. Leben Sie wohl, mein lieber Herr! – Ich wohne in der ... Strasse."
Hiermit stand er auf, das süsse Lächeln der Selbstzufriedenheit auf seinen Lippen. Die andern standen gleichfalls auf, und jeder ging seinen Weg.
Achter Abschnitt
Nach einer kurzen Pause sagte Sebaldus: "Hätte ich doch nimmermehr gedacht, dass man auf diese Art in Berlin von den symbolischen Büchern reden würde. Ein untrüglicher Wegweiser! Ich dächte, kein vernünftiger Mensch würde blindlings einem Wegweiser folgen, den man vor mehr als zweihundert Jahren gesetzt hat. Er würde bedenken, durch wie viele Vorfälle entweder der Wegweiser seit zweihundert Jahren könne verrückt oder der Weg könne geändert worden sein. Wenn man die offenbare Trüglichkeit überlegt, so muss man sich sehr wundern, dass die Menschen so grosses Verlangen bezeigen, sich nach Lehrformeln, Synodalschlüssen und symbolischen Büchern zu richten."
"Die Menschen ein Verlangen?" rief Herr F. aus. "Dies glaube ich ebensowenig, als dass die Menschen ein Verlangen haben, sich an der Nase herumführen zu lassen. Aber diejenigen, welche die Menschen unvermerkt beherrschen wollen, drehen ihnen gern wächserne Nasen an, weil dadurch ihr Endzweck am besten erreicht wird. Glauben Sie denn, dass der Mann, der jetzt soviel von symbolischen Büchern redete, ihnen ebenso strenge anhängt, als er verlangt, dass ihnen andere anhangen sollen?"
"Dies muss ich dahingestellt sein lassen, weil ich den Mann nicht genug kenne."
"Ich lasse es auch dahingestellt sein. Ich kenne aber nicht wenig Geistliche von hohem Sinne, die vielleicht auch Heterodoxe würden, wenn dadurch Ruhm oder ansehnliche Ämter zu erlangen ständen. Wenn sie aber sehen, dass andere schon durch Heterodoxien grossen Ruhm erworben haben, wenn sie dagegen bei sich nicht Geschicklichkeit und Mut genug spüren, noch wichtigere Neuerungen zu wagen, so ekelt ihnen davor, Heterodoxe vom zweiten oder dritten Range zu sein. Sie ergreifen daher die viel bequemere und sicherere Partei, stellen sich an die Spitze der Ortodoxen ihrer Stadt oder ihrer Provinz und brauchen die Lebhaftigkeit des Geistes, wodurch sie Ketzereien hätten anstiften können, um sich Ketzereien zu widersetzen. Sich auf die ältern Teologen und auf die symbolischen Bücher als auf unwidersprechliche Grundgesetze zu berufen ist schon eine so abgenutzte politische Maxime dieser Leute, dass die Klügern unter ihnen bereits auf ganz andere Mittel denken, um den Ruhm, der durch neue Heterodoxien nicht zu erhalten stand, durch eine neue Ortodoxie von ihrer eignen Schöpfung zu erlangen. Denn wenn diese Herren sich für noch so altortodox ausgeben, so ist doch gemeiniglich die Art, wie sie ortodox sein wollen, sehr neu."
"Dies kann wohl nicht anders sein", erwiderte Sebaldus, "denn je mehr ich den gang bedenke, welchen der menschliche Verstand in seiner Entwicklung von jeher genommen hat, desto unmöglicher scheint es mir, dass alles so bleiben sollte, wie es vor zweihundert Jahren gewesen ist, und für desto ungereimter muss es halten, dass man durch Vorschriften von irgendeiner Art die Veränderungen der Meinungen und ihren Fortgang hindern will. Die symbolischen Bücher waren sehr gut für die Beschaffenheit der Zeit und der Umstände, da sie gemacht wurden. Regierungsart, Wissenschaften und Sitten haben sich seitdem merklich geändert. Wenn nun die symbolischen Bücher unveränderliche gesetz sein sollten, so würden wir endlich eine Teologie bekommen, die sich für die Zeit, worin wir leben, auf keine Weise schickte."
"Sie haben ganz recht. Wenn unsere Teologen die symbolischen Bücher des sechzehnten Jahrhunderts zur beständigen Norm des Glaubens annehmen, so handeln sie gerade, als wenn unsere Schneider die steifen Kragen, kurzen Mäntel und weiten, mit Pelz bebrämten Röcke ebendieses Jahrhunderts zur beständigen Norm der Kleidertracht festsetzen wollten. Die Erfahrung lehret uns, dass die Meinungen sich nicht minder verändern als die Kleidertrachten. Es geht daher auch den symbolischen Büchern ebenso wie der Kleidung der Geistlichen. Als jene geschrieben wurden, entielten sie bloss die allgemein angenommenen Meinungen der damaligen Glieder der luterischen Kirche, so wie die damalige Kleidung der Geistlichen dem Schnitte nach die Kleidung aller gelehrten Leute und der schwarzen Farbe nach die Farbe war, worin jeder angesehene Mann feierlich erschien. Da aber die Kleidermoden sich änderten, blieben die Geistlichen immer vierzig oder fünfzig Jahre darin zurück, so wie noch oft in der Literatur und Philosophie. Endlich änderte sich die Welt so sehr, dass der Schnitt des Glaubens und der Kleidung, der zu Luters zeiten allen guten Leuten gemein war, das Symbolum eines besonderen Standes blieb. Und dennoch befürchte ich, es geht noch in anderer Rücksicht der Konformität mit den symbolischen Büchern wie den Ärmeln und den Mänteln der Geistlichen. Obgleich jene immer Ortodoxie heisst und diese immer schwarz bleiben, so haben sie doch beide, sonderlich seit fünfzig Jahren, viele kleine, aber wesentliche Abweichungen erlitten. Glauben Sie mir, ein guter alter ortodoxer Dorfpastor, der seit Buddeus' zeiten weder in der Gelehrsamkeit noch in den Rockschössen und Perücken an Veränderungen gedacht hat, möchte wohl bei aller Konformität von einem jungen ortodoxen Diakon itziger Zeit, der vier Jahre lang in den adeligen Häusern Hofmeister gewesen ist, ebenso stark in der Kleidertracht als in der Glaubenslehre verschieden sein."
Sebaldus sagte lächelnd: "Es dünkt mich doch fast, die geistliche Dogmatik habe seit meiner Jugend mehrere Veränderungen erlitten als die Kleidertracht der Geistlichen. Ich dächte, sie gingen noch ebenso wie vor vierzig Jahren in schwarzen Röcken und in Kragen und Mänteln."
"Ebenso? Ich dächte nicht