1786_Moritz_073_29.txt

Welt, stehen sie hier die geweihten Opfer des Todes, in das weisse Sterbegewand gehüllt, und singen sich selbst ihren Grabegesang

hinweg mit dem täuschenden Schleier! Hier ist nicht der Jüngling mit der umgekehrten Fackelhier ist schreckliche, schändliche Verwesungdas Meisterstück der Schöpfung liegt zertrümmert da, und der Wurm nagt an seinen Ueberrestensind denn Augen, wodurch der Geist geblickt hat, weniger wert, als Augen von Glass geschliffen? dass diese modern, wenn jene dauern?

Ist es möglich, dass dieser Körper, den ich an mir trage, der so nahe in mein Ich verwebt ist, einst ein Auswurf der Schöpfung werde? – Nicht nur möglich, sondern gewiss; so gewiss, dass es jetzt schon wirklich istund ich sollte nicht vor mir selber zurückbeben? vor mir selber?

Wer bin ich? Wo bin ich selber? Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen Anfang? Wo hört es auf? Wo verschwimmt es sich in die umgebende Welt? Kann ich nicht alles mit in den Kreis meines Daseins ziehen, und kann ich nicht alles wieder heraus denken? Wo nimmt mein Ich seinen Anfang?

Hartknopf fasste meine Hand, und liess sie schnell wieder fahren, wie die Hand eines toten. – –

Eins muss mir heraus helfen, oder ich bin auf ewig in diesem Labyrinte verloren.

Das höchste Studium des Psychologen sind:

die Verba Auxiliaria.

Hab' ich denn eine Hand? Hab' ich einen Körper, so wie ich ein Kleid, und eine wohnung habe? – Hab' ich eine Denkkraft?

Wo hört denn das Haben auf? wo nimmt das sein seinen Anfang?

Ich habeich bin.

Was hab' ich? was bin ich?

Das ist der Aufschluss:

Ich habe alles, was ich bin; aber ich bin nicht alles, was ich habe. – –

Haben ist der mehrumfassende BegriffHaben bezeichnet: zusammenhängen; sein bezeichnet den stärksten Grad des Zusammenhangesden letzten Knoten, worin sich alles zusammenschlingt.

Das Haben nähert sich dem Sein, je stärker der Zusammenhang wird

Alles was ich mein nenne, oder was ich besitze, nenne ich deswegen mein, weil es in nähern Zusammenhange mit mir, als mit sonst irgend etwas in der Welt steht.

Das Kleid, das ich trage ist mehr mein, schmiegt sich näher an mein Ich, als das Haus, worin ich wohne, und der Körper wieder mehr, als das Kleid, das ich trage, und die Gedanken, womit ich mir meinen Körper vorstelle, wieder mehr als der Körper selbst.

Der Zusammenhang wird immer fester, immer in sich gedrängter. –

Das Haben verliert sich unmerklich ins Sein.

Das Sein ist der Stift in dem Wirbel. Ohne Mittelpunkt ist kein Cirkel, ohne Sein ist kein Haben.

Ich kann nicht so gut mehr sagen: ich habe eine Denkkraft oder ein denkendes Wesen, als ich sagen kann: ich habe einen KörperIch bin ein denkendes Wesen.

Könnte je der innere feste Zusammenhang meiner Gedanken aufgelösst werden, so wie der Bau meines Körpers zerstört wird, dann würde ich aufhören zu sein

Hartknopf fasste meine Hand, und liess sie wieder fallen, wie die Hand eines toten – – und ich schauderte nicht mehr zurück vor der Verwesung, denn ich fühlte mich in mich selbst zurückgedrängt, fest und unerschütterlich, mein Körper war ausser mir; war ein gleichgültiger Gegenstand meiner Betrachtung.

Je enger der Cirkel von aussen her um mich wird, je mehr diese Denkkraft in sich selber zurück, gedrängt wird, desto fester wird der innere Zusammenhang meiner Gedanken in sich selber; desto fester und unerschütterlicher das Gefühl meines Daseins.

Der Kartäusermönch, den Hartknopf die Weissheit des Lebens lehrte, war fast bis aufs Grab umschränkt, so wenig Zusammenhang mit der äussern Welt blieb ihm übrig, und er fand dennoch Fülle des Daseins in sich selber.

Zu guter letzt lehrte mich Hartknopf noch ein Lied an die Weissheit, bei welchem Worte und Melodie so wahr, so passend, so aus der Seele gehoben; der sanfte gang der Töne ein so lebhaftes Bild des ruhig abgemessnen Lebensschrittes; und die Harmonie des Ganzen so Herzeindringend ist; dass einige Verse aus diesem lied gesungen, gleich einem wohltätigen Zauber, manchmal eine plötzliche Veränderung in meinem Gemüt hervorgebracht; und meine empörten Leidenschaften wieder besänftigt haben. Denn an jedes Wort, an jeden Ton in diesem herrlichen lied, war mir irgend eine von Hartknopfs grossen Lehren geknüpft, die nun alle mit einemmale in meiner Seele erwachten, und durch die einfache und doch gedankenvolle Melodie, in ein simples System gebracht, so leicht und ohne Mühe von mir umfasst werden konnten, wie die Wölbung meines Ohrs jeden sanften Ton auffing, den die berührte Saite meines Herzens, wie ein getreues Echo wieder gabDas Lied in die Weissheit, was mich Hartknopf lehrte, und das jetzt auch in einer wohlbekannten Sammlung steht, hiess:

O du, durch die wir auf der Bahn des Lebens

Zum grossen Ziele freudig gehen,

Und einst am Grab, in Aussicht, nicht vergebens,

Den steilen Pfad erstiegen sehen.

Durch die ein beifallgebendes Gewissen

Uns Glück und stillen Frieden beut,

Und Blümchen lockt hervor zu unsern Füssen,

Und auf die Dornenpfade streut;

Geleite mich die Dornenbahn des Lebens

Getrost und mutig fernerhin,

Und lehre mich, dass ich zu Licht vergebens

Durch Licht nicht auserkohren bin!

Mein Leben sei ein steter sanfter Friede

Und Wohlklang, wie das