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auch nicht etwa aus Menschenfurchtdenn an den Ufern des Nils pflegt man sich nicht viel um einen Despoten zu bekümmern, der an den Ufern des Rheins hauset –, aber ich erlangte ja denselben Zweck durch das Beispiel eines verstorbnen Königs. Ich zeigte ihm, wie bis dahin unsre mehrsten historischen Werke nicht etwa die Geschichten der Völker, sondern das Inventarium der Torheiten der Grossen entielten, und machte ihn unter andern aufmerksam auf die Reihe von Oktavbänden: "La vie privée de Louis XV", in welchen mit grosser Wichtigkeit Armseligkeiten erzählt sind, worüber die Nachwelt nur spotten kann.

Ich erzählte ihm, wie tyrannisch einige deutsche Fürsten mit ihren Dienern umgehen, und bestritt das Recht des Landesherrn, seine Räte willkürlich zu verabschieden, die ebensowohl als er selbst in Diensten des staates stehen, dessen oberster Aufseher er ist, und die, wenn sie ihre Pflicht erfüllen, nicht nach Gutdünken abgeschafft werden können. – Ein Satz, den der Freiherr von Moser in einer eignen, sehr lesenswerten Schrift mit den wichtigsten Gründen unterstützt hat!

Einst hatte ein abyssinischer Schriftsteller sehr frei über die Landesverfassung geschrieben und den persönlichen Charakter des Negus angegriffen. Die Zensurkommission verbot nicht nur die öffentliche Bekanntmachung dieses buches, sondern trug auch darauf an, den Verfasser für seine Kühnheit zu bestrafen. Seine Majestät verzieh ihm und bildete sich sehr viel auf diese gnädige Nachsicht ein. Ich schwieg; aber einige Tage nachher nahm ich gelegenheit, dem Könige einen Aufsatz über Scheintugenden vorzulesen: er war von mir, ich gab aber vor, er stehe in einem gedruckten Werke. Folgende Stelle sollte auf jenen Vorfall zielen; es hiess da: "Man nennt das Grossmut, wenn der vornehme Beleidigte dem geringern Beleidiger verzeiht, wenn man sich im Glücke nicht an dem rächt, der uns im Unglücke gekränkt hat. Begreift man denn nicht, dass es kein Verdienst sein kann, wenn angenehme Verhältnisse uns in eine heitre Laune setzen, sich nicht durch das unangenehme Gefühl der Rache wieder zu verstimmen; dass stolze Verachtung nicht Grossmut ist, dass der Reiz des Ehrgeizes, deswegen gelobt zu werden, weit grösser geworden sein kann als das Gefühl der alten Wunde; dass der Mann uns vielleicht nicht wichtig genug ist; endlich, dass uns daran gelegen sein muss, eben ihn um so mehr zu unserm Anhänger zu machen, je furchtbarer er als Feind gewesen ist?"

Ich sah mit Vergnügen, dass solche hingeworfne Ideen nicht ohne gute wirkung blieben, und hätte mein Vetter und das Heer der Hofleute mit mir gemeinschaftliche Sache gemacht, so zweifle ich nicht daran, dass wir noch etwas Gutes aus unserm alten Negus würden haben ziehen können.

Da nun die Zeit unsrer Abreise immer näher heranrückte, so bat ich um Erlaubnis, noch vorher eine kleine Reise in einige Provinzen von Abyssinien machen zu dürfen, die ich auch erhielt. Hauptsächlich aber war mir's darum zu tun, den merkwürdigen Mann kennenzulernen, von dem ich nun schon ein paarmal Erwähnung getan habe; ich meine den Erzieher des jüngern königlichen Prinzen. Mit wahrer Traurigkeit bemerkte ich auf dieser Reise das abscheuliche Verderbnis der Sitten in allen Ständen, das, leider! mit den Graden der Kultur in gleichem Verhältnisse stand, und ich rief oft missmütig aus: "Müssen denn die Menschen um so lasterhafter werden, je mehr sie ihre intellektuellen Anlagen ausbilden, oder ist dies alles nur Folge der halben Aufklärung; werden nicht endlich diese Nebenwege, diese Abwege dennoch zu dem letzten grossen Ziele, zu dem Triumphe der Aufklärung, zu der auf Erfahrung gestützten Wahrheit hinführen, dass der höchste Grad von Weisheit in dem höchsten Grade von Tugend beruhe und dass nur der mässige, nüchterne, von unruhigen Leidenschaften freie Mensch den grossen Genuss des Lebens, aller geistigen und körperlichen Kräfte, häuslicher Glückseligkeit und bürgerlicher Vorteile schmecken könne?"

Die Weiber in Abyssinien, besonders die in Tabelaque, sind im höchsten Grade frech und verbuhlt4; sie spotten öffentlich der Pflicht und der Tugend; die Priester und Mönche sind allen Ausschweifungen ergeben und dabei die ärgsten Diebe. – Und dennoch hält man strenge auf Beobachtung der religiösen Zeremonien, betet sehr viel und besucht fleissig die zahlreichen Kirchen.

Über alle diese Gegenstände, und hauptsächlich über die Kraft des Einflusses der Religion auf die Sittlichkeit, hatte ich, nach meiner Zurückkunft, sehr weitläuftige gespräche mit dem grossen Negus. Eines tages fragte mich der König, ob es wahr sei, dass in Deutschland jeder Mann sich mit einer Frau, jede Frau sich mit einem mann begnügte.

ICH: Das nun eben nicht; aber gesetzmässig sind doch die Vielweiberei und Vielmännerei verboten.

NEGUS: In der Bibel steht nichts von dem Verbote der Vielweiberei. Was die Vielmännerei betrifft, so sagt uns schon die gesunde Vernunft, dass unter Menschen, die nicht wie das Vieh leben wollen, eine Frau nicht mehr als einen Mann haben dürfe, der ihr Herr, ihr Ernährer und der Vater ihrer Kinder sei; aber das sehe ich nicht ein, warum eure bürgerlichen gesetz dem mann nicht erlauben, soviel Weiber zu nehmen, als er ernähren kann.

ICH: Weil in Europa die Gattin zugleich des Mannes treue Gefährtin, seine teilnehmende Freundin im Glück und Unglücke, die sorgsame Mutter und Miterzieherin seiner Kinder sein sollBande, die nur durch gegenseitiges Zutrauen, durch gegenseitige Hochachtung, durch gegenseitige ausschliessliche Hingebung und durch die Überzeugung fester geknüpft werden können, dass, auch ausser den Augenblicken der Befriedigung sinnlicher Begierden und auch dann, wenn Schönheit und Jugend