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die orientalische geschichte aufklären wollte. Schickard glaubte gewiss, sein Buch würde viel Käufer haben, weil es nicht zu den gemeinen, alle Tage vorkommenden Büchern gehörte, sondern er darin den Gelehrten von einer neuen und fremden Materie viel Neues und Fremdes berichten konnte. Aber aus dieser Ursache befürchtete die Frau Verlegerin das Gegenteil. Sie versicherte, aus der Erfahrung zu wissen, dass die Bauerkalender viel häufiger verkauft würden als die astronomischen Ephemeriden, aus denen sie gemacht sind. Siehe Lessings "Beiträge zur geschichte und Literatur". Erster Beitrag, S. 91 11 Der Verfasser, als ein Deutscher, der sich dessen, was deutsch ist, in nichts schämet, bekennt gern, dass auch dieses Werk von diesem Geruche nicht wenig an sich hat. Er warnet alle Weltleute, nicht zu wagen, es zu lesen. 12 Bloss von 1782 bis 1798 sind in Deutschland vielleicht fünfhundert Bände und Bändchen über die kritische Philosophie geschrieben worden, worüber grösstenteils schon im Jahre 1799 der Schleier der Vergessenheit ruhet. 13 Dass hierin, seitdem dieses zuerst geschrieben ward, in Deutschland viel verbessert worden, ist sehr zu rühmen. Aber doch ist zu beklagen, dass im ganzen unsere Schriftsteller noch immer am liebsten auf einseitige Spekulationimaginationen ausgehen und die Leser nicht kennen, für die sie schreiben. Es ist daher auch unsere deutsche Literatur den Bedürfnissen deutscher Leser bei weitem nicht angemessen genug, hat daher immer noch auf die dreissig Millionen Menschen, welche deutsch reden, viel weniger Einfluss, als sie haben sollte. 14 Diejenigen, denen etwa die Anzahl der Übersetzungen und Journale verhältnismässig allzu stark dünken sollte, müssen bedenken, dass es eine Michaelmesse war. Denn wenn auch einige Schriftsteller im Sommer spazierengehen, so arbeiten doch Übersetzer und Journalisten im Sommer und Winter mit gleicher Tätigkeit fort. 15 Man s. Lavaters "Kleine Physiognomik", II. T., S. 117 u. folg. 16 Siehe ebendaselbst, S. 36. 17 Avaleurs de couleuvrestoad-eaters. 18 Ungelehrten Vätern und Müttern zugute sei hier angemerkt, dass die Gelehrten mit diesem griechischen Worte die Kunst der Erziehung andeuten. Diese feierliche Benennung wird gebraucht, seitdem die Gelehrten diese Kunst in verschiedene Systeme gebracht haben, deren jedesgleich den philosophischen Systemenfür sich sehr genau zusammenhängt und dem andern schnurstracks widerspricht. 19 Unmodischen Lesern und Leserinnen sei kund, dass dies eine Art eines kleinen Kopfzeuges ist, das, glaubwürdigen Nachrichten zufolge, im Winter 1772/1773 allgemein getragen ward. Es ist zu hoffen, ausser den Buchgelehrten werde jedermann in Deutschland wissen, dass ein Komete ein kleiner Kopfputz war, unter welchem ganz frisierte Haare getragen wurden. Aux zéphyrs aber ward dieser Komete benannt, weil daran hinterwärts gewisse haarigte Zieraten (von der Art, die in der Putzmachersprache chenilles oder Raupen heisst) frei herunterhingen, womit die angenehmen Zephyren sehr leicht spielen konnten, wenn sie nur im Winter geweht hätten. 20 Weil zu vermuten ist, dass eher Buchgelehrte als gens du bon ton dieses Werk lesen werden, so müssen, wegen der Unwissenheit der erstern, hier schon einige Wörter erklärt werden, die sonst jedermann versteht, dès qu'il entre dans le mond. Ein bonnet en demi-ajusté ist ein Kopfzeug, unter dem eine Dame halb frisiert sein muss. Ein assassin ist nichts als ein Schönpflästerchen, das aber seiner Grösse wegen, wenn ein gemeines Schönfleckchen verwundet, gar wohl totschlagen kann. Ein postillon d'amour ist eine grosse Brustschleife von Band, welche weder Pferd noch Horn hat. Eine respectueuse ist eine Bedeckung des Busens mit Spitzen, Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermutlich den Namen davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlasst. 21 Wir haben im Deutschen für das französische "absurde" das Wort abgeschmackt, für "fade", insofern es von speisen gebraucht wird, haben wir unschmackhaft, dies Wort aber wird nicht wohl zu brauchen sein, wenn der Begriff des französischen auf Geistesbeschaffenheit angewendet wird. Man kann nicht füglich sagen ein unschmackhafter Mensch. Daher möchte es wohl dienlich sein, das Wort ungeschmackt zu brauchen. Adelung, in seinem Wörterbuche, ist der Meinung, man müsse schreiben und sprechen ungeschmack. So wichtig auch sonst dessen Autorität ist, so wäre doch zu zweifeln, dass ihm jemand hierin beifallen möchte. 22 Die deutsche Sprache, an Konversationsausdrükken sehr arm, hat kein eigentliches Wort für Sostenutezza, und doch ist an vielen gnädigen und nichtgnädigen deutschen Herren und Damen die Sostenutezza eine der gewöhnlichsten Eigenschaften. 23 Nach der Ausgabe Leipzig 1768, S. 119. 24 Ramlers lyrische Gedichte. Berlin 1772, S. 266. 25 Woltersdorfs sämtliche neue Lieder. Berlin 1768, S. 37. 26 Der Pietist hatte diese Worte buchstäblich aus den "Büdingischen Sammlungen", 8. St., S. 257, genommen. 27 Der Leser glaube nicht etwa, dass ein solches Lied zum Behufe dieses Gesprächs erdichtet worden. Er darf auch nicht glauben, dass es etwa ein unbedeutender Schwärmer für den Winkel eines fanatischen Konventikels verfertigt habe. Nein! Dies Lied steht Seite 792 eines in vielen evangelisch-luterischen Kirchen der Kurmark eingeführten Gesangbuchs, betitelt: "Geistliche und liebliche Lieder, welche der Geist des Glaubens durch Doktor M. Luter, Joh. Hermann, Paul Gerhard und andere seiner Werkzeuge in den vorigen und itzigen zeiten gedichtet und die bisher in den Kirchen und schulen der Königl. Preuss. und ausgegeben von Johann Porst, Königl. Preuss. Konsistorialrat, Probst