1791_Knigge_061_82.txt

ich, "der wohltätigen Hand der Zeit die sorge überlassen, dergleichen Revolutionen zur Reife zu bringen; vielleicht kommt der Augenblick, wo Sie, wenn das Feuer auch hier ausgebrochen ist, Ihre schriftstellerische Talente auf eine würdigere Art anwenden können, zur allgemeinen Ruhe etwas beizutragen und mit philosophischem geist Volk und Monarchen über ihre gegenseitigen Pflichten aufzuklären. Und denken Sie denn nicht daran, welcher Gefahr Sie sich selber, den edlen Prinzen und uns alle aussetzen würden, wenn der Negus glauben müsste, dass, von Adova aus, der Geist des Aufruhrs, vielleicht aus Privatrache von mir und meinem Vetter angereizt, in Abyssinien erweckt würde?" – Meine Vorstellungen bewirkten, was ich gehofft hatte, und nirgends vielleicht im ganzen Reiche wurde mit soviel Mässigung und Nüchternheit von diesen Angelegenheiten geredet als grade da, wo ein kleiner Haufen von Menschen lebte, die sich nicht wenig über den Monarchen zu beklagen hatten und deren Einfluss nicht geringe gewesen sein würde, wenn sie ihn hätten anwenden wollen.

Bald nachher erschienen von seiten des Hofs die strengsten Verordnungen, über den Aufruhr in Nubien nicht zu reden, nebst einem Verbote aller Schriften, welche davon handelten, und aller ausländischen Zeitungen. – Wie wenig diese Befehle fruchteten, das wird man leicht begreifen; man sah nun, dass sich der Negus fürchtete, und das verschlimmerte das Übel.

Das nächste Frühjahr kam heran, und es sollte eine grosse Rekrutenausnahme für die Armee in Nubien vorgenommen werden; aber da weigerten sich, als sei deswegen eine allgemeine Verabredung getroffen worden, die sämtlichen Dorfschaften, ihre junge Mannschaft auf die Schlachtbank zu schicken. Man liess Regimenter gegen die widerspenstigen Bauern anrückenaber die Soldaten wurden zurückgeschlagen.

In dieser Not rief man das ziemlich geschmolzene Heer aus Nubien zurück. Es kam; aber Anführer und gemeine Soldaten hatten dort Freiheit und Menschenwürde respektieren gelernt; alle weigerten sich einstimmig, gegen ihre Mitbürger die Waffen zu führen; und der armselige Negus stand, nebst dem Haufen seiner Lieblinge, in vernichteter Majestät verlassen da.

Nun wollte er anfangen, mit dem volk zu kapitulieren; allein es war zu spät; die Partei war jetzt zu ungleich. Ein zahlreiches Heer hatte sich unter Anführung eines vom Könige übel behandelten, zurückgesetzten und beschimpften alten Generals zusammengezogen, wurde täglich durch neuen Zulauf verstärkt und rückte schnell gegen Gondar an.

Was war zu tun? Seine Majestät lagen damals an einer Entkräftung krank, die Sie sich durch allerhöchstdero viehische Ausschweifungen zugezogen hatten; Schreck und Ärgernis vermehrten das Übel, und doch musste eilig ein Entschluss gefasst werden. Der Haufen der Hofschranzen selbst fing nun an, da die Altäre der Götzen wankten, dem Negus und seinem Kebsweibe nicht mehr mit jener sklavischen Ehrerbietung zu begegnen; sie wären gern alle davongelaufen, wenn sie nicht geahndet hätten, dass sie bei der Armee mit dem Staupbesen würden empfangen werden.

In diesen Augenblicken von Verzweiflung hatte mein Herr Vetter, der Exminister, den Triumph, einen Kurier vom Könige in Adova ankommen zu sehen, welcher ihm einen Brief von dem Monarchen brachte, der ihn in den herablassendsten Ausdrücken bat, alles Vergangne zu vergessen, und ihn beschwor, sich sogleich zum Kriegsheere zu begeben und alles anzuwenden, das unruhige Volk zufriedenzustellen, indem er die Bedingungen gänzlich seiner Klugheit und Grossmut überliess. Der König selbst hatte sich indes nebst seinem Hofstaate nach einer Festung führen lassen, wo er wenigstens vor den kleinen wilden Haufen, die jetzt ohne Zucht und Ordnung durch das ganze Reich rennten, sicher sein konnte.

Mein Vetter genoss diesen Triumph, wie es einem verständigen und redlichen mann zukömmt; er vergass den alten Groll und begab sich, begleitet von meiner Wenigkeit, unverzüglich in das Lager der Insurgenten.

Allein die zeiten, Vergleichsvorschläge anzunehmen, waren vorbei. Wir wendeten unsre ganze Beredsamkeit vergebens an; die Nation drang auf gänzliche Abschaffung der monarchischen Regierung, auf Vernichtung des Adels, auf Abdankung des stehenden Heers, auf Auslieferung der Volksunterdrücker, um sie gebührend zu bestrafen, verlangte endlich, dass der Negus selbst den Tron verlassen und in den Stand eines Privatmannes zurücktreten sollte.

Das waren nun harte Bedingungen; weil wir aber keine Hoffnung vor uns sahen, dies Nationalurteil zu mildern, so wollten wir wenigstens den unglücklichen König nicht verlassen. Der jüngre Prinz war grossmütig genug, seines Bruders Schicksal mit ihm teilen zu wollen; und so zogen wir denn, der gute Prinz, sein vortrefflicher Lehrer, mein Herr Vetter und ich, im Frühjahre 1787 zu dem Negus in die kleine Festung, um dort den Ausgang der Sache zu erwarten.

Als wir dahin kamen, fanden wir seinen Gesundheitszustand so sehr verschlimmert, dass wir bald sahen, er würde den Schimpf, welcher ihm bevorstand, nicht erleben. Wirklich starb er wenige Tage nachher, wie solche unbedeutende Menschen zu sterben pflegen, und wir liessen ihn in der Stille begraben.

Jetzt harrte freilich der Buhlerin und des ganzen Anhangs ein sehr trauriges Los. Der Pöbel, welcher bei solchen Revolutionen sich nie in den Schranken der Gerechtigkeit und Mässigung hält, hatte schon in Städten und Dörfern alle diejenigen auf die grausamste Weise ermordet, welche er für Kreaturen des Hofs hielt; was für ein Schicksal die Hauptgegenstände des allgemeinen Hasses zu erwarten hatten, das liess sich leicht voraussehen. Wir wollten doch gern, soviel an uns lag, allem fernern Blutvergiessen steuren; und so sorgten wir dafür, dass dieser ganze Haufen in der Nacht verkleidet die Festung verliess und durch unbekannte Wege in das Königreich Kongo flüchtete; da wir dann