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Kaufmann und seine Glaubensgenossen sind?

Mackligius: Herr Magister! Ich bitte Sie sehr, fangen Sie ja nicht wieder an, dergleichen zu predigen; Sie können sonst sich und mich unglücklich machen. Weshalb wollen wir denn die Kalvinisten und dergleichen Leute so sehr lieben? Wozu? Im land dürfen sie sich doch nicht weiter ausbreiten, als sie leider bereits getan haben; denn es muss ein Glaube, ein Hirt und eine Herde im land sein, sonst kommt alles in Unordnung.

Sebaldus: Oh, damit schrecken Sie mich nicht! Ich komme eben jetzt aus dem Brandenburgischen, wo Menschen von zwanzigerlei Religionsgesinnungen meist ganz friedlich nebeneinander leben; und wenn sie sich ja zuweilen ein wenig zanken, so bleibt doch alles im staat in sehr guter Ordnung. Lassen Sie uns nur nicht wähnen, alle Wahrheit und gute Gesinnung sei ausschliessend bei unserer Religionspartei; lassen Sie uns vielmehr untersuchen, ob diejenigen, die wir für Irrlehrer halten, nicht mehr Wahrheit mögen erkannt haben und lobenswürdiger leben als wir: und dann finden wir vielleicht, dass wir sie verehren und lieben müssen. Ich wiederhole nochmals, lassen Sie uns untersuchen, und lassen Sie keine Verabredung, kein Lehrgebäude, kein symbolisches Buch uns aufhalten, wenn wir Wahrheit suchen und finden können.

Mackligius: Ach, mein lieber Herr Magister, Sie wollen doch immer soviel spekulieren! Diese Sucht mögen Sie wohl aus dem leidigen brandenburgischen land mitgebracht haben. Da soll's arg zugehen; da soll alles voll Rotten und Sekten sein. Das kommt her von dem unchristlichen Vernünfteln! Da wird immer einer an dem andern irre! Wenn einem ja auch hin und wieder ein Zweifel einfällt, so ist's besser, man unterdrückt ihn gleich. Dies ist viel kürzer und besser, als davon soviel Redens zu machen, darüber dann andere auch irregehen. Nein, lassen Sie mir immer die Lehrformeln und die symbolischen Bücher in Ehren. Sie sind, aufs wenigste gerechnet, ein notwendiges Übel. Da ist ja so vieles in der Bibel, woraus man sich sogleich nicht finden kann, und so würde man während seiner ganzen Lebenszeit untersuchen müssen, was man glauben soll, wenn's nicht schon in der "Augspurgischen Konfession" vorgeschrieben wäre.

Sebaldus: Schön! Aber dies ist ebendasselbe Argument, das die Katoliken für die unfehlbare Autorität der Kirche anführen! Wir selbst können, sagen sie, die Bibel nicht hinlänglich erklären, dies tut die Kirche für uns; darum müssen wir glauben, was die Kirche glaubt. Also hätten wir bei der Reformation nur eine Unfehlbarkeit mit der andern verwechselt, der wir blindlings trauen müssten? Wenn also der Papst die "Augspurgische Konfession" gemacht hätte, so würden Sie, Herr Pastor, ohne Bedenken ein Papist sein!

Mackligius: Behüte mich Gott, was reden Sie? Herr Magister! Herr Magister! Sie wissen ja, dass ich der echten, ungeänderten evangelischen Lehre zugetan bin.

Sebaldus: Ja, dem Buchstaben nach, aber nicht im wahren geist. Eine blinde Unterwürfigkeit unter die Aussprüche der geistlichen Obern ist nicht der wahre Geist des Protestantismus. Was wir glauben sollen, davon müssen wir überzeugt sein. Die blosse Annehmung einer Lehre, weil sie in einem buch verzeichnet ist, es mag dies Buch Bibel, symbolisches Buch oder wie man sonst will heissen, ist keine Überzeugung. Sollen wir überzeugt werden, so müssen wir untersuchen, und erst dann, wann wir einen Satz durch vernünftige Untersuchung für wahr erkennen, kann er moralische Wirkungen veranlassen.

Mackligius: Aber, Herr Magister, wohin würden wir kommen, wenn wir erst von neuem anfangen wollten zu untersuchen? Müsste man da nicht sein ganzes Leben lang studieren? Zumal in unsern jetzigen letzten, betrübten zeiten, da, wie man aus den "Hamburgischen Nachrichten" zuweilen sieht, an der Ober-Elbe so viele neuerungssüchtige Leute sind, die nichts wollen als untersuchen, die uns eine ganz neue Teologie, ja sogar eine ganz neue Bibel machen wollen? Ja wahrhaftig, eine neue Bibel! Da schickt mir der Postmeister neulich mit den Zeitungen einen Zettel, dass ich 234 Mark auf eine Bibel pränumerieren soll, die einer in England (ich glaube, der Mensch heisst Kennikott) will drucken lassen. Ja, dass Gott erbarm'! 234 Mark in diesen schweren zeiten! Und da sollen in dieser Bibel viele tausend Stellen ganz anders sein als in unserer luterischen Bibel! Nun sehen Sie einmal selbst, was das für eine Verwirrung in unserm guten Holstein geben würde, wenn man nicht schon wüsste, was man zu glauben hätte.

Sebaldus: Ich habe von dieser Bibel auch gehört, glaube aber, sie wird ganz und gar keine Verwirrung anrichten, sondern kann vielmehr einen sehr grossen Nutzen haben. Denn wenn die Teologen, wie es nicht unterbleiben wird, über die Menge der Varianten, die der arbeitsame Engländer für seine fünfzigtausend Taler zusammengelesen hat, sich fünfzig Jahre lang werden müde disputiert haben, so wird man endlich wohl einsehen, dass die Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts, die Gott bei seiner Offenbarung zum Zwecke gehabt haben muss, nicht auf Schreibfehlern und Varianten, Mutmassungen und Wortklaubereien beruhen kann. Also auch von dieser Untersuchung über Varianten will ich niemand abschrecken. Ich glaube, die wahre Religion kann und wird die strengsten Untersuchungen von aller Art aushalten; darum mag man in Gottes Namen fortfahren, alle Meinungen der Menschen zu Sichten und den Weizen von der Spreu zu sondern.

Mackligius rief sehr erschrocken: "Nein,