man denken kann, die Söhne der Vornehmen genommen, und weil diese in der Tat nicht immer die Tapfersten waren und man sie auch nicht übermässig für ihre Dienste belohnen konnte, so musste man andre Ressorts erfinden, um sie zu bewegen, sich durch kühne Taten auszuzeichnen. Man fand diese Ressorts in der törichten Eitelkeit der Menschen, in ihren falschen Begriffen von Ehre, von Rang und in ihrer Albernheit, auf kleine Auszeichnungen, auf Bänder, Kleidung, Lob und dergleichen Wert zu setzen. Man gab dem ganzen Heere einerlei Kleidung zu tragen, der König selbst erschien in diesem Gewande, und man legte einen hohen Wert darauf, im Kriegsrocke einhergehen zu dürfen, diesem Rocke Ehre zu machen und keine Beschimpfung zu ertragen, wenn man ihn am leib hatte. Der nützlichste Mann im staat, der Handwerker, durfte es nicht wagen, sich mit einem Trommelschläger in eine Klasse zu setzen. Schimpfwörter, die man in Übereilung gegen jemand auszustossen pflegt, durfte der auf innere, wahre Ehre stolze Bürger grossmütig verzeihen; der Kriegsmann musste sich mit Blute rächen. Der Offizier, der in der Schlacht seine Pflicht tat, wurde durch ein Bändchen oder ein andres kleines Angehänge, das man ihm zu tragen erlaubte, belohnt. Man verzieh dem Soldatenstande leichtsinnige Übereilungen, Unsittlichkeiten, Ausschweifungen, rauhes Betragen und Unwissenheit, weswegen Menschen in andern Ständen verachtet und geflohen wurden. – Und so hatte denn der Stand eines Offiziers neben dem Müssiggange, in welchem er den grössten teil seines Lebens zubringen konnte, für Leute mancher Art viel Reiz. Ein solcher rückte denn auch nach und nach von Stufe zu Stufe weiter, wo er immer etwas besser besoldet, mehr geehrt, mehr geschmeichelt wurde; und war er alt, kränklich oder im Kriege verstümmelt, so konnte er sich mit einer mässigen Pension in Ruhe setzen. Die Schwierigkeit, in andern Ständen sich durch Kabalen und Hudeleien mancher Art bis zu einer Stelle hindurchzuarbeiten, die in diesen teuern zeiten eine Familie ernährte, bewog denn auch würdige und edle, aber arme Männer, Offizier zu werden, weil sie doch dadurch eine kleine, aber sichre, mit äusserer Ehre verknüpfte Versorgung erhielten und weniger Schikanen ausgesetzt waren.
Das alles fand aber nur bei den Offizieren statt; mit den gemeinen Soldaten sah es ganz anders aus. Schlecht bezahlt, dürftig gekleidet, mager gespeiset, ohne Hoffnung, weiter fortzurücken, und mit der Aussicht, wenn sie einst Krüppel oder sonst zum Dienste unfähig würden, fortgejagt und Bettler oder Räuber zu werden, und, dabei in sklavischem Zwange lebend, ausserstande, sich durch Tapferkeit Ruhm zu erwerben, wollte kein arbeitsamer Mensch gutwillig sich diesem stand widmen. Es mussten daher andre Mittel gewählt werden, die Armee vollzählig zu machen. Taugenichts und Vagabonden, die durch den Reiz eines zügellosen, müssigen Lebens herbeigelockt wurden, liess man die Waffen tragen; bessere Menschen wurden teils mit Gewalt, teils durch List angeworben. Man übte sie in den Waffen, das heisst, da man jetzt auf persönliche Tapferkeit im Kriege nicht mehr rechnen durfte, so lehrte man sie gehen und kommen, schiessen und sich totschiessen lassen, sooft ihnen der Wink dazu gegeben wurde. Mit fürchterlichen Schlägen wurden die Widerspenstigen und Ungeschickten zu diesen mechanischen Übungen abgerichtet, die strengste Unterwürfigkeit, der pünktlichste Gehorsam eingeführt, das kleinste Verbrechen, das geringste Murren auf die abschreckendste Weise bestraft; jeder Offizier übernahm die Unterjochung einiger solcher Leute. Die Schlechtern unter diesen hatten nicht den Mut, sich der unmenschlichen Tyrannei zu widersetzen; die Bessern wurden nach und nach des Jochs gewöhnt und wussten nicht, ob sie sich bei einer Empörung auf die Mitwirkung ihres Nebenmannes verlassen konnten; als Bauern zu haus war auch nicht viel Glück und Freiheit für sie – da wurden sie von den Beamten geschunden; und so erhielt und befestigte sich dann – in der Tat ein Wunder der Menschheit! – eine Maschine, in welcher vieltausend Unzufriedne und Unglückliche sich auf den Wink eines einzigen zu Handlungen bestimmen liessen, die gänzlich gegen ihre Neigung, gegen Billigkeit, gegen Vernunft und natur waren, ohne jedoch zu murren, ohne die Rechte der freien Menschheit zu reklamieren, ohne empört zu werden von dem entehrenden Schauspiele, dem wahren Sinnbilde des Despotismus, wenn sich ein ehrwürdiger Greis unter den Schlägen von der Hand eines Knaben krümmen musste.
Nun wurde die Kunst, Menschen von der Erde zu vertilgen, in ein System gebracht, und man sah auch in Abyssinien ein, dass nicht mehr die Tapferkeit, sondern das, was man Kriegskunst nennt, das Glück der Feldzüge entscheide. Es kam darauf an, die Maschine, welche man aus vernünftigen Wesen, denen man den freien Willen geraubt, zusammengesetzt hatte, mit grössrer Behendigkeit und Schnelligkeit zu bewegen als der Feind, um über diesen den Meister zu spielen. Feuergewehr hatten die Abyssinier schon längst über Arabien her bekommen; ein Jesuit (denn jetzt rede ich schon von den neuern zeiten, von der Regierung der letzteren drei Könige) lehrte sie den besten, schnellsten und gleichförmigsten Gebrauch von diesen Waffen machen und führte sie selbst im nächsten Kriege an, der entscheidend zum Vorteile der Abyssinier ausfiel und eine Menge nubischer Könige dem grossen Negus zinsbar machte.
Auf diese zeiten folgte ein langjähriger Frieden, während welchem die Soldaten anfangs untätig in den Städten lagen. Viele von ihnen waren eingeborne, mit Gewalt aus dem Schosse ihrer Familie, von nützlicher Arbeit weggerissene Bauern- und Bürgersöhne. Mit reinen Sitten waren sie zum teil zum Heere gekommen; jetzt