ich mir nicht ausreden, auf dasjenige, was dem Ganzen vorteilhaft ist, nicht was ihnen insbesondere gefällt.
Sie fingen also an, den Messkatalog durchzusehen, und fanden 350 Übersetzungen14 aus verschiedenen Sprachen, 65 neue Stücke von Journalen, 40 Kompendien und Lesebücher, 74 Dissertationen und Programmen, 53 Bände Predigten, 67 teologische Bücher von allerhand Art, aber nur 9 juristische, weil die Anweisungen zum Reichsprozesse und zum Kriminalprozesse schon oben unter den Kompendien gerechnet werden, 23 medizinische Bücher, 16 Wochenblätter, 5 Geschichtbücher, 37 diplomatische Bände, 27 Romanen, meistens in Erfurt, Dresden und Regensburg gedruckt, 31 Gedichte, 3 matematische Bücher, 10 ökonomische Werke, 1 physikalisches und 15 aus der Naturhistorie. Hingegen fanden sie nur zwei ein paar Monate vor der Messe erschienene Bücher, worin die Wissenschaften in ihrer Verbindung und im Verhältnisse auf die Menschheit betrachtet wurden; und von diesen hatten schon verschiedene gelehrte Zeitungen voll Verachtung versichert, dass ihre Verfasser seichte Köpfe wären, ohne gründliche Einsichten in die Wissenschaften, welche bloss durch eine gute Schreibart bei dem gelehrten Pöbel Beifall erschlichen hätten; denn eine gute Schreibart ist solchen gelehrten Herren nur ein sehr geringes Verdienst.
Hieronymus ging in ein Nebenzimmer, um diese Zeitungsstücke zu suchen; weil er aber dabei etwas verweilte, hatte Sebaldus eiligst dreizehn Titel von neuen Büchern über die Apokalypse, die er sich beim Durchsehen des Katalogs heimlich mit dem Nagel gezeichnet hatte, auf einem Zettel ausgezogen, womit er dem Hieronymus entgegenkam und ihn sehr angelegentlich bat, ihm diese Bücher zu leihen. Der gefällige Hieronymus fing gleich an zu suchen, und kaum hatte er sie herbeigeholt, als Sebaldus, des bisherigen Gesprächs ganz uneingedenk, sie unter den Arm nahm und damit nach haus eilte, um eins nach dem anderen durchzulesen.
Den dritten Tag brachte er diese Bücher seinem Freunde zurück und nahm sich unterweges vor, zwar dafür zu danken, aber ihm doch den Kopf zurechtzusetzen wegen seiner irrigen Meinung, dass die deutschen Gelehrten nur für ihre Lieblingsspekulationen und sonst für nichts Sinn hätten; allein er fand zu seinem Missvergnügen, dass der gute Hieronymus bereits abgereiset war, und musste also sowohl seinen Dank als seine Ermahnung bei sich behalten.
Dritter Abschnitt
Inzwischen konnte Sebaldus die gespräche mit seinen beiden Freunden gar nicht vergessen. Er sollte zufolge derselben beinahe die ganze Vorstellung ändern, die er sich vom Zwecke des gelehrten Lebens und vom Zustande der deutschen Schriftstellerei gemacht hatte, sollte glauben, der grösste teil der Schriftsteller von Profession wäre nicht, gleich ihm selbst, bloss um die Ausbreitung der Wahrheit besorgt. Dies war ihm so unerträglich, dass es ihm beständig im Sinn lag, daher er mit jedem davon redete, der ihm vorkam. Besonders geriet er an einen seiner Nebenkorrektoren, der es als eine Versorgung ansah, bis zu dem Posten eines Übersetzers fortzuschreiten, und auch so glücklich gewesen war, wir wissen nicht, ob von einer Paraphrase übers Neue Testament in einigen Foliobänden oder von einer antideistischen Bibel in einigen Quartbänden, die einem Übersetzungsunternehmer in Bausch und Bogen waren verdungen worden, durch die vierte Hand ein halbes Alphabet zum Übersetzen zu erhalten. Durch das Vergnügen, seine Handschrift gedruckt zu sehen, fand er sich um einen Zoll grösser als ein gemeiner Korrektor und konnte nicht umhin, diese Grösse seinen Nebenkorrektor Sebaldus fühlen zu lassen. Es befremdete ihn nicht wenig, dass dieser von dem Geschäfte eines Übersetzers mit der äussersten Verachtung sprach; daher entstand zwischen ihnen ein ziemlich lebhafter Wortwechsel, welcher endlich heftig ward, da sie, ich weiss nicht wie, auch auf die Apokalypse gerieten, wovon der Korrektor die rechtgläubigen bengelisch-crusianischen Begriffe hatte. Er erstaunte schon gar sehr darüber, dass Sebaldus die Apokalypse für eine Wiederholung der geschichte Frankreichs ausgab, anstatt sie für eine Weissagung auf die christliche Kirche zu erklären; aber er geriet in Wut, da er vernahm, dass Sebaldus aus der Einrichtung des himmlischen Jerusalems die Endlichkeit der Höllenstrafen behaupten wollte. Voll Abscheu über solche Ketzerei lief er sogleich zu verschiedenen Buchdruckern, die ihm und Sebaldus die meisten Bogen zu korrigieren gaben. Er klagte ihnen nicht etwa Sebaldus' unrichtige Erklärungen der Apokalypse, welches vielleicht nicht viel Eindruck gemacht haben würde, sondern dass Sebaldus gegen jedermann die Übersetzungsmanufakturen als einen der Gelehrsamkeit nachteiligen Missbrauch verdammte und dass er bei dieser gelegenheit von den Buchdruckern und Verlegern, die mit Übersetzungen ein nützliches Gewerbe treiben, nicht mit der gebührenden Ehrfurcht gesprochen habe. Als nun Sebaldus wieder bei seinen gebietenden Herren erschien, fand er die Mienen kalt, die Stirnen gerunzelt, und darauf folgten dann Klagen über die schlechten zeiten, weshalb jetzt weniger gedruckt würde, daher man ihm weniger Korrekturen geben könne. In kurzem bekam er in der Tat gar keine mehr; und weil sein rachsüchtiger Kollege ihn als einen Menschen, der die Endlichkeit der Höllenstrafen glaubte, an solchen Örtern abgemalt hatte, wo dieser Vorwurf mehr Eindruck machte als bei Buchdruckern, so empfand er bald, dass jedermann sich vor ihm scheute. Er ward endlich genötigt, die Dachstube, wo er so vergnügt gewesen war, mit einem Keller in der Vorstadt zu vertauschen, worin ihn ein armer Mann aufnahm, den er zur Zeit seines Wohlstandes als Marktelfer bei einem Buchhändler angebracht hatte. Dieser Mann und sein gewesener Nachbar, der Magister, waren nun seine einzigen Freunde, deren Guttaten gerade hinreichten, ihm das Leben zu erhalten.
Eines Tages, den er ungegessen zugebracht hatte, war er gegen Abend zu seinem Freunde, dem Magister, gegangen, der sehr gern sein dürftiges