geschrieben und gesprochen wird, nicht erfahren, so stiftet ja das ganze Geschrei darüber keinen Nutzen, wohl aber den Nachteil, dass das Volk zum Aufruhr, auch gegen gute Regenten, zur Unzufriedenheit, auch über die besten Einrichtungen, angereizt werden kann.
ICH: Nein, mein gnädigster König! Das Volk im ganzen ist nie zum Aufruhre geneigt, und einzelne unruhige Köpfe würden es vergebens versuchen, Menschen zur Meuterei zu verführen, die sich, unter einer väterlichen Regierung, glücklich fühlen, Menschen, die Freude und Wonne und Sicherheit und Wohlstand in ihren stillen, friedlichen Hütten schmecken, die nach öffentlich bekannten grundsätzen regiert, nicht im Blinden geführt, nach Gerechtigkeit und Verordnungen, nicht nach Willkür gerichtet werden. Einzelnes Klagen und Murren wird dann freilich wohl dennoch gehört werden; nicht jeden wird man zufriedenstellen können; auch werden einzelne Unvollkommenheiten mit unterlaufen, aber allgemeine Meuterei wird nie Wurzel fassen, und schrieben die Bösgesinnten auch noch so arge Libelle. Also schaden dergleichen freie Reden und Schriften nicht. – Aber sie stiften auch Nutzen. Lieset und hört sie der Fürst nicht, so lesen und hören sie doch zuweilen seine Verführer, zittern bei dem Gedanken, dass ihr Reich sich seinem Ende nahen könne, und verlieren den Mut. Der Gedrückte, Gebeugte, Scheue, Furchtsame aber wird belebt, wagt es einmal, bei einer entscheidenden gelegenheit, wo er aufs äusserste gebracht ist, den Götzen die Kniebeugung zu versagen; und der Schwache, der im Begriff war, sich zum Werkzeuge der Unterdrükkung missbrauchen zu lassen, schämt sich und tritt zurück, tritt auf die Seite der Bessern, wenn jene Wahrheiten in allgemeinen Umlauf kommen und niedrige Sklavenseelen der öffentlichen Verachtung preisgegeben sind.
NEGUS: Du redest kühn; aber ich mag dergleichen wohl hören und werfe darum keine Ungnade auf dich. Komm morgen wieder! Für heute habe ich genug. Nur bitte ich, wenn du nicht Lust hast, gekreuzigt zu werden, dass du über dergleichen Gegenstände nur mit mir und ausserdem höchstens noch mit deinem Vetter, sonst aber mit niemand redest.
Ehrerbietig verbeugte ich mich nun zur Erde und ging von dannen; aber ich gestehe es, ich war sehr zufrieden von meiner Wenigkeit an diesem Tage.
Achtzehntes Kapitel
Drittes Gespräch mit dem Negus; über die deutsche
Verfassung
Ich konnte unmöglich meinem Herrn Vetter die Behaglichkeit verbergen, die mir das Bewusstsein, als ein redlicher, freimütiger Mann geredet zu haben, gab; sobald ich daher mit ihm allein war, erzählte ich ihm haarklein jedes Wort, das zwischen dem Negus und mir gewechselt worden war. "So habt Ihr es denn", rief der Herr Minister aus, "recht darauf angelegt, mich und Euch durch Eure Unvorsichtigkeit ins Verderben zu stürzen? Solche Dinge einem Monarchen zu sagen! – Hat man je so etwas gehört? Mich wundert, dass er Euch nicht auf der Stelle hat spiessen lassen. Nun, gottlob! dass es so abgelaufen ist! Aber ich rate es Euch, vorsichtiger zu werden, sonst werde ich der erste sein, der seine Hand von Euch abzieht."
Als mein Vetter also sprach, glaubte ich, es sei grade Zeit, mich ein für allemal bei ihm in Ansehen zu setzen; ich ging also ernstaft auf ihn zu, runzelte ein wenig die Stirn und sprach mit Nachdruck folgendes zu ihm: "Herr Minister! ich muss es Euch gradeheraus sagen, dass mir dieser Protektorston gar nicht gefällt. Wer immer grade und redlich handelt, bedarf keines Schutzes, und wer nicht eher redet, als bis er gefragt wird, und dann, wenn es Pflicht ist, so redet, wie es Rechtschaffenheit und Wahrheit fordern, der hat nicht Ursache, irgend jemand zu fürchten. Drohen aber lasse ich mir nun vollends von niemand auf der Welt. Wenn Ihr geglaubt habt, Ihr würdet aus mir hier einen Sklaven machen, der kein andres Wort über seine Lippen brächte, als was Ihr ihm vorschriebet und was in Euren Plan passte, so hättet Ihr mich lieber in Goslar in meiner Armut lassen sollen. Ich mag keines sterblichen Menschen Maschine sein. Hoferfahrungen habe ich freilich wenig; aber das finde ich doch auch hier bestätigt, was ich immer geglaubt habe, dass die Fürsten selbst nicht so schlimm sind als die, welche sie umgeben. Ihr seid es, welche diese Menschen verderben, indem Ihr aus knechtischer Furcht sie in ihren schädlichen Grillen durch untertänigen Beifall bestärkt oder gar, aus niedrigen Nebenabsichten, ihnen gefährliche Grundsätze in den Kopf jagt. Ihr sehet es, Herr Vetter, der Negus hat die Dinge, welche ich ihm gesagt habe, geduldig angehört und hat mich nicht spiessen lassen, und Ihr, die Ihr Euch freuen solltet, dass Ihr einmal einen ehrlichen Mann in den Dienst gebracht habt, Ihr wollt mir das Maul stopfen. Nein! ich werde reden, solange ich meine Stelle behalte; ich fühle es, der König ist kein schlimmer Mann; er verdient es, dass man ihm die Wahrheit nicht verhehle. Glaubt Ihr, ich werde mich deswegen je zu der Rolle eines schändlichen Schmeichlers erniedrigen, weil ich hier umsonst Pasteten bei hof fresse, oder ich liesse mich besolden, um den Negus mit verderben zu helfen, so irrt Ihr Euch gewaltig. Dient das nicht in Euern Kram, bedürft Ihr eines Menschen, der anders denkt, so schickt mich wieder zurück nach meinem schmutzigen Goslar – und damit Gott befohlen!"
Leichenblass wurde mein Herr Vetter bei dieser Erklärung; er