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und er fand bald einen solchen, da nach einem paar Jahren schon, ausser dem glänzenden Pöbel, der in den Ringmauern des Palastes sein Wesen trieb, kein Mensch mit zufriedner, heitrer, froher und freier Miene umherwandelte. Wenn dann zwei solcher Unzufriednen sich gegeneinander aufschlossen, dann stiess auch wohl einer von ihnen das Wort heraus: "Nein! Das kann so nicht bleiben; es muss anders werden!"

Die geheimen Verbindungen, welche seit einiger Zeit jeder Anführer einer Partei, jeder Erfinder eines Systems, jeder Reformator zu seinen Zwecken nützte, waren auch bei dieser gelegenheit nicht untätig. Man stiftete dergleichen, in welchen, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, kühne politische Grundsätze gepredigt und die Mitglieder mit Wärme und Entusiasmus für Freiheit erfüllt wurden.

Der allgemeine Hass, der in allen Klassen der Bürger gegen den korrumpierten Hof herrschte, erweckte einen sehr wohltätigen Widerwillen gegen verderbte Sitten; und dieselben Menschen, welche bis dahin sich von dem allgemeinen Strome zu einem üppigen, wollüstigen und müssigen Leben hatten hinreissen lassen, suchten nun eine Ehre darin, eine Lebensart zu führen, die von jener abstach. Man sah nun wieder, wenigstens äusserlich, Eifer für Keuschheit, Mässigkeit, Simplizität und für alle geselligen Tugenden erwachen.

Bittre Spötter, die, ohne wahre Wärme für das Gute, nur jede gelegenheit, etwas Witziges und Beissendes zu sagen, begierig ergriffen, schrieben Satiren auf den König, auf das Kebsweib und die Günstlinge. Man hört auf zu fürchten, was man einmal gewagt hat in verächtlichem, burleskem Lichte anzusehen. Diese Spöttereien liefen abschriftlich aus Hand in Hand und wurden endlich gar heimlich gedruckt. Einländische und auswärtige Dichter, Blätterschreiber, Maler und Kupferstecher wählten den abyssinischen Hof zum gegenstand ihres Witzes. Bald zirkulierte eine ungeheure Menge solcher Pamphlete. Nun wollte die Regierung grösseren Ernst brauchen, Untersuchungen anstellen, liess einen armen Pasquillanten einkerkerndas sicherste Mittel, das Übel ärger zu machen! Wer bis dahin noch nicht frei geschrieben, gelesen, geredet hatte, fing jetzt erst an, und unter Menschen, die ausserdem vielleicht geschworne Feinde waren, entstand eine stillschweigende Verabredung, sich einander nicht zu verraten; die Buchhändler aber wurden reich dabei und sorgten für geheime Austeilung aller sogenannten rebellischen Schriften. Das Volk wurde immer kühner; der Minister Stilky fand auf seinem Schreibtische, unter den Suppliken, Schandschriften und Drohungen gegen ihn, und des Morgens prangten an den Torpfeilern des Schlosshofs Pasquillen auf Seine Majestät.

Vielleicht hätte dennoch diese allgemeine Gärung weiter keine entscheidende Folgen gehabt, wenn nicht auf einmal die grosse Revolution, welche in Nubien anfing und vielleicht noch jetzt nicht gänzlich zustande gekommen ist, in Abyssinien eine Hauptkatastrophe herbeigeführt hätte. Man wird sich erinnern, welche Schilderung ich im fünften und sechsten Kapitel des ersten Teils dieses buches von dem Despotismus in Nubien entworfen habe; die Völker seufzten dort alle unter dem abscheulichsten Drucke; aber noch war die Unzufriedenheit zu keinem tätlichen Ausbruche gekommen. Ein kleiner Umstand, dergleichen mehrenteils in dieser Welt die grösseren begebenheiten zu erzeugen pflegt, reizte die Untertanen des blödsinnigen Königs von Sennar zu einem Aufruhre gegen seine Stattalter. Man wählte verkehrte Mittel, um die Unruhen zu dämpfen, die dann bald weiter um sich griffen und sich den mehrsten nubischen monarchischen und republikanischen Staaten mitteilten. Der Pöbel, der keine Grenzen kennt, wenn er einmal die erste Linie überschritten hat, wurde nun in allen Reichen unbändig; Könige und Fürsten wurden aus ihren Ländern vertrieben, die Volksunterdrücker ermordet, Gefängnisse erbrochen, Paläste geschleift, Magazine geplündert, ganze Städte verwüstet. – Freilich gingen dabei fürchterliche Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten vor; aber an wem liegt denn die Schuld, wenn abscheuliche Missbräuche verzweiflungsvolle Mittel unvermeidlich machen?

Die abyssinischen Zeitungen waren voll von den Erzählungen dieser Empörungen in Nubien, und so vorsichtig sie auch waren, dergleichen Unfug als verderblich, unglücklich und unerlaubt darzustellen, so machten doch diese Erzählungen dem abyssinischen volk die Wahrheit einleuchtend, dass tausend vereinigte Menschen stärker sind als ein einziger und dass jene sich nur so lange von diesem misshandeln zu lassen brauchen, als es ihnen beliebt. Diese an sich sehr einfache Wahrheit wurde jetzt laut und öffentlich gesagt und geschrieben.

Noch war der Zeitpunkt da, wo der Negus alles hätte gutmachen können, wenn er weise und redliche Ratgeber gehabt hätte; und sollten je ähnliche Szenen in einem europäischen staat vorfallen5, so möchte ich wünschen, dass die benachbarten Fürsten sich an diesen afrikanischen begebenheiten spiegeln möchten, um bessere Massregeln zu nehmen, als damals der Negus nahm. Ein ganzes Volk ist nicht so leicht zum Aufruhre geneigt, als man gewöhnlich glaubt. Jeder einzelne liebt seine Ruhe, bauet, bei Revolutionen, nicht so ganz fest auf den Beistand des Nachbars, hofft noch immer auf bessere zeiten. Viele sind dann auch durch Privatinteressen an die jetzige Regierungsform geknüpft; sieht die Nation nur guten Willen von seiten des Hofs und darf sich nur vergleichungsweise weniger gedrückt halten als das benachbarte Volk, so trägt sie mit Geduld das Joch, wenn dies Joch irgend ein wenig ausgefüttert, ausgepolstert ist. Nur dann, wenn die Untertanen fast aller Klassen, durch Tyrannei aller Art, so aufs äusserste gebracht sind, dass sie, deren Leben, Freiheit und Eigentum ja ohnehin jeden Augenblick von der Willkür ihres Despoten abhängen, bei dem Aufruhre nichts mehr verlieren und alles gewinnen können, nur dann greifen sie zu diesem verzweifelten Mittel.

Hätte daher der Negus Deputierte aus allen Ständen versammelt und, ohne von seiner wahren Würde etwas zu vergeben noch kindische Furcht oder