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die Mildtätigkeit von Menschenfreunden unterhalten wurden. Er hatte bei einer sauern Arbeit ungefähr das notwendigste Auskommen. Seine Frau und einzige Tochter halfen arbeiten, um sich zu erhalten. Er stellte ihnen bei seiner Zuhausekunft den Sebaldus vor, der mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen ward. Sie erquickten ihn mit einer frugalen Abendmahlzeit, und hernach ward ihm, in einer Art von Abschlage auf dem Boden, ein Lager von frischem Strohe angewiesen, zu dessen Verbesserung sowohl der Alte als das gute Mädchen jeder ein Stück Bette hergab.

Fünfter Abschnitt

Sebaldus wachte erst gegen acht Uhr auf, sehr gestärkt durch die Ruhe, und fand schon seinen Wohltäter bei seinen Schülern, dessen Frau beim Seidewikkeln und die Tochter bei einem Nährahmen beschäftigt. Er fing sogleich ungebeten an, seinem Wohltäter in seiner Schularbeit zu helfen. Nach dem Mittagsessen dankte er ihm von ganzem Herzen für seine gastfreie Aufnahme und fügte die Bitte hinzu, dass er ihm Anleitung geben möchte, selbst sein Brot zu verdienen.

"Was meinen Sie zu verstehen", antwortete der Schulmeister, "das hier in Berlin brauchbar wäre und das Sie lehren oder ausüben könnten?" "Ich habe gedacht", sagte Sebaldus, "da doch in dieser grossen Residenz die wichtigsten Landes- und Regierungsangelegenheiten, Kriegsanschläge, Handlungs- und Nahrungsgeschäfte und so weiter vorkommen müssen und da keine von diesen Sachen ohne Philosophie geführt werden kann, so würde ich am besten mein Auskommen finden, wenn ich Unterricht in der Philosophie gäbe. Wenn ich auch nicht an die Grossen käme, so muss doch ein jeder Bürger vernünftig zu leben suchen, und dies kann ich nach den neuesten und gründlichsten grundsätzen des Herrn Doktor Crusius lehren. Ich kann aus der Telematologie aufs unwiderleglichste die Etik, die natürliche Moralteologie, das Recht der natur und die allgemeine Klugheitslehre herleiten. Denen, die nicht so tief eindringen wollen, kann ich einen halbjährigen Kursus über Wüstemanns Einleitung in die Philosophie des Herrn Doktor Crusius halten."

"Wer ist der Crusius, und wer ist der Wüstemann?"

"Wie! Herr Doktor Crusius ist ein weltberühmter Mann, den alle Gelehrte aus einem mund preisen, der die Telematologie erfunden hat, der sich dem Wolffischen Fatalismus entgegengesetzt hat; dessen Schriften müssen ja wohl alle Gelehrte in Berlin sich zum täglichen Studium machen."

"Vielleicht! Ich bin kein Gelehrter, doch bin ich in vielen Häusern in Berlin bekannt, ich war drei Jahre Schreiber bei einem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften, zwei Jahre Bedienter bei einem Minister und andertalb Jahre Küster bei einem sehr gelehrten Prediger, der mir alle seine Manuskripte vorlas, und doch habe ich den Namen Crusius in meinem Leben nicht nennen hören. Und wie hiess der andere?"

"Magister Wüstemann. Dieser hat die freilich etwas weitläuftigen Schriften des Herrn Doktors in einen kurzen Begriff gebracht. Ich dächte, er müsste auswärts ebenso berühmt sein als Wichmann, Reinhard, Schmid, Pezold, die des Herrn Doktors lateinische Schriften, den Ungelehrten zum Besten, ins Deutsche übersetzten. Zudem wird, wie ich höre, in Leipzig und in Wittenberg über seine Einleitung gelesen."

"Ich habe schon mehrmal bemerkt, dass Leute, die auf Universitäten für sehr berühmt gehalten werden, in Berlin keinem Menschen bekannt sind. Ich glaube überhaupt nicht, dass Sie in Berlin durch Philosophie Ihr Glück machen können. Da hilft Gunst und Protektion, tiefes Beugen und langes Warten oft mehr als das beste System. Was haben Sie sonst studiert? Womit haben Sie sich ausser der Philosophie am meisten beschäftigt?"

"Ich habe meine Nebenstunden hauptsächlich zur Verfertigung eines Kommentars über die Apokalypse angewendet. Ich habe ihn bei einem Freunde niedergelegt. Mir fällt eben ein, ich könnte ihn kommen lassen; denn, unter uns gesagt, ich beweise darin, dass der König von Preussen in kurzem ansehnliche Provinzen erhalten wird nebst vielen andern wichtigen und nützlichen Dingen." "Mein lieber Freund, die Apokalypse ist in Berlin noch weniger in gutem Geruche als die Philosophie. Wollten Sie weissagen, so mussten Sie vor drei oder vier Jahren kommen, als wir noch Krieg hatten, denn da galten noch die Weissagungen etwas. Und doch ist die Frage, ob nicht Pfannenstiel der Leinweber weit über Sie gewesen sein würde, welcher nicht allein die Schlacht bei Zorndorf auf den Tag vorhersagte, da sie wirklich geschah, sondern auch, was noch mehr war, den Gesang, der den darauf folgenden Sonntag in der Kirche gesungen werden sollte. Nein, mit Weissagungen kommen wir nun in Berlin nicht mehr fort. Verstehen Sie nichts anders? Können Sie Französisch, können Sie rechnen, können Sie tanzen, können Sie den Hunden den Tollwurm schneiden? Dies sind Künste, die ihren Mann ernähren."

"Von alledem verstehe ich nichts", sagte Sebaldus ganz kleinmütig. "Ich verstehe zwar noch etwas, aber das wird mich auch zu nichts führen, da man in Berlin sogar mit der Philosophie nicht fortkommt. Ich kann ein wenig auf dem Klaviere spielen, aber was kann mir das nützen?"

"Halt, mein Freund, damit kommen wir weiter als mit allem andern. Diese Geschicklichkeit wird Ihnen nicht reichliches, aber doch notdürftiges Brot geben. Sie werden auch Noten schreiben können. Mit diesen beiden Künsten habe ich mich selbst über zwei Jahre erhalten."

Sebaldus ward also zu einem Musiker von der untern Klasse umgeschaffen. Er unterwies gemeiner Leute Kinder auf dem Klaviere, und für vornehmere schrieb er Noten. Er ward hierdurch zu seinem grossen Vergnügen in