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es freilich, dass dieser sonst gutmütige Mann und der beim Antritte seines Amtes auf die symbolischen Bücher geschworen hatte, im Herzen nichts weniger als ortodox war. Über das Atanasianische Glaubensbekenntnis hat er sich zwar niemals erklärt; nur weil er anstatt des Liedes: "Wir glauben all an einen Gott etc.", welches sonst alle Sonntage in seiner Kirche war gesungen worden, oft ein geistliches Lied von Gellert singen liess, war er bei einigen vielleicht allzu brünstig ortodoxen Landpredigern in der Nähe nicht in allzu gutem Geruche. Über die Lehre von der Genugtuung aber äusserte er bei gelegenheit viele Zweifel. Er verschwendete (ohne Exegese, wovon er wenig hielt) viel philosophische Spitzfindigkeit, um dieser Lehre eine bessere Form zu geben, denn er war ein eifriger Anhänger der Crusiusschen Philosophie, welche unter allen anderen Philosophien am geschicktesten scheint, die Teologie philosophischer und die Philosophie teologischer zu machen. Am meisten aber ging er in der Lehre vom Tausendjährigen Reiche und von der Ewigkeit der Höllenstrafen von der Dogmatik ab. Er glaubte das erstere steif und fest, von der letzteren hingegen hatte er sich nie überzeugen können. Er glaubte, im himmlischen Jerusalem würden alle Gottlosen fromm werden. Diese tröstliche Hoffnung hatte er aus einem fleissigen Studium der prophetischen Bücher der Schrift, besonders der Apokalypse geschöpft, welches Studium er schon seit langen Jahren mit unablässigem Eifer getrieben hatte. Er war auf eine sehr sonderbare Weise dazu gebracht worden, diese Bücher vorzüglich zu studieren. Schon in seinen jüngern Jahren war er durch sorgfältiges Nachdenken auf den Gedanken gekommen: der Willen Gottes, der unsere itzige und zukünftige Glückseligkeit bestimmt, wenn auch Gott für gut befunden habe, ihn besonders zu offenbaren, müsse dennoch auch notwendig durch Vernunft eingesehen werden können und mit der Vernunft übereinstimmen. Die einzige Offenbarung, die uns etwas ganz Unbekanntes entdecken könne, worauf die blosse Vernunft nie gefallen sein würde, glaubte er, sei die prophetische Offenbarung von zukünftigen Dingen. Nachdem er also bei sich über den Wert aller dogmatischen und moralischen Wahrheiten einig war, indem er keine dogmatische Wahrheiten für nötig und nützlich hielt, als die auf das Verhalten der Menschen einen Einfluss haben, und sich mehr angelegen sein liess, alle moralischen gesetz Gottes auszuüben, als sie zu zergliedern oder zu umschreiben, so hatte er sich ganz dem Studium der prophetischen Schriften gewidmet. Jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und Sebaldus hatte die Apokalypse dazu erwählt, welches er auch, seine ganze Lebenszeit durch, vom Montage bis zum Freitage fleissig ritt. Nur der Sonnabend, wenn er sich zu seiner Predigt vorbereitete, und der Sonntag, wenn er sie hielt, war moralischen Betrachtungen gewidmet. Denn sosehr er auch die Prophezeiungen der Untersuchung eines scharfsinnigen Kopfes würdig hielt, sowenig, glaubte er, würden seine Bauern davon verstehen oder nützen können, und es war sein unwiderruflicher Willen, seinen Bauern nichts zu predigen, als was ihnen sowohl verständlich als nützlich wäre.

Er hatte daher mit einer Menge seiner wohlehrwürdigen Amtsbrüder eine gewisse Ähnlichkeit, ob er ihnen gleich sonst sehr unähnlich war. Viele Landpfarrer predigen sonntags mit lauter stimme das Gesetz und wissen die Ungläubigen und Ketzer mit starken Ausrufungen und gelehrten Zitationen aus dem Grundtexte gar fein zusammenzutreiben. Ebendiese Männer aber sieht man die ganze Woche über als dickstämmige Pachter, wilde Pferdebändiger, drollichte Trinkgesellschafter oder vorsichtige Wucherer und möchte sie kaum für ebendieselben halten. Ebenso konnte jedermann alle Sonntage hören, dass der Vortrag des Pastors Sebaldus einfältig, herzrührend und allen Bauern verständlich war. Wer hätte sich da vorstellen sollen, dies sei der grundgelehrte Mann, der alle Kommentarien über die prophetischen Bücher durchstudiert hatte, der alle alte und neue Prophezeiungen nebst ihren Erfüllungen und Nichterfüllungen auf ein Haar wusste, der Vorbilder und Gegenbilder wie Schachtel und Deckel zusammenpassen konnte, dem keine Meinung der Mystiker und Gnostiker entgangen war, der Buchstabenziffern und Jahrwochen, prophetische Zeitzirkel und abgekürzte Abendmorgen, bildliche geschichte und weissagende Träume nebst der ganzen Kabbala und dem buch Raja Mehemna gänzlich innehatte? Wer hätte sich da vorstellen sollen, dieser ganz einfache Landprediger sei der Mann, der aus seinem Reichtume von gelehrtem Stoffe mit Hilfe der Crusiusschen Philosophie, die, feiner als die feinste Nadel zugespitzt, die einfachsten Begriffe zerteilen und sogar die beiden Seiten einer Monade voneinander spalten kann, eines der scharfsinnigsten Gewebe von Prophezeiungen aus der Apokalypse gezogen hatte, welchem Crusius' unumstössliche Hypomnemata der prophetischen Teologie, Bengels unwidersprechliche Auslegung der apokalyptischen Weissagungen, Don Isaak Abarbanels Majeneh Jeschuah und Michaelis' unwiderlegliche Erklärung der siebenzig Wochen weder an Richtigkeit und Wahrheit noch an Neuheit, Scharfsinn und sinnreicher Aufklärung der dunkelsten Bilder zu vergleichen waren?

So wie die meisten grossen begebenheiten aus sehr geringen Ursachen zu entspringen pflegen, so ging es auch derjenigen Hypotese über die Apokalypse, auf die sich Sebaldus am meisten zugute tat. Wilhelmine war, als sie vom hof kam, sehr französisch gesinnet: sie sprach und las gern französisch, sie liess sich sogar merken, dass sie nichts eifriger wünschte, als einmal in ihrem Leben Paris zu sehen, und warf es ihrem mann mehr als einmal vor, dass er gar nichts von französischer Artigkeit an sich hätte. Nun fügte es sich unglücklicherweise, dass der ehrliche Sebaldus schon vorher an allem, was französisch war, ein überaus grosses Missfallen hegte. Es war ihm von Jugend auf in der Schule ein herzlicher deutscher Hass gegen Frankreich eingeprägt und oft wiederholt worden, dass die Franzosen und die leidigen Türken Erb- und Erzfeinde Deutschlands wären, dass sie Kaiser und Reich beständig bekrieget und ganze Provinzen vom deutschen