wusste so genau, in wie mancherlei Sinne alle mögliche Teologanten in den sieben vereinigten Provinzen die Haushaltungen des göttlichen Gnadenbundes geordnet und verstanden hatten, dass er noch eine neue Haushaltung hätte erdenken können. Er konnte auf ein Haar bestimmen, ob Christus im Alten Testamente nur ein Bürge und Fidejussor für das menschliche Geschlecht gewesen oder noch etwas anderes. Dabei hatte Meester Puistma einen besonderen Fleiss auf die gesegnete Lehre von der Prädestination gewendet und konnte trotz einem von Miltons philosophischen Teufeln über Vorherbestimmung und freien Willen disputieren.61 Ja was noch mehr ist! Da nach Miltons Berichte selbst die Teufel sich aus dem Dispute über diese Materien nicht herausfinden könnten, schien dieser holländische Teologant einen höheren Scharfsinn zu besitzen; denn ihm standen so genau zusammengekettete Schlussfolgen zu Gebot, um den partikularsten Partikularismus zu behaupten, dass er sogar sich selbst der Verdammnis würde übergeben haben, wenn ihm hätte bewiesen werden können, dass er nicht prädestiniert wäre.
Diese teologantische Weisheit hatte Puistma denn auch unverzüglich bei seinen beiden Zöglingen an den Mann gebracht und sie bereits ziemlich tief in die Haushaltungen hineingeführt. Zugleich, da er sich erinnerte, dass diese Knaben einst Bürger eines Freistaates werden sollten, war er bemüht, ihnen die nützlichsten Stücke der vaterländischen geschichte zu erklären. Dahin gehörte besonders die geschichte des Synods zu Dordrecht mit seinen politischen und teologischen Veranlassungen und wie wohl man getan, die Remonstranten lieber nicht zu hören, damit man sie desto gemächlicher verdammen konnte, desgleichen die Vorfälle mit der sogenannten Loevesteinschen Partie nebst der löblichen Hinrichtung des unruhigen Oldenbarnevelt und so weiter. Als er aber einst wahrnahm, dass die Knaben, indem er patetischerweise beklagte, dass das Schloss Loevestein nicht jetzt noch zum Gefängnisse für die widerspenstigen Unrechtsinnigen gebraucht würde, indes unter dem Tische mit Keulchen und papiernen Vögeln spielten, so ward er dadurch nicht wenig entrüstet und erklärte, nach dem Beispiele erfahrner Pädagogen, welche unartigen Knaben die Leckerbissen versagen, ihnen das köstliche fest dieser Erzählungen künftig so lange zu entziehen, bis sie selbst hungrig darnach würden.
Daher bestand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der beiden Knaben bloss darin, dass sie täglich aus dem Heidelbergischen Katechismus ein Pensum der Abteilung von des Menschen Elende auswendig lernen und hersagen, dabei täglich ein Kapitel aus Bezas lateinischer Übersetzung des Neuen Testaments exponieren mussten und von einem besonderen Lehrmeister in den fünf Spezien der Rechenkunst unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein so gelehrter Mann wie Meester Puistma sich mit so gemeinen Dingen nicht abgeben konnte.
Sebaldus verfuhr bei seinem Zöglinge auf eine andere Art. Er lehrte ihn nebst dem Katechismus, der lateinischen und hochdeutschen Sprache und dem Schönschreiben noch die geschichte und die Erdbeschreibung. Dieses gefiel den Eltern, obgleich der gelehrte Puistma über die unnützen Dinge seine Verachtung bezeugte. Als aber Sebaldus sich freiwillig erbot, beide Knaben das Rechnen und die Musik zu lehren, fing Meester Puistma darüber Feuer, lief zu dem reformierten Domine Dwanghuysen und klagte, dass man den ältesten Knaben luterisch zu machen suche, indem ihm der luterische Informator Stunden geben solle. Domine Dwanghuysen war mit dieser Neuerung freilich nicht zufrieden; weil indes der Kaufmann gedeputeerde Ouderling oder Kirchenvorsteher war, so wollte er ihn in etwas schonen und sprach noch vorjetzt den eifrigen Puistma zufrieden.
Noch schlimmer ward es, als Sebaldus anfing, seinen Zögling im Griechischen zu unterweisen, und der Kaufmann seinem ältesten Sohne, aus dem er einen gelehrten Mann machen wollte, befahl, diesen Lehrstunden beizuwohnen. Sebaldus liess darin Xenophons "Denkwürdigkeiten des Sokrates" lesen und übersetzen und erklärte auch einige Stellen aus Antonins "Betrachtungen". Er nahm hierbei gelegenheit, den Knaben gute moralische Grundsätze einzuprägen und sie ihnen durch Erklärung dieser vortrefflichen Bücher anschaulich zu machen. Allein hierüber setzte Puistma, in Gegenwart beider Eltern, den neuen Lehrer aufs heftigste zur Rede. Er sagte sonder Scheu: wenn Sebaldus ein rechter Christ wäre, so würde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren62 und andere christliche Bücher vorlegen, ihnen aber nicht solche ungeweihte blinde Heiden wie Sokrates und Antonin zu Beispielen vorstellen, deren Tugend schon der heilige Augustin als blendende Laster verdammt habe. Sebaldus verteidigte sich; aber was konnte vernünftige Verteidigung bei einem mann wie Puistma helfen? Dieser schrie, ohne Gründe anzuhören, und lief voll Wut abermals zu Domine Dwanghuysen, ihm diese neue Ketzerei zu berichten.
Menschliche Tugenden, besonders die Tugenden der Heiden standen zu der Zeit in Rotterdam eben nicht im besten Rufe. Zwar hatte Domine Hofstede damals noch nicht die Laster der berühmten Heiden angezeigt, zum Beweise, wie unbedachtsam man dieselben seliggepriesen.63 Es ist aber leicht zu erachten, dass die unsinnige Behauptung, die grössten Männer des Altertums wären, ohne Ausnahme, lasterhaft gewesen, nicht auf einmal in eines Menschen Gehirn kommen kann, ohne dass vorbereitende Torheiten anderer Leute vorhergegangen sind. Wirklich war schon seit geraumer Zeit in Friesland und durch das ganze Südholland die Meinung gänge und gäbe gewesen, das menschliche Geschlecht sei von natur elend, dumm und zum Guten unfähig. Wenn jemand auf irgendeine Art das Gegenteil behaupten, besonders wenn er sich etwa auf die guten Handlungen der Heiden berufen wollte, so war es sehr gewöhnlich, von Arminianischer Ansteckung, Pelagianischem Sauerteige und Socinianischem Gifte zu reden, auch wohl zu schreiben. Domine Dwanghuysen war nicht der Geringste unter den rechtsinnigen Verdammern der Heiden; also begreift man leicht, in welche Bewegung ihn Meester Puistmas Klage gesetzt haben mag.
Er ging unverzüglich zum Kaufmanne, und in dessen Gegenwart fuhr er den Sebaldus heftig an