben und mit bess'rer Hoffnung zu sterben, gelehrt werde." Das Kind, das so treuherzig an das Gespenst der Eleusinischen Mysterien glaubte, war einer der ersten Männer in Rom, zu einer Zeit, wo ein Römer gegen die Männer unsrer Zeit ein Gott war. Wenn unser Weltbürger sich die Mühe geben wollte genauere Erkundigungen einzuziehen, so würde er finden, dass eine erste Ursache, die alles schafft, nährt und zu Einem verbindet, eine alles umfassende Vorsehung, die Verwandtschaft unserer natur mit der göttlichen, und die instinctähnliche Ahndung der Fortdauer unsers wahren Selbsts über die engen grenzen dieses Augenblicks von Leben, Gespenster sind, an welche von jeher unter allen Völkern und zu allen zeiten die grössten und erhabensten Geister geglaubt haben27.

Doch, unser Weltbürger spricht ja auch von der Allgüte eines allweisen Schöpfers, indem er es mit dieser Allgüte und Allweisheit nicht verträglich findet, "dass die Vernunft nicht hinreiche den Menschen zu führen." – Aber wenn die Vernunft hinreicht den Menschen zu führen, wie verträgt sich's denn mit der Allgüte eines allweisen Schöpfers, "dass (wie er meint) nur so wenig Menschen vernünftig sind?" Vermutlich will die Allweisheit, dass die Unvernünftigen sich von den Vernünftigen führen lassen; so tut denn Glauben bei jenen, was Vernunft bei diesen. Auch ist's meistens immer so gehalten worden: und wenn dieser Weltbürger die Portion von der allgemeinen Vernunft, die ihm selbst zu teil geworden ist, dazu anwenden wollte, sich etwas tiefere Einsichten in die Beschaffenheit und den Zusammenhang der menschlichen Dinge zu verschaffen als seine fragen und Zweifel zu verraten scheinen; so würde er finden, dass gerade die Vernunft, die dem Menschen zum Führer gegeben ist, die Gesetzgeber und Weisen aller Völker dahin gebracht hat, durch die Religion dem bürgerlichen Vertrage die Sanction eines höhern Gesetzgebers, der Sittenlehre die stärksten Beweggründe, und der Tugend die höchste Begeisterung zu geben; dass es gerade die Vernunft dieser Weisen, ihre richtige und lebendige Kenntniss der menschlichen natur war, was sie die Unzulänglichkeit der politischen Verfassung ohne Mitwirkung der Religion erkennen machte; und dass (sogar ohne Rücksicht auf die sittlichen Vorteile, welche die letztere dem staat gewähren kann) die blosse Betrachtung, "dass der Keim und die Wurzel der Religion in der natur des Menschen liegt, und ein Volk ohne Religion sich so wenig als ein Volk ohne Leidenschaften denken lässt28," hinlänglich war, die Vernunft der Gesetzgeber und Weisen von der notwendigkeit einer Religion des staates, d.i. einer unter der Aussicht und dem Schütze der bürgerlichen Obrigkeit stehenden öffentlichen Gottesverehrung, zu überzeugen.

Man muss sehr unbekannt