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, da er die Heirat des Sebaldus im Jahre 1762 und also, wie aus echten brieflichen Urkunden zu erweisen steht, mehr als zwanzig Jahre zu spät annimmt. Er ist hierin ebenso unachtsam wie sein Mitbruder, der nachlässige Virgil, in dessen "Äneide" die verpfuschte Chronologie von den gelehrtesten Kommentatoren mit vieler Mühe kaum hat in Ordnung gebracht werden können. In der gegenwärtigen wahrhaften Lebensbeschreibung hat man die Zeitrechnung so genau beobachtet, dass man nicht allein das Jahr, sondern auch den monat und den Tag angeben kann, wann eine jede Begebenheit vorgegangen ist; und an vollständigen diplomatischen Beweisen wird diese geschichte keiner anderen nachzusetzen sein. Wir besitzen die Vokation des Sebaldus und seine Absetzungsakte, die Predigten des Doktor Stauzius, Säuglings sämtliche hieher gehörige Gedichte, ferner Wilhelminens, Sebaldus', Säuglings, Marianens, der Gräfin von ***, Rambolds und anderer Personen Briefwechsel mit ihren Siegeln und Unterschriften, ja selbst einige sonderbare tironianische Zeichen des Bauers, der den Sebaldus beherbergte, mit welchen unverwerflichen ungedruckten Urkunden wir jedes Wort, das wir gesagt, aufs glaubwürdigste belegen können.

Sie würden im Drucke nur etwa sieben bis acht Quartbände betragen. Demungeachtet können sie mit dieser geschichte bloss aus einer Ursache nicht bekannt gemacht werden, wegen deren schon so manche treffliche Urkundensammlung ungedruckt geblieben ist: nämlich wegen des wenigen Geschmacks unsers Jahrhunderts an gründlichen Studien. Es wäre zwar der Vorschlag zu tun, dass irgendeine Gesellschaft der Wissenschaften einen kritischen Auszug daraus in einigen Bänden in Grossoktav herausgäbe. Allein auch dazu ist wenig Hoffnung vorhanden, und so bleibt daher nichts übrig, als dass die wenigen Gelehrten, welche die diplomatischen Beweise zu untersuchen pflegen, dem Verfasser ebensogut auf sein Wort glauben müssen als die vielen leichtsinnigen Leser, welche die Urkunden doch nicht ansehen, wenn sie gleich den Geschichtsbüchern des breitern beigefügt sind.

Da wir übrigens eine wahre geschichte abhandeln, so muss man in derselben weder den hohen Flug der Einbildungskraft suchen, den ein Gedicht haben müsste, noch einen so exzentrischen Plan, wie ihn neuere Kunstrichter, von Teorie und Einsicht erfüllt, den Romanen vorschreiben. Alle begebenheiten sind in unserer Erzählung so unvorbereitet, so unwunderbar, als sie in der weiten Welt zu geschehen pflegen. Die Personen, welche auftreten, sind weder an stand erhaben noch durch Gesinnungen ausgezeichnet, noch durch ausserordentliche Glücksfälle von gewöhnlichen Menschen unterschieden. Sie sind ganz gemeine schlechte und gerechte Leute, sie strotzen nicht wie die Romanenhelden von hoher Imagination und schöner wortreicher Tugend, und die ihnen zustossenden Begegnisse sind so, wie sie in dem ordentlichen Laufe der Welt täglich vorgehen. Sollte hierdurch unsere geschichte etwas langweilig werden, so trösten wir uns damit, dass mehrere gründliche Werke deutscher Gelehrten das nämliche Schicksal hatten, als sie die unwidersprechlichsten Tatsachen in der besten Ordnung erzählten. Hingegen könnte der Leser vielleicht durch die in dieser geschichte bekanntgemachten Meinungen in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder Mensch seine eigenen Meinungen für sich hat, so wäre es möglich, dass unter den hier vorgetragenen Meinungen etwas Neues und wenigstens insofern Interessantes vorhanden wäre. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters Sebaldus, aber man könnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht gänzlich darauf zu rechnen sein dürfte, dass alle Meinungen, die er erzählt, auch die seinigen wären.

Man beliebe sich auch nicht zu wundern, wenn es sich etwa ergeben sollte, dass, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen als geschichte und Handlungen vorkämen. Der ehrliche Sebaldus kannte nicht die grosse Welt oder das Highlife der Engländer. Spekulation war die Welt, worin er lebte, und jede Meinung war ihm so wichtig als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist dieses Werk auch gar nicht für die grosse Welt, sonderndeutsch heraus zu redennur für Gelehrte geschrieben. Wir hoffen nicht von der halb unangekleideten Schönen am Nachttische gelesen zu werden, die, indem sie ihrer eigenen Grazie opfert, auf tant mieux pour elle einen schrägen blick wirft; nicht von dem pirouettierenden Petit-maître beim Aufstehen oder Frisieren, auch nicht, wenn er en chenille mit ungepuderten Haaren von Toilette zu Toilette schwärmt; nicht von dem Hofmanne, der den Wink des Fürsten und des Ministers zu studieren versteht und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von der Buhlschwester; nicht von ...

Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebäude der Wissenschaften aus einem Kapitel seines Kompendiums übersieht, ein feister Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worin eine Ketzerei verborgen sein könnte, ein weiser Schulmann, der über Handel, Manufakturen und Luxus Programme geschrieben hat, ein Student mit der Kennermiene, der in seiner Dachstube die Kunst aus dem grund studiert, ein belesener Dorfpastor, der über die Regierungskunst gelehrte Ratschläge geben kannso mögen sie hinzutreten und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem geist aufgetischt wird. Dies ist wenigstens die Gattung Leser, die wir uns gewiss versprechen; ob wir auch Leser anderer Art erhalten werden, ist ebenso ungewiss als das Schicksal überhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich ist zu vermuten, dass durch viele der hier vorgetragenen Meinungen Spaltungen in der Kirche erregt werden möchten und dass man darin Abweichungen von den allgemeinen symbolischen Büchern und von den besonderen Formulis committendi einzelner Städte oder Länder entdecken könnte. Man wird vielleicht daraus schliessen, dass