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werde, welche Gewalt über uns haben! Wahre Erleuchtung über alles, was den Menschen wesentlich angeht, ist unser wichtigstes und allgemeinstes Interesse; und Verbesserungen sind ihre natürlichen Folgen. Aber es gibt auch Irrwische, deren betrügliches Licht in Moräste führt. Selbst das wohltätige Sonnenlicht darf nicht anders als mit grosser Behutsamkeit und durch fast unmerkliche Stufen in die schwachen Augen eines sehend gewordenen Blinden eingelassen werden, und ein zu starker Lichtstrom blendet sogar ein geübtes Gesicht. Aber die eine Hälfte der Welt in den Brand stecken, um der andern eine schöne malerische Beleuchtung zu geben, ist ein Project, das nur in so einem kopf sollte entstehen können, wie jener war, der Rom an vier Ecken anzünden liess, um einem poetischen Gemälde vom brennenden Troja mehr Wahrheit geben zu können.

Die Herren, welche die goldnen zeiten, auf die wir schon so manches Jahrtausend vertröstet werden, dadurch zu beschleunigen glauben, dass sie vor allen Dingen auf den Umsturz der Religionsverfassung von Europa antragen, mögen vielleicht ihrer eignen Meinung nach sehr kosmopolitische Absichten dabei haben: aber ihr Project selbst ist um nichts besser als jener Neronische Einfall. Unsre Väter wussten auch, und hatten's schon von ihren Vätern gelernt, dass keine menschliche Anstalt ohne Missbräuche, keine Religion ohne Aberglauben ist: aber, dass man alle Religion abschaffen müsse, damit niemand Gespenster glaube, oder nach Not Gottes wallfahrte wenn er was Nötiger's zu haus zu tun hätte, das liessen sie sich freilich eben so wenig träumen, als dass man das bürgerliche Regiment abschaffen müsse, damit Richter, Amtleute und Advocaten das Recht nicht länger beugen können, und kein armes Bäuerlein mehr in den Fall komme über Execution oder Frohndienste zu wehklagen.

Eine weitläuftige Rechtfertigung unsrer Väter über diese Denkart zu unternehmen, würde eine unverzeihliche Verzweiflung an dem gemeinen Menschenverstande verraten. Der Grundsatz, welchem sie in Veurteilung und Schätzung des wesentlichen und zufälligen Nutzens oder Schadens der Religion folgten, geht durch alle Zweige des menschlichen Lebens. Wir würden auf den Zustand der Bewohner von neu-Holland zurückgebracht werden, wenn man uns alles nehmen wollte, was durch Zufall oder Missbrauch Schaden tut. Eure Philosophie selbst, ihr kurzsichtigen und voreiligen Verbesserer! – aller Aberglaube und alle Möncherei der ganzen Welt, von dem ersten Menschen an, der an seine Träume glaubte oder zu einem Fetisch sprach, sei mein Gott! hat nicht halb so viel Elend verursacht, als eure Philosophie in einem einzigen Menschenalter stiften würde, wenn bei jeder policirten Nation nur zwei Drittel an euern Unglauben glauben und nach euern grundsätzen handeln würden.

Die ewige Quelle aller Chimären und Trugschlüsse, wodurch halb aufgeklärte Köpfe und aufgeklärte Halbköpfe sich selbst und andre täuschen, ist die Verwechslung willkürlicher Abstractionen mit den wirklichen Dingen dieser Welt. Man kann sich einen Staat, eine Polizei, ein durch Fleiss und Handlung blühendes Volk ohne Religion denken, – also (schliesst man) ist die Religion eine ganz entbehrliche Sache; und eine entbehrliche Sache, die so leicht gemissbraucht werden kann und durch den Missbrauch so schädlich ist, wird am besten gar abgeschafft, sagen unsre raschen Kurzdenker.

Sollten diese Herren, die sich so viel aufgeklärter zu sein dünken als die Gesetzgeber und Weisen aller Völker und zeiten, den Unterschied zwischen einem staat, der aus zwanzig Millionen metaphysischer Silhouetten, und einem staat, der aus zwanzig Millionen lebendiger Menschenkinder besteht, auch wohl scharf genug durchdacht haben, um so gewiss zu sein, dass dieser eben so gut ohne Religion bestehen könnte als jener? Oder, wenn auch ein wirklicher Staat der Religion, als politisches Institut betrachtet, für sich selbst entbehren könnte, wie wird er gegen andre Staaten aushalten, welche eine Religion haben, und bei denen (einen sehr möglichen Fall vorausgesetzt) diese Religion mit voller Kraft wirkte?

Doch, wir wollen über alle diese fragen hinwegsehen. Der Bürger als Bürger soll, wenn die Herren wollen, der Religion entbehren, soll ohne sie im Zaum gehalten werden können: kann er sie darum auch als Mensch entbehren? Ist der Mensch um des Bürgers, oder der Bürger um des Menschen willen? Ist die sorge für Nahrung und Kleidung, die Abführung seiner bürgerlichen Schuldigkeiten, und das Bestreben nach Reichtum und üppigem Genuss die einzige oder höchste Angelegenheit des Menschen? Ist er nicht ein Wesen, das, sobald es sich ganz fühlt, sich einer sittlichen und geistigen Vollkommenheit fähig, und zu Geschäften, die dieser Fähigkeit entsprechen, geboren fühlt? Wollen wir diesen edlen Instinct in ihm erstikken? ihn bloss auf die tierischen Triebe einschränken? ihn mit aller Gewalt zu einer Art von Geschöpfen herabwürdigen, die bloss dafür gefüttert werden, dass sie am Pfluge ziehen und Lasten tragen? Ihm die Religion nehmen ist freilich der kürzeste Weg dazu. Aber wenn auch Philosophen und Despoten sich mit einander vereinigten, diese schändliche Entmenschung an ihren Untergebenen vorzunehmen, werden diese die Operation so geduldig aushalten? Werden sie, nachdem man ihnen ohnehin schon fast alles genommen hat, woran sie ein natürliches Recht mit auf die Welt brachten, sich auch noch das absophistisiren lassen, was jede Nation des Erdbodens immer als ihre letzte Zuflucht, als ihr heiligstes und liebstes Gut, als einen Schatz, gegen welchen in Augenblicken des Entusiasmus das Leben selbst für nichts geachtet wird, angesehen haben? – den Glauben ihrer Väter, den Glauben an eine Vorsehung die für alles sorgt, an einen unsichtbaren Weltbeherrscher dem alles untertan ist, an unsichtbare Beschützer von welchen hülfe zu erlangen ist wenn sonst nichts helfen