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, wie der Verstand des ungebornen ersten Kindes sich das Auge gebildet hat, nur eins fürs erste.

Wozu braucht er das Auge?

Zum Sehen.

Kann er nicht sehen ohne dasselbe?

Allerdings; da er alles durchdringt, berührt er an und für sich auch gewiss die Sonnenstrahlen oder wird ihre wirkung gewahr auf Oberflächen.

Was will er also damit?

In einen Körper eingeschlossen sich eine Öffnung für dieselben machen.

Gut. Warum schliesst er sich aber in einen Körper ein, da er ohne Auge sehen kann? und demnach auch ohne Ohren hören, ohne Zunge schmecken, ohne Nase riechen und ohne Finger und andre Glieder fühlen?

Es scheint, er ist des Herumvagierens müde und will einmal einen steten Punkt haben; oder eine Portion Verstand hasst die andre, wie sich Spinnen, und verlangt abgesondert ihr eigen Nest; oder er will weder unendlich gross noch unendlich klein beisammenbleiben, sondern in bequemer Anzahl und ergötzlichem Masse, wie die feinen Wollüstlinge unter Griechen und Römern nur soundso viel Gäste an ihren Tafeln verlangten; oder überhaupt, er kann die Materie in allen Arten von Zusammensetzungen nicht besser geniessen, als wenn er sich selbst in sie hineinsteckt; oder endlich das Schicksal zwingt ihn dazu, ob dies gleich für ein Wesen, das alles durchdringt und folglich nicht gebunden werden kann, ungereimt ist. Kurz, dem mag sein, wie ihm will: er macht alles auf einmal zusammen, sich in grösserm Umfang, und wie Pygmalion, seine Geliebte. Nach Euern Begriffen ist freilich Verstand selbst so verschiedner Gattung, als Elemente sind; und nur einer ist der König. Also der menschliche Verstand selbst macht einen Bund aus von verschiednen Elementen; und jedes präsidiert darin im Namen der übrigen seiner Gattung und dringt auf besonderen und eignen Genuss dafür.

Warum aber ist der Verstand des Kindes, wenn es fertig oder völlig ausgebildet ist, nicht mehr so gescheit, als er im Anfang war?

Demetri. Das ist er und bleibt es, durch alle Stufen des menschlichen Alters derselbe; alle Teile, die abgehen, ersetzt er wieder und bedient sich überdies seiner neuen Sinne. In der Komposition selbst, deren Ursprung ich schon auf verschiedne Weise berührte, muss er freilich erst Erfahrung sich erwerben. Verstand kommt von stehen27; er muss alsdenn lange vor den Dingen einer Gattung gestanden haben, ehe er sie vollkommen mit seinen Sinnen durcherkennt und sich davon ein Ideal bildet.

Einige Alten behaupteten auch, dass er schon lange studiert habe, bevor er ein so herrliches Ganzes wie den Menschen ausklügelte; es liesse sich dieses aus der auffallenden Ähnlichkeit, grösseren und mindern Vollkommenheit der Teile von Tieren schliessen. Die Pytagoräer nahmen nach dem Aristoteles als einen Grundsatz an: Speise und Raub ist eher gewesen, als was sich davon nährt; und wahrscheinlich! je ausgearbeiteter die Speise, desto leichter der Übergang zu höherm Leben. Kein vernünftiger Arzt wird daran zweifeln, dass der Mensch selbst die beste Kost für den Menschen wäre. Wer weiss, ob die Welt jetzt so vollkommen ist, als sie sein kann. Obgleich ewig, mag sie doch Kind, Jüngling und Mann, Jungfrau und Matrone zur Abwechslung werden; denn sie ist nicht ganz vollkommen solange noch Unvollkommenheit darinnen da ist.

Ardinghello. Von Menschenfressern also hätten wir die eigentliche Verklärung zu erwarten, das tausendjährige Reich? Ein starker Kontrast mit den schulen der Weisen!

Demetri. Aus dem scheusslichsten Dünger, wenn ich ein verkehrtes Gleichnis brauchen darf, wachsen die schönsten Blumen und Früchte. Wir schätzen unsern Körper viel zuwenig; und doch muss jeder fühlen, dass ihn ein Händedruck, Kuss und Umarmung von einer schönen person ganz anders ergreift als der wohlstilisierteste ciceronianische Brief von blossem Geist oder einer, die er nicht kennt.

Ardinghello. Wir schweifen aus; wieder zur Sache!

Warum wissen wir aber nicht, dass der Verstand die Teile ersetzt, die er im Körper nicht festalten kann und die demselben durch die Zeit abgehen?

Demetri. Wir wissen nur durch unsre äussern gröbern Sinne; und dahin dringt keiner.

Ardinghello. Erstaunliche Richtigkeit und ein Gefühl von Mass, das das der Goldwaage zentillionenmal übersteigt, gehört gewiss dazu, ein Bein nicht kürzer und länger gleich im Anfang zu machen als das andre, und so einen Arm wie den andern, und Auge wie Auge; und so die Zähne und die Rippen in höchst genauer Proportion; und dann zu vergrössern und zu erhalten! Und dies sind nur grobe Sachen gegen anders bei Insekten.

Demetri. Er ist auch nicht umsonst so fein! und es gelingt nicht immer; die Alkibiaden und Phrynen sind bei jeder Tierart selten.

Ardinghello. Auf einer andern Seite betrachtet, ist's nun wieder gar nichts Ausserordentliches und Erhabnes; weil er wie ein Affe alles nur nachahmt, wie er's vor sich findet, und gar nichts ändert: so recht im alten Schlendrian der lieben Gewohnheit versunken und verloren. Er gibt sich gar nicht mehr die Mühe, etwas Neues zu erdenken.

Demetri. Woher wisst Ihr das? Und doch schon genug, wenn er sich so wohl befindet! Er kann nicht mehr als die Materie aufs beste verarbeiten, in die er kommt. Die natur geht äusserst langsam und bedächtig in ihren Fortschritten, sie hat unendliche Jahrtausende vor sich und wir nur einen Augenblick Lebensdauer in der Komposition, sie zu beobachten.

Ardinghello. Mich deucht, Ihr hättet schon gesagt, im Anfange wär alles besser gewesen. Vielleicht sind wir doch von der Höhe des Bogens