1791_Knigge_061_69.txt

auch nicht eher jemand zur Tortur verurteilt, als bis er schon des Verbrechens überwiesen ist. Bekennt er dann nicht, so wird er doch nicht freigelassen. Höchstens kann er der Todesstrafe entgehen; ein lebenslängliches Gefängnis erwartet nichtdestoweniger seiner.

MANIM: Nun! so dächte ich doch, es sei hundertmal menschlicher, einen Bösewicht mit einer geringern Strafe davonkommen zu lassen, als ein einzig Mal sich dem erschrecklichen Falle auszusetzen, einen Mitbürger unverdienterweise zu peinigen.

ICH: Die gesetz fordern das eigne Geständnis.

MANIM: Das ist töricht, wenn man die Sache schon gewiss weiss.

ICH: Und der Verbrecher soll die Mitschuldigen angeben.

MANIM: Meine gesunde Vernunft getrauet sich zu beweisen, dass dies die höchste Grausamkeit ist. Der Staat kann den Bürger, welcher in diesem staat leben will, zwingen, nach den moralischen grundsätzen zu handeln, die der grössere teil des volkes als richtig und heilsam erkannt und ihnen gesetzliche Kraft gegeben hat. Er kann den, welcher dagegen handelt, bestrafen, ausstossen, einsperren; er kann offenbar gewordne Handlungen richten, nie aber kann er, ohne die höchste Tyrannei, das Bekenntnis verborgen gebliebner Übertretungen durch grausame Martern erzwingen.

ICH: Ich sehe, du bist kein Jurist.

MANIM: Nein! ich bin ein Mann, der gesunde Vernunft und Freiheit und Menschenwürde respektiert. Reden wir nicht mehr davon!

Allein ich will auch die Leser nicht länger mehr mit den Bemerkungen meiner abyssinischen Reisegefährten über solche Dinge, welche ihnen in Deutschland auffielen, ermüden; was ich davon erzählt habe, das sollte ihnen nur zeigen, aus welchen sonderbaren Gesichtspunkten zuweilen die Leute, denen europäische Verfassungen fremd sind, dergleichen Gegenstände ansehen. Dass es übrigens unbillig sein würde, wenn man ihre verkehrten Meinungen auf meine Rechnung schreiben wollte, das versteht sich, wie ich glaube, von selber. Kürzer aber habe ich mich unmöglich fassen können. Ich bin in sieben Kapiteln einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren durchlaufen; denn so lange waren wir jetzt aus Abyssinien abwesend gewesen, und nun bin ich schon im Begriffe, von unsrer Rückreise zu reden.

Im August des Jahrs 1777 nämlich bekam ich, eben als ich mit dem Kronprinzen und seinem Gefolge in Berlin war, einen Brief von meinem Herrn Vetter, dem Minister von Wurmbrand. Dieser Brief entielt den Befehl, gleich nach Empfang desselben Anstalt zu unsrer Rückkehr nach Abyssinien zu machen, so schnell als möglich zu reisen und den kürzesten Weg zu nehmen. "Seine Majestät der König", schrieb mir mein Vetter, "befinden sich in sehr bedenklichen Gesundheitsumständen und wünschen den Tronerben hier zu sehen. Ihr müsst also die Rückreise Seiner Hoheit, soviel sich's nur irgend tun lässt, beschleunigen. Allein der Weg ist weit, und ich zweifle sehr, dass der Prinz seinen Herrn Vater noch lebendig antreffen wird. Indessen hoffe ich, mein lieber Vetter, es wird sich unser künftiger Monarch unter Eurer Anleitung so gebildet haben, dass die Länder, welche nun unter seinem Zepter stehen werden, sich blühende, glückliche zeiten versprechen können. Ich darf dabei Eurer Klugheit und Redlichkeit zutrauen, dass Ihr nichts werdet versäumt haben, nicht nur Euch Seiner Hoheit Gunst, Gnade und Vertrauen zu erwerben, sondern auch, bei schicklichen Gelegenheiten, dem Prinzen meine eifrigen und treuen Dienste von einer solchen Seite zu schildern, dass ich ruhig und ohne Besorgnis der nahe bevorstehenden Regierungsveränderung entgegensehen könne." Sobald ich diesen Brief erhielt, machte ich dem Kronprinzen den Hauptinhalt desselben bekannt, und zwei Tage nachher befanden wir uns schon auf der Rückreise nach Abyssinien.

Achtes Kapitel

Etwas über den Prinzen. Rückkunft nach Gondar

Der letzte teil von meines Herrn Vetters Briefe, nämlich was den Kronprinzen und meinen Einfluss auf denselben betraf, machte mir in der Tat unruhige Nächte, und meine Beklemmung nahm zu, je mehr ich ihn, nachdem er die Nachricht von des Königs gefährlichen Gesundheitsumständen erhalten hatte, auf der Reise beobachtete. Der Minister erwartete, wie ich aus seinen Äusserungen sah, nun bald einen durch meine Sorgfalt und durch eigne Erfahrungen gebildeten würdigen Fürsten auf Abyssiniens Tron zu sehenund ach! wie wenig Ursache hatte ich, seinen Hoffnungen einen guten Erfolg zu versprechen!

Ich habe schon im fünfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses buches, als ich den Charakter der beiden königlich abyssinischen Prinzen schilderte, ein Bild von diesem ältesten entworfen, das, leider! zu erkennen gab, welche schlimme Anlagen dieser Königssohn schon in seiner frühen Jugend verriet, und was ich von seiner Aufführung in Kassel und überhaupt auf der Reise erzählt habe, passt vollkommen zu jenen Zügen. Dass ich es an Eifer, Fleiss und Ermahnungen nicht mangeln liess, um bessere Gesinnungen und Gefühle in ihm zu erwecken, das kann ich auf meine Ehre versichern; aber ich muss es gestehen, als ich sah, dass alle meine Vorstellungen vergebens waren, dass die Schmeicheleien der Hofschranzen, die man uns mitgegeben hatte, nebst den bösen Beispielen, die er an den Höfen und in den Städten, welche wir besuchten, sah, mächtiger auf ihn wirkten als meine Lehren und oft in einer Stunde alles vereitelten, was ich durch wochenlange Predigten bewirkt zu haben glaubte, da verlor ich den Mut und wurde, um mich ihm zuletzt nicht durchaus verhasst zu machen, nachsichtiger gegen ihn undwenn man glaubt, dass es Pflicht sei, auch da zu arbeiten, wo man gewiss weiss, dass alle Arbeit verloren istnachlässiger in Erfüllung meiner Pflichten.

Die kalte, unteilnehmende Seele