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, Ansprüche zu machen. Justiz wurde verkauft, ja, man musste dafür bezahlen, dass man von seinen Nachbarn in Ruhe gelassen würde.

Bei dieser abscheulichen Wirtschaft konnte es freilich mit den Finanzen nicht besser aussehen als mit der Moralität. Die ungeheure Verschwendung, die am hof herrschte, erschöpfte die Kassen; man nahm seine Zuflucht zu allen Mitteln, welche in solchen Fällen angewendet zu werden pflegen; man forderte Abgaben von allen, auch von den nötigsten Bedürfnissen des Lebens; man erfand Auflagen, wovon in Abyssinien noch kein Beispiel war, und trieb diese mit einer grausamen Strenge ein, die die Menschheit empörte.

So standen die Sachen, als ein verderblicher Krieg mit dem Könige von Nemas das Werk, die abyssinischen Untertanen zugrunde zu richten, vollendete. Dieser Krieg hatte einer elenden Grenzstreitigkeit wegen seinen Anfang genommen; beide Monarchen wurden von schelmischen Lieblingen regiert, die voraussahen, dass sie dabei im trüben fischen könnten, und daher das Feuer anbliesen, das ausser dem leicht zu dämpfen gewesen wäre. Man verwarf also von beiden Seiten alle Vergleichsvorschläge und rüstete sich zum Feldzuge. Die beiden Könige brauchten ja nicht mitzugehen, sondern konnten sich's bei Weibern und Flaschen wohl sein lassen, indes ihre Untertanen die Ehre hatten, sich die Hälse zu brechen.

Nun wurde durch ganz Abyssinien eine gewaltsame Werbung vorgenommen; einzige Söhne, die Stützen ihrer Familien, Greise und Knaben mussten mit in den Krieg. An die Spitzen der Regimenter und des ganzen Heers aber wurden die Günstlinge der Buhlerin gestellt, die weder militärische Kenntnisse noch Mut besassen, aber desto besser die Kunst verstanden, sich zu bereichern. Der Ausgang dieses krieges war leicht vorauszusehen. Die Soldaten stritten mit Unlust, liebten ihre Anführer nicht, wurden schlecht behandelt, dabei betrogen und durch die Unwissenheit der Generale aufgeopfert; am Ende des dritten Feldzugs erfolgte ein für Abyssinien sehr nachteiliger Frieden, durch welchen, ohne die ungeheuren Summen zu rechnen, die der Krieg gekostet hatte, mehr verlorenging, als vor demselben der König von Nemas je in Anspruch genommen hatte. Allein wie verhielten sich denn der Herr Minister Joseph von Wurmbrand und der Baalomaal Benjamin Noldmann bei diesem allen? – Das werden wir im nächsten Kapitel erfahren.

Dreizehntes Kapitel

Wie es dem Verfasser und seinem Herrn Vetter geht

Ich habe bis jetzt die Fehler nicht verschwiegen, welche man meinem Herrn Vetter, als Staatsmann betrachtet, vorwerfen könnte. Einer der hauptsächlichsten war gewiss der, dass er den alten Negus in despotischen grundsätzen bestärkte oder vielmehr, durch Verpflanzung der europäischen Einrichtungen nach Abyssinien, die Ausübung des dortigen Despotismus erleichterte und in ein zusammenhängendes System brachte, ohne dennoch ernstlich genug auf Einführung weiser Grundsätze zu denken, nach welchen man despotisch regieren wollte. Was mich selber betrifft, so habe ich gleichfalls nicht verhehlt, dass ich mir einige Unvorsichtigkeiten in der Wahl der nach Abyssinien geschickten Gelehrten und Künstler und einigen Mangel an Festigkeit, bei Leitung des Kronprinzen, habe zuschulden kommen lassen; allein mit eben dieser Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe darf ich doch auch behaupten, dass wir beide uns, als unter der neuen Regierung nur Schelme und Schmeichler, auf Unkosten der Bessern, ihr Glück machen konnten, gewiss so betragen haben, wie es redliche Männer ziemt. – Auch wird man mir das glauben, wenn ich nun erzähle, dass wir das Opfer davon wurden.

Solange die Einrichtungen, welche der neue Monarch machte, und seine raschen Schritte nur Unkunde, jugendliche Übereilung und Schwäche verrieten, hoffte der Minister immer noch, Zeit, Erfahrung und sanfte Vorstellungen würden in der Folge das Ihrige tun. Er verbarg oft seinen Unwillen, ertrug manche Demütigung, beruhigte sich, wenn er nach Gewissen geredet hatte, und liess dem Dinge seinen Lauf. Als aber endlich der Haufen der niederträchtigen Kreaturen, in allen ihm anvertraueten Fächern, nach Willkür schaltete und waltete, man dann von ihm verlangte, dass er Befehle unterschreiben und ausfertigen lassen sollte, die tyrannisch und unvernünftig waren, da wagte er endlich einen Schritt, wovon er voraussah, dass er ihm teuer zu stehen kommen würde, den er aber sich selber, der Redlichkeit und seinem Rufe schuldig zu sein glaubte. Er weigerte sich gradeswegs, die hände zu solchen Grausamkeiten zu bieten, und forderte, dass man ihm folgen oder ihm den Abschied geben sollte. Hierauf hatte man gelauert; das hatte man gehofft und vorausgesehen. Er bekam nicht nur den Abschied, sondern auch Befehl, ein kleines Jahrgeld, welches man ihm aussetzte, in den Gebirgen von Waldubba zu verzehren. Sein Sturz (wenn man den Triumph der Rechtschaffenheit also nennen muss) zog den meinigen nach sich; mein Urteil war dem seinigen gleich; und Stilky, der bekannte Liebling und Kuppler des Negus, wurde erster Minister.

Ich meine gesagt zu haben, dass die Dörfer, welche in den Gebirgen von Waldubba liegen, woselbst auch viel Einsiedlermönche wohnen, wie das russische Sibirien zu einem Exil für die in Ungnade gefallnen Staatsbedienten bestimmt sind, dass man ferner die jüngern Prinzen, welche nicht auf den Tron kommen sollen, dahin zu senden pflegt und dass also auch der jüngere Bruder des neuen Negus mit seinem Hofmeister, den ich als einen edlen und weisen Mann beschrieben habe, dort lebte. Die Einrichtung, die jüngern königlichen Kinder auf diese Weise aus aller Verbindung mit dem hof und dem volk zu setzen, rührte aber eigentlich aus ältern zeiten her und war das Werk herrschsüchtiger Minister, die auf diese Weise unter den Prinzen den schwächsten zum Tronerben auswählen und die übrigen