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, welches er mit 2. Joh. V. 10 bestätigte. Doch hatte er das Missvergnügen, dass diese Predigt gar nicht auf Sebaldus, sondern auf einen katolischen Zuckerbäcker gedeutet ward, den der Fürst aus Wien hatte kommen lassen. Und da durch Veranlassung dieser Predigt, auf dem eben vorseienden Landtage, die Stände aus diesem Zuckerbäcker ein Landesgravamen machten und Seiner Durchlaucht in Untertänigkeit vorstellten, das süsse Konfekt dieses Mannes könne nimmermehr die Bitterkeit der papistischen Lehre versüssen, so bekam Doktor Stauzius noch dazu aus dem Fürstlichen Kabinette einen Verweis, den er zu den Trübsalen rechnete, die der Satan frommen Lehrern erwecket, und den er in Geduld ertrug, bis ihm die am Ende des Landtages zu haltende Predigt gelegenheit gab, sich wider diejenigen, die den Wächtern Zions ihre Wachsamkeit verweisen, mit doppeltem Nachdrucke zu erklären.

Sebaldus und Mariane hatten die ihnen zugedachte Abkanzelung nicht einmal erfahren und lebten indes sehr ruhig und vergnügt; Mariane beschäftigte sich mit weiblichen arbeiten und mit dem Unterricht der zwei kleinen Töchter des Hieronymus. Sebaldus aber brachte die meiste Zeit in Hieronymus' Laden zu, um aus alten prophetischen Schriften Kollektaneen zu seinem apokalyptischen Kommentare zu sammeln. Er durfte auch nicht befürchten, dass ihn hier etwa einer von seinen Feinden stören möchte, denn weder der Präsident noch der Generalsuperintendent hatten im Buchladen etwas zu tun. Der erste war ein Genie, und einem Genie steht nicht an, viel zu lesen; der andere erwartete alle wirkung seiner Predigten von der selig machenden Gnade und hielt also menschliche Gelehrsamkeit für ganz überflüssig.

So zufrieden aber auch die beiden Vertriebenen in dem haus ihres freundschaftlichen Wirtes waren, so lagen sie ihm doch beständig an, sich nach Stellen für sie zu erkundigen, worin sie ihren Unterhalt erwerben könnten. Kurz darauf fand sich eine solche für Marianen. Denn als Hieronymus wieder in Geschäften verreisete, erfuhr er, dass von einer adeligen Dame eine französische Demoiselle zur Erziehung ihrer beiden fräulein gesucht ward. Hierzu schlug er Marianen vor, die auch sehr gern einwilligte. "Diese Stelle", sagte Hieronymus, "scheint für Sie vorteilhaft zu sein, aber ich rate Ihnen, nicht Ihren Namen zu führen. Die Dame ist eine weitläuftige Verwandtin des Doktor Stauzius, und ich befürchte, er möchte aus Rachgier Ihnen auch dort üble Dienste leisten. Und ob es gleich heisst, dass Sie zur Erziehung der jungen fräulein berufen werden, so wird doch, wie ich wohl merke, die Übung im französischen Sprechen das Vornehmste sein, worauf man siehet. Ich habe Sie also als die Tochter eines von den Russen vertriebenen französischen Predigers aus einem Städtchen in der Neumark angekündigt. Dessen Namen müssen Sie nun führen, weil der Name vielleicht nicht wenig beigetragen hat, dass Sie andern Kompetentinnen sind vorgezogen worden."

Mariane nahm also einen französischen Namen an (ob in en oder in ère oder in on oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren können) und reisete mit demselben und einem Empfehlungsschreiben des Hieronymus versehen nach dem Gute der Frau von Hohenauf, welches sechzehn Meilen von der fürstlichen Residenzstadt entlegen war.

Zweites Buch

Erster Abschnitt

Sebaldus hatte seine Mobilien grösstenteils verkauft und das daraus gelösete wenige Geld Marianen zur nötigen Einrichtung mitgegeben. Er hatte sich in den Zustand jenes Philosophen versetzt, dass er alles das Seinige bei sich tragen konnte. Nunmehr bestand er darauf, auf irgendeine Art und wo möglich ausser der Stadt, in der seine Feinde wohnten, selbst seinen Unterhalt zu verdienen.

Nach einiger Überlegung nahm ihn Hieronymus mit sich, als er nach Leipzig zur Messe reisete, wo er ihm bald bei einigen grossen Buchdruckereien die Stelle eines Korrektors verschaffte. Sebaldus mietete eine kleine Dachstube im sechsten Stockwerke und war, obwohl bei dürftigem Auskommen, überaus vergnügt mit seinem Zustande, weil er nur ein Drittel des Tages mit Korrekturen zu tun hatte und die übrige Zeit auf seine apokalyptische Erklärung wenden konnte, die ihm wie ein alter Freund in seinen Widerwärtigkeiten nur noch lieber geworden war.

Ob übrigens Sebaldus zuerst den Herrn Doktor Ernesti oder den Herrn Doktor Crusius besucht habe, wissen wir nicht. Vielleicht hat er bedacht, dass ein armer Korrektor nicht so leicht zu einem vertraulichen Umgange mit solchen Männern gelange und dass es unnütz sei, einen Gelehrten auf eine halbe Viertelstunde zu besuchen, um sein Gesicht zu begaffen, und ist also gar zu haus geblieben. Ob er jemals Professor Gellerts moralischen Vorlesungen beigewohnt oder jemals mit Magister Froriep über die symbolischen Bücher oder über die Nunnation der arabischen Nennwörter disputiert habe, lässt sich auch so genau nicht sagen. Ob er in der Nikolaikirche des in Leipzig und dessen sämtlichen Vorstädten berühmten Magisters Mattesius salbungsvolle Predigten wider die Schaubühne mit angehört oder ob er zu ebender Zeit, da sie gehalten wurden, im Kuchengarten des ebenso weit berühmten Händels5 von Butter triefende Maulschellen und Wetzsteine verzehrt habe, darüber sind gar keine Nachrichten vorhanden.

Es haben sehr ernstafte Gelehrte behauptet, dass die Wahrheit das Wesen der geschichte sei. Wir sind weit entfernt, Männern, welche scharf demonstrierte Teorien der geschichte zusammensetzen können, zu widersprechen; nur unterstehen wir uns, zu mutmassen, ob man gleich in der geschichte lauter wahre begebenheiten erzählen soll, so könne doch der grösste teil derselben füglich unerzählt bleiben. Es sind fünfzigtausend Bände voll Wahrheit über die geschichte Deutschlands zusammengetragen worden, so dass der schon ein Geschichtskundiger heisst, der nur den fünfzigsten teil dieser Wahrheiten gelesen hat. Dieser Überfluss von Wahrheit hat manchen braven Deutschen zu dem angenehmen Lügner Voltaire geführt, der uns ein halbes Jahrhundert in wenigen