Vermögensumstände Rücksicht zu nehmen.
ICH: Und dennoch halte ich diese Klagen für ungegründet. Aufwand in Kleidern hat zugenommen; aber dagegen kostet auch jetzt ein seidnes Gewand weniger als ehemals eines von Leinen oder Wolle. Man besetzt die Tafeln mit mehr speisen und trinkt mehrere Arten von Wein; aber dagegen werden auch jährlich mehr Gärten und Weinberge angebaut, mehr Bäume gepflanzt, mehr Wüsten urbar gemacht. Die kleinen Bedürfnisse des Lebens vervielfältigen sich, aber mit ihnen zugleich die Anstalten, sie in grössrer Zahl und zu wohlfeilern Preisen zu liefern. Seiden-, Porzellanund andre Fabriken werden allerorten angelegt, und indes alle Preise steigen, vermehrt sich auch die Summe des Geldes durch die ungeheure Menge des Metalls, das jährlich der Erde entlockt wird. Jetzt sind also hundert Taler grade das, was ehemals zehn Taler waren. Gehalt, Gagen, Lohn und Tagelohn steigen in demselben Verhältnisse; der Arbeitsmann nimmt mehr für seine Waren, und so wird in allen Ständen das Gleichgewicht wiederhergestellt, ausser dass der Verschwender jetzt mehr Anlockung hat, sein Eigentum zu verprassen; aber wessen Schuld ist das anders als seine eigne?
NEGUS: Der Unterschied der Stände legt denn auch den Heiraten nach blosser Neigung Hindernisse in den Weg.
ICH: Für Leute, die nicht den Mut haben, sich über Vorurteile hinauszusetzen.
NEGUS: Und der Unterschied der Religion?
ICH: Bei der jetzt immer allgemeiner werdenden Toleranz –
NEGUS: Ihr mögt mir ja tolerant sein! In Worten seid ihr es, aber in der Tat nichts weniger als das. In allen euren Journalen lese ich Klagen darüber. In einer deutschen Stadt kann niemand zum Bürger aufgenommen werden, als der die Prädestination glaubt; in der andern darf niemand gute Schuhe machen, als der den heiligen Kerl in Rom für unfehlbar hält; in der dritten hilft dem mann die grösste Geschicklichkeit nicht, er kann keinen Torschreiberdienst erlangen, wenn er nicht Martin Luters Begriffe vom Abendmahle hat. – Das ist mir eine schöne Toleranz! Und wie zanken sich nicht eure Gelehrte, und zwar solche, die gar keine pfaffen sind, schimpfen wie die Bettelbuben aufeinander und suchen einer den andern auf die abscheulichste Weise verhasst und verdächtig zu machen, wenn einer, der bis jetzt für einen Calvinisten gegolten, sich einmal hat merken lassen, dass es doch wohl möglich wäre, dass der liebe Gott die Menschen nach dem richten würde, was sie getan, und nicht nach dem, was sie geglaubt hätten! – Nein! so etwas musst du mir nicht aufhängen wollen. Ich weiss wohl, was ihr in Deutschland Gutes und Böses habt; aufgeklärter seid ihr im ganzen als wir, das muss wahr sein, aber toleranter mitnichten!
Im grund konnte ich hierauf wenig antworten; der Negus hatte nicht so durchaus unrecht. Zur Ehre meines Vaterlandes hätte ich wohl wünschen mögen, dass er weniger belesen in deutschen Büchern gewesen wäre, in welchen wir ewig über die Gebrechen unsrer Verfassung schreien, ohne dass die, welche ihnen abhelfen könnten, desfalls mehr oder weniger tun. Von einer andern Seite aber war mir's doch lieb, dass diese Klagen Eindruck auf ihn gemacht hatten, weil ich hoffte, er würde dadurch aufmerksam auf die Mängel in seinen eignen Staaten werden.
Ich gab sogar hierzu nähere gelegenheit, indem ich ihm bemerklich machte, wie sehr es noch in allen europäischen Ländern an Gesetzen fehlte, welche die moralische Verbesserung der Menschen zum gegenstand hätten. "dafür", sagte ich, "wird so ziemlich gesorgt, dass das Eigentum und das Leben der Bürger gesichert sei; aber in welchem land ist eine Strafe auf heimliche Verleumdung, auf Lügen, auf falsche Beteuerungen, auf offenbar verwahrlosete Kindererziehung, auf Betrug und unvernünftiges Überfordern im Handel und Wandel, auf Verspottung des Schwachen, Verkleinerung des Rufs des edlen, auf Einmischung in fremde Geschäfte gesetzt? Ja, wir haben einige gesetz und bürgerliche Einrichtungen, die offenbar die heimlichen Übertretungen der Pflichten begünstigen. Ein armes Mädchen, welches das Unglück gehabt hat, einen einzigen Fehltritt zu begehen und schwanger zu werden, wird wirklich härter bestraft als eine offenbare Gassenhure, die man ertappt und die dasselbe Verbrechen täglich begeht. Durch diese Härte gegen verunglückte Mädchen und durch den Schimpf, womit sie und ihre uneheliche Kinder belegt sind, befördern wir den Kindermord und bestrafen dann diesen auf die grausamste Art. Das Zeugnis eines Menschen, der das schändliche Handwerk eines Kupplers treibt oder von dem sich beweisen lässt, dass er ein Lügner oder sonst ein sittenloser, seinen Pflichten untreuer Mensch ist, gilt, wenn er einen Eid ablegt, vor Gericht ebensoviel als das Wort des Mannes von unbescholtnen Sitten.
Und bei allen diesen Gebrechen unsrer Staatsverfassungen legt man noch in manchen Ländern den Leuten den Zwang auf, nicht auswandern zu dürfen. Es scheint so billig als möglich, dass man sich entweder den Verordnungen eines Landes unterwerfen oder dasselbe verlassen muss; grausam aber ist es, die Menschen zwingen zu wollen, da zu leben, wo sie nicht leben mögen, und sich Gesetzen zu unterwerfen, zu deren Bestimmung sie ihre Einwilligung nicht gegeben haben."
Dem Könige mochte es wohl gefallen, dass ich, unparteiischer als mein Herr Vetter, das Gute und Mangelhafte in meinem vaterland mit gleicher Freimütigkeit bekannte; endlich aber schien ihm doch mein Gespräch über diese ernstafte Gegenstände Langeweile zu machen. – Und gestehen Sie es, liebe Leser, es geht Ihnen auch so! – Er beurlaubte mich also für heute; und da meine Unterredungen mit