heilsamen Vorkenntnissen auszurüsten, wurden mit kaltem Wortkrame verschleudert; die Priester aber machten sich dem volk wichtig und notwendig, erfüllten die Kinder mit blinder Verehrung des geistlichen Standes, schlichen sich in die Familien ein, mischten sich in allerlei Händel und bereicherten sich.
Als sich endlich die Könige in Abyssinien unabhängig machten, waren die Priester schon ein äusserst bedeutender Stand geworden, den man nicht vor den Kopf stossen durfte. Sie fanden aber ihre Rechnung dabei, den Despotismus zu unterstützen; sie bewiesen dem volk, dass der König ein Stattalter Gottes sei und unbedingten Gehorsam fordern könne. Sie erfanden ein Geschlechtsregister für die Familie des Monarchen, der man nun die erbliche Tronfolge zugesichert hatte, und liessen den grossen Negus von dem jüdischen Könige Salomon und der Königin Saba abstammen.1 Für diese geistliche Unterstützung aber liessen sie sich denn auch von dem Despoten wichtige Privilegien einräumen; und seit dieser Zeit hielten sie es immer so, dass, je nachdem ein verständiger oder schwacher, ein ihnen ergebner oder nicht gut gegen sie gesinnter Regent auf dem Trone war, sie entweder gegen gute Bezahlung sich zu seinen Werkzeugen oder sich ihm furchtbar, entweder gemeinschaftliche Sache mit dem weltlichen Despotismus machten oder Meuterei erregten. – Wie es aber auch kam, so war immer das Volk das Opfer davon.
So stand es, als die christliche Religion oder vielmehr ein Mittelding zwischen ihr und der jüdischen, nämlich die koptische Religion in Abyssinien eingeführt wurde. Die einfache, so jedermann klare, für alle Stände unter den Menschen so heilsame, so verständliche, so weise, für Kopf und Herz gleich beruhigende Lehre des Erlösers der Welt fand in ihrer Reinigkeit keinen Eingang bei Menschen, die sich durch jene Albernheiten verschroben und verstimmt hatten. – Wie hätten auch die Priester da ihr Konto finden sollen, wo nichts auswendig zu lernen, nichts zu glauben war, als dass man, um Gott wohlgefällig zu sein, ihn über alles und seinen nächsten wie sich selbst lieben müsse; wo keine andre Beweise für die Echteit der Lehre gefordert wurden, als dass man an sich selber die probe anstellen sollte, ob sie uns besser und ruhiger machte oder nicht?
Die koptische Religion hingegen war eine wahre Pfaffenreligion und vereinigte dabei alle Gebräuche der jüdischen und christlichen miteinander: Beschneidung und Taufe, Abendmahl und Konfirmation und Firmelung und Priesterweihe und Mönchsstand und Heiligendienst. – Und welch eine herrliche Menge mystischer Lehren, die auf die Sittlichkeit und auf die Ruhe im Leben und im Sterben gar keinen Einfluss hatten, worüber sich aber gewaltig disputieren und schwätzen liess! Nun waren vierzehn Jahre, selbst für einen Laien, kaum hinlänglich, die Skizze dieses ganzen teologischen Systems in sein Gedächtnis zu propfen; und doch wurde das von jedem Abyssinier gefordert.
Um den Negus ganz für dies System und für den Priesterstand zu interessieren, bewogen ihn die pfaffen, sich zum Diakonus weihen zu lassen. Seit dieser Zeit ist der Beherrscher von Abyssinien immer zugleich Diakonus, wird, wenn er die Regierung antritt, von jenen Kerln gesalbt und trägt einen Hauptschmuck, der halb Priestermütze, halb Krone ist. Nun sah er sich auch als das Oberhaupt der Priesterschaft an; jetzt wurden die fruchtbarsten Felder, die fettesten Wiesen ein Eigentum der pfaffen; es wurden Klöster gestiftet und reich dotiert, in welchen ein Haufen erzdummer Schurken sich bei frommen Müssiggange Schmerbäuche zeugten und dabei in Unzucht und Völlerei lebten. Auch Einsiedler, die das Volk für Wundertäter hielt, setzten sich in den Gebirgen von Waldubba fest. Alles dies begünstigte und beförderte der grosse Negus; dagegen aber sprachen ihn denn auch die Priester im Namen Gottes von allen vergangnen, jetzigen und künftigen Sünden los, predigten dem volk unaufhörlich die Lehre von der Heiligkeit der königlichen Majestät und erhielten es in der Dummheit und Unwissenheit, so dass es nie den Gedanken wagte, sich der unmenschlichen Tyrannei zu widersetzen.
Um ihr Reich noch vollends zu befestigen, war es nötig, auch dafür zu sorgen, dass kein andrer als ein so frommer Monarch auf den abyssinischen Tron käme. Hierzu war das wirksamste Mittel, die Erziehung der Prinzen in ihre hände zu spielen, welches ihnen auch so wohl gelang, dass in den letzten hundert Jahren nicht nur kein einziger Negus von andern als Pfaffenhänden ist gebildet worden, sondern auch, dass ihnen die Wahl überlassen blieb, welcher von den Prinzen zur Regierung kommen sollte, und dass die übrigen königlichen Kinder nach Waldubba in ihre Klöster verwiesen wurden. Dieser letzte Umstand war ihnen sehr nützlich. Die Prinzen bürgten ihnen als Geiseln für die beständige Dauer ihres Systems; denn starb die regierende Familie aus, so hatten sie im voraus dafür gesorgt, dass der Tronfolger, den man aus ihrem Kloster holen musste, gewiss wenigstens ebenso dumm und ein ebenso grosser Pfaffenfreund war als der jüngst Verstorbne; und wollte der König zuweilen Miene machen, als wenn er ihr Joch abschütteln möchte, so regten sie das Volk gegen ihn auf, indem sie dasselbe anhetzten, dass es das Kloster stürmen und einen von den frommen Prinzen zum Könige ausrufen musste. Dann gab der Negus gute Worte, bat und flehete, dass die Priester den Aufruhr stillen möchten, und räumte ihnen neue Vorteile, neue Vorrechte ein.
Die gewaltige Übermacht nun, welche die pfaffen in Abyssinien hatten, machte sie aber auch im höchsten Grade übermütig und schamlos. Ihr Hochmut, ihr geistlicher Stolz kannte keine Grenzen mehr; und wer sich nicht vor ihnen im Staube beugte, vielleicht gar einem ihrer eigennützigen Plane etwas in den Weg legte, der