mir einen bösen Rat.- Ich stutzte einen Augenblick beim ersten Schritte; aber der Anblick meiner schmachtenden Kinder brachte mich aufs neue in Wut. – Und wenn er sich wehrt und deiner mächtig wird? dachte ich. – Ei nun, so mag man mich gefangennehmen; aber dann wird man doch meine Frau und Kinder im Spitale versorgen müssen. Ich stürzte wie ein Unsinniger auf Sie zu. Aber Sie wehrten sich nicht, Sie gaben mir ruhig, und mehr, als ich für die jetzige Not brauchte. War's nicht abscheulich, den Mann zu berauben, der mir gutwillig würde gegeben haben? Ich bin in Ihren Händen, machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber retten Sie meine unglückliche Frau und Kinder!'
Ich war äusserst gerührt. Ich liess den unglücklichen Leuten, was im Beutel war, und eilte fort, um mich ihrem Danke zu entziehen.
Mein Gott, dachte ich, dieser arme Mann leidet auch, weil die Vorfahren ein Symbolum für die Weber erdacht und alle Zeuge, die man weben soll, auf Tuch, Rasch und Leinwand eingeschränkt haben! Und dieser übelverstandnen Formalie wegen sollen seine vier armen Kinder Hungers sterben? Er ist in Verzweiflung geraten. natürlich! Das zahmste Tier wird wütend, wenn es seine Jungen darben sieht! – Und ich, der ich auch Vater bin, soll ich mich in Gefahr setzen, die Meinigen darben zu sehen? Oder soll ich ... ja, ich will unterschreiben, was man fordert. Die Erhaltung meiner selbst und der Meinigen ist die erste Pflicht, der alle andern weichen müssen, die damit in Kollision kommen. Kann ich den Lauf der Welt ändern? Die Könige und die Priester haben den Erdkreis unter sich geteilt, so dass nichts mehr übrig ist. Auf dem Flecke, auf dem ich atme, regiert jemand; wohin ich mich wenden könnte, wird ein anderer regieren. Sowenig ich für mich unabhängig bestehen, ohne Regenten sein oder mir Regenten und Regierungsform nach meinem Gefallen einrichten kann, ebensowenig kann ich für mich allein, mit meiner besonderen Religion leben. Jede Religionspartei, die Gewalt hatte, zog einen Zaun um sich; habe ich nicht ihr Schibbolet, so heisst es noch Menschenliebe, wenn sie mich bloss ausstösst. Ich kann ihretwegen in die ganze weite Welt laufen; aber wohin ich trete, bin ich im Zaune einer andern, die mich wieder ausstösst. Wohl denn! Ich will bleiben, wo ich bin, und dulden, was ich nicht ändern kann.
Mit diesen Gedanken kehrte ich zurück, unterschrieb, ohne die Augen aufzutun, und trat mein Amt an. Meine Pfarrkinder, die mich predigen und beichte sitzen und Kranke trösten sahen so wie meine Vorfahren, wurden bald mit mir versöhnt und wunderten sich selbst, wie sie mich für einen so garstigen Ketzer hätten halten können. Aber nicht so meine Gegner, welche, ob sie gleich vorderhand stillschwiegen, nur auf eine gelegenheit lauerten, mir den empfindlichsten Stoss zu versetzen. Ich gab sie ihnen selbst an die Hand, durch einige Abhandlungen ohne meinen Namen, die ich in ein Wochenblatt einrücken liess. Mein Superintendent entdeckte bald, dass weder die Rechtfertigung noch die Wiedergeburt, noch die Erbsünde, noch der tätige Gehorsam, noch die Homousie an der Stelle standen, wohin er sie gesetzt wissen wollte. Ich wurde vor eine meinetwegen niedergesetzte Kommission zitiert. Man begegnete mir im voraus als einem teuflischen Ketzer, man verlangte Erklärung mit Ja oder Nein, ob ich den symbolischen Büchern, quia, beifiele oder nicht. Ich verteidigte mich und brachte die Kommissarien noch mehr in Harnisch, denn sie hatten einen blossen Widerruf und Abbitte von mir erwartet. Kurz, meine Absetzung war vorher schon unwiderruflich beschlossen, und ich hätte vielleicht mein Leben als ein Übeltäter in einem Kerker endigen oder mein Brot erbetteln müssen, wenn nicht mein edelmütiger Freund, der junge Offizier, sich abermals meiner angenommen und mir eine Hofmeisterstelle bei einem jungen Reichsgrafen verschafft hätte. Ich bin mit meinem Grafen durch ganz Europa gereiset. Ich habe gesehen, dass allentalben, sogar in dem aufgeklärten Grossbritannien, Aberglauben und Priestergewalt sich der Erleuchtung des menschlichen Geschlechts mit unüberwindlicher Macht entgegensetzen, dass allentalben Dummköpfe, die eingeführten Lehren und Gebräuchen folgen, laut sprechen und herrschen und dass weise Leute, welche Missbräuche einsehen und ihnen abhelfen könnten, nicht laut sprechen wollen oder dürfen. Nachdem mein Graf volljährig geworden, bin ich nun ganz unabhängig und danke Gott, mich in einer Lage zu finden, in der ich meine Gedanken nicht ferner verhehlen noch meine Ausdrücke auf Schrauben setzen darf."
"Jawohl", sagte Sebaldus, "das ist die grosse Glückseligkeit, die man in Berlin geniesset. Hier ist das wahre Land der Freiheit, wo jedermann seine Gedanken sagen darf, wo man niemand verketzert, wo christliche Liebe und Erleuchtung in gleichem Masse herrschen."
"Ei! Sie haben ja von Berlin eine sehr gute Meinung", sagte Herr F. lächelnd. "Freilich, wer so wie Sie und ich kein Amt sucht und nicht von der Meinung des Publikums abhangen darf, kann in Berlin denken und sagen, was er will; mit demjenigen aber, dem es nicht so ganz gleichgültig ist, wie man seine Religionsmeinungen beurteilt, ist es eine ganz andere Sache. Die Regierung begünstigt die Freiheit zu denken, besonders in Religionssachen; wir haben auch einige sehr würdige Geistliche, welche nicht Untersuchungen wichtiger Wahrheiten zu Ketzerei machen; aber das