, dass dies zugleich die geschichte des Despotismus überhaupt, in seiner Entstehung, seinem Wachstume und seinen Folgen ist, die ihm früh oder spät das Grab bereiten. Fangen wir jetzt ohne weitere Ausschweifung an!
In Abyssinien kannte man in den ältesten zeiten, wie in allen Ländern, nur das Familienregiment. Jeder Hausvater, der mit seiner Familie das Stückchen Landes bauete, das ihn, sein Weib und seine Kinder ernähren sollte, wies jedem seiner Hausgenossen seine Arbeit an. Es fand kein geteiltes Interesse statt; jeder wirkte zum Wohl der ganzen Familie; jeder war arbeitsam, weil Menschen ohne andre Zerstreuungen und Bedürfnisse, folglich auch ohne kränkliche Launen und Leidenschaften, nichts kannten als die Sorgfalt, ihr kleines Tagewerk zu vollenden und dann zu ruhen. Der Begattungstrieb paarte die Kinder des Patriarchen. Solange die Familie nicht zu gross wurde, blieb sie beisammen. Konnte das Fleckchen Erde, das sie umzäunt hatten, sie nicht mehr ernähren, so teilte sie sich ab, und so entstanden mehr Familien, die weiter miteinander in keiner Verbindung standen, sondern ungestört sich ihren Wirkungskreis schufen, weil Raum genug für sie da war und sie nichts bedurften, als was sie sich selbst, ohne fremde hülfe, verschaffen konnten. Hier entstand also Eigentum; nicht eines einzelnen Menschen, sondern einer ganzen Familie. Sie glaubten mit Recht, dass das Land ihnen zugehörte, welches ihr Fleiss bebauet hatte, und starb ein Glied aus dieser Familie, so blieben die übrigen im Besitze.
Indessen traten Fälle ein, wo eine Familie der andern beistehen musste. Die eine hatte etwas mehr Vorrat von Lebensmitteln gewonnen, als sie grade zu verzehren vermochte; die andre hatte durch einen unfreundlichen Sturm, durch den Einbruch wilder Tiere oder irgendeine andre kleine irdische Widerwärtigkeit etwas eingebüsst – und die benachbarte Bruderfamilie half aus. Der Tod raffte dagegen in dieser einen nützlichen Arbeiter weg – ein Mitglied aus jener ersetzte auf eine Zeitlang freundschaftlich den Platz. Durch Heiraten verbanden sich denn auch manche Familien miteinander – und so wurde das erste zusammengesetztere Gesellschaftsband geknüpft.
In dieser Periode darf man nicht erwarten, andre Künste erfunden zu sehen als die, welche den unmittelbarsten, leicht zu übersehenden Nutzen auf das häusliche Leben und die Befriedigung der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse zum gegenstand hatten.
Sobald aber in den Geschäften der Familienglieder, eben durch die Vervielfältigung der Arten von Arbeit, eine Verschiedenheit eintrat, war der Anteil, den jeder an dem Unterhalte der ganzen Gesellschaft nahm, nicht mehr so leicht zu übersehen, und indem jeder einzelne die Verwendung seiner Kräfte nach seiner Art taxierte, hatte er nicht mehr die Aufmunterung, einen Strich von Tätigkeit mit den übrigen zu halten; die Verschiedenheit der Temperamente wirkte dabei mit, und so gab es nun bald faulere und fleissigere Menschen.
War das Haupt einer Familie ein weniger tätiger, weniger fleissiger Mann, so ging es auch in seinem Hauswesen schläfriger her. Die nötigen Bedürfnisse für jedes Jahr wurden nicht gewonnen, am wenigsten Vorrat auf das folgende gesammelt, indes sein arbeitsamerer Nachbar zurücklegte oder seine Besitzungen erweiterte, unbebauetes Land urbar machte, kurz, anfing, mehr zu haben, als er brauchte. – Was folgte hieraus? Nicht nur die Entstehung des Unterschieds zwischen Armen und Reichen, sondern auch des Unterschieds zwischen Herrn und Knecht. Denn wenn jemand fortgesetzt faul war, folglich gänzlich verarmte und Mangel litt, so blieb ihm, um nicht zu verhungern, nichts anders übrig, als den Nachbar um hülfe zu bitten, und wenn dieser nicht geneigt war, ihn unentgeltlich zu füttern, so wurde eine Art von Vertrag unter ihnen geschlossen, zum Beispiel, dass die Familie A. der Familie B. das von ihr urbar gemachte, aber seit einiger Zeit vernachlässigte Gut abtrat (welches vielleicht ein erwachsener Sohn aus der Familie B. anfing zu bauen), wogegen aber die Familie A. auf gewisse Zeit von der andern musste ernährt werden; oder ein einzelner Mensch, der nicht gern arbeitete und dadurch zurückgekommen war, verdung sich endlich aus Not einer andern Familie, für ein bisschen Kost und Kleidung, als Handlanger. Es lässt sich begreifen, dass ein solcher durch Faulheit verarmter Mensch in keiner grossen achtung stand, dass er in der Familie, welcher er diente, zurückgesetzt, dass ihm nicht eben die fettesten Brocken gereicht wurden. Dieser erste Unterschied der Stände, nämlich der zwischen Herrn und Diener, wirkte also auch schon auf die äussere Begegnung der Menschen untereinander.
Hierbei aber sind zwei Dinge wohl zu bemerken, nämlich: dass also der erste Anspruch auf das Recht, andrer Menschen Herr zu sein und von ihnen mit ausgezeichneter achtung behandelt zu werden, in Abyssinien, so wie in allen Ländern, nur dadurch gewonnen wurde, dass man arbeitsamer wie sie war, und es ist wahrlich zu verwundern, wie jetzt in manchen Ländern der Welt diese ursprüngliche Entstehung der Herrschersrechte so sehr in Vergessenheit gekommen ist, dass grade der, welcher Millionen Menschen despotisch beherrscht, einen Freibrief zu haben glaubt, der Faulste und Untätigste unter ihnen allen zu sein. Ferner ist zu bemerken: dass natürlicherweise von seiten des Knechts der Vertrag der Abhängigkeit und Dienstbarkeit jeden Augenblick aufgehoben werden konnte, sobald der Knecht Mittel fand und Lust hatte, sich selbst zu ernähren und für sich zu arbeiten.
Bis dahin war alles, was Recht und Unrecht heissen konnte, so leicht zu übersehen, so keinem Zweifel unterworfen, dass es weder eines Gesetzes noch eines Richters bedurfte. Nun aber traten einige sonderbare Fälle ein: eine Familie starb