1775_Nicolai_080_23.txt

wenige Professoren denken so fein wie Sie! Ich kenne mehr als einen, der in seinen Schriften seine Leser völlig ebenso im Lehrertone anredet, als ob sie lauter junge Studenten wären.

Sebaldus: Das befremdet mich sehr. Ich wenigstens, wenn ich in dem Falle wäre, würde mir immer vorstellen, dass die erleuchtetsten Leute meiner Zeit meine Leser sein könnten und welche armselige Figur ich gegen sie machen müsste, wenn ich ihnen ganz bekannte Sachen vordozieren wollte, die sie viel besser wüssten! Überhaupt, dächte ich, ein Lehrer in einem Kollegium für junge Leute müsse sich nach dem Verständnisse des Geringsten unter seinen Zuhörern bequemen, hingegen ein Schriftsteller suche hauptsächlich den Verständigsten unter seinen Lesern zu gefallen, daher könne das beste Kollegium nicht leicht ein gutes Buch werden.

Magister: Ei, Sie machen sich die rechten Schwierigkeiten! Wissen Sie hiemit: Was gedruckt werden kann, kann ein Buch werden. Eine Dissertation, eine Prolusion, eine Oration, ein Programma, ein Osteroder Pfingstanschlag, den ein Schulmann oder Professor amtshalber schreiben muss, ist ja wohl noch weniger ein Buch.

Sebaldus: Ich wenigstens halte die Verfertigung solcher Aufsätze für ein Opus operatum, wobei gewöhnlicherweise mehr die Hand als der Kopf in Bewegung gesetzt wird.

Magister: Oh, man kann ein Schriftsteller von vielen Bänden werden, ohne den Kopf sonderlich anzustrengen! Was denken Sie wohl zum Beispiel von einem Prediger, der seine gehaltene Predigten drucken lässt?

Sebaldus: Wenn meine Gemeinde die meinigen verlangte, würde ich sie sehr gern zu ihrem Gebrauche drucken lassen; denn warum sollte ich ihr nicht schriftlich sagen, was ich ihr mündlich sagte? Aber auch nur bloss für sie sollten meine Predigten gedruckt werden. Ich habe mich in meinen Vorträgen immer besonders nach den Umständen meiner gewöhnlichen Zuhörer gerichtet. Nun würde ich immer denken, die Welt möchte sowenig nutzen können, was ich bloss meiner Gemeinde zu sagen hatte, als das, was ich als Vater meinen Kindern zu ihrem bessern Verhalten einschärfe.

Magister: Vielleicht würde doch die Welt das, was Sie so bescheiden ankündigen, mit mehrerm Nutzen lesen als die Predigten der Herren, welche die ganze Welt für ihre Diözese halten.

Sebaldus: Es kann sein, dass auch etwas Gemeinnütziges darin wäre, aber doch würde das Bändchen, das ich mir der Welt vorzulegen getraute, immer sehr klein sein.

Magister: Das Bändchen? Weder Johann Melchior Goeze noch Johann Andreas Cramer haben mit dem vierzehnten Bande aufgehört.

Sebaldus: Wie? Vierzehn Bände Predigten? Dazu gehört mehr Herz, als ich habe!

Magister: Freilich, Sie haben viel Bedenklichkeiten. Wenn Sie eine Dedikation an einen Patron zu machen hätten und Sie könnten kein Buch schreiben, so dächten Sie auch wohl nicht daran, das erste beste alte Buch wieder drucken zu lassen und es Ihrem gönner zuzueignen?

Sebaldus: Ich dächte, der Patron würde mir wenig danken, wenn ich ihm anstatt etwas Neues nur etwas Aufgewärmtes vorsetzte.

Magister: Als wenn der Patron nicht zufrieden sein müsste, dass sein Namen vor dem buch stehet, und als wenn er es auch noch würde lesen wollen! Genug, mancher Journalist wird Ihnen danken, dass Sie durch die neue Herausgabe unserer Literatur einen so grossen Dienst geleistet haben! Und Sie können als ein noch wichtigerer Mann erscheinen, wenn Sie dem buch eine Vorrede vorsetzen, um es durch Ihren Namen der Welt anzupreisen.

Sebaldus: Wenn man aber nicht wirklich sehr berühmt ist, so gehört viel Scharlatanerie dazu, so eine vornehme Miene zu affektieren.

Magister: Ja, wenn Sie Ihren Namen selbst nicht für berühmt halten, so sind Sie auf gutem Wege, ihn nie berühmt zu machen. Ich merke wohl, Sie wollen inkognito arbeiten; damit ist Ihnen auch zu dienen. Da ist mehr als ein Buchhändler, der seinen Autoren aufträgt, was er für verkäuflich hält: geschichte, Romanen, Mordgeschichten, zuverlässige Nachrichten von Dingen, die man nicht gesehen hat, Beweise von Dingen, die man nicht glaubt, Gedanken von Sachen, die man nicht versteht. Zu solchen Büchern bedarf der Verleger keine Autoren, die einen Namen haben, sondern solche, die nach der Elle arbeiten. Ich kenne einen, der in seinem haus an einem langen Tische zehn bis zwölf Autoren sitzen hat und jedem sein Pensum fürs Tagelohn abzuarbeiten gibt. Ich leugne es nichtdenn warum sollte ich Armut für Schande halten? –, ich habe auch an diesem langen Tische gesessen. Aber ich merkte bald, dass ich zu diesem Gewerbe nichts taugte, denn ich kann zwar ohne Gedanken eine Korrektur lesen, aber nicht ohne Gedanken Bücher schreiben; und bei solchen Büchern ist immer der am angenehmsten, der am geschwindesten schreibt, auch wenn er am schlechtesten schriebe.

Sebaldus: Am schlechtesten? Da handelt ja der Verleger wider seinen eigenen Vorteil; denn was kann die Welt mit den schlechten Büchern machen! Magister: Was geht den Verleger die Welt an? Er bringt sein Buch auf die Messe.

Sebaldus: Nunund durch die Messe kommen die Bücher in die Welt.

Magister: Freilich, nur mit dem Unterschiede, dass sie vorher vertauscht werden und dass also der Verleger am besten daran ist, der die schlechtesten Bücher hat, weil er leicht etwas Bessers bekommt.

Sebaldus: Aber denn müssen doch einigen Buchhändlern die schlechtesten Bücher bleiben, und die bedaure ich.

Magister: Weswegen? Es ist ihnen ja unbenommen, Narren zu suchen, die aus dem schlechtesten buch klug zu werden