, welche ihn so viel Neues lehren würde, zu machen, nahm mit der heftigsten Begierde, allen Drangsalen seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen, täglich zu; und Dschengis trug um so weniger Bedenken, diesem Verlangen nachzugeben, je notwendiger es war, ihm eine ausführliche und anschauende Kenntnis von allen den Missbräuchen, Unordnungen und daher erwachsenden Übeln zu verschaffen, welchen (wenigstens in einem beträchtlichen Teile des Erdbodens) ein Ende zu machen, seine grosse Bestimmung war. Überdies hatten die gesunden Grundsätze seiner Erziehung zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefasst, als dass von der Ansteckung der Welt etwas für ihn hätte zu besorgen sein sollen. Im Gegenteil erwartete er, dass der Anblick alles des mannigfaltigen Elends, welches sich die Menschen durch Entfernung von den Gesetzen der natur zugezogen haben, den jungen Tifan von der unumgänglichen notwendigkeit ihrer Befolgung nur desto lebhafter überzeugen werde.
So viel Mühe Tifan hatte, sich von seiner Geliebten und von seinem kleinen Sohne los zu reissen, so überwältigte doch die Ungeduld seiner Neugier, die Welt besser kennen zu lernen, die zärtlichen Regungen der natur. Er entfernte sich also zum ersten Male von den friedsamen Hütten, worin er, der Welt unbekannt, die glückliche Einfalt seiner Jugend verlebt hatte, und durchwanderte in der Gesellschaft des getreuen Dschengis drei Jahre lang einen grossen teil von Asien. Er lernte die natur unter tausend neuen Gestalten kennen, und erstaunte über die mannigfaltigen Wunder, wodurch die Kunst sie nachzuahmen, ja selbst zu übertreffen und zu verbessern sucht. Aber er erstaunte noch mehr, wie er sah, dass der elende Zustand der Völker durchgehens desto grösser war, je mehr natur und Kunst sich zu vereinigen schienen sie glücklich zu machen. Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen waren immer diejenigen, in welchen das Volk auf die unbarmherzigste Weise unterdrückt wurde. Tifan sah mit Entsetzen Könige, welche das Vermögen ihrer Untertanen wie einen dem Feind abgejagten Raub in den ungeheuersten Ausschweifungen der Üppigkeit verprassten; Könige, welche das kostbare Blut der Menschen in mutwilligen Kriegen verschwendeten, und sechs blühende Provinzen zu Einöden verwüsteten, um die siebente zu erobern, deren Behauptung es ihnen unmöglich machte, ihren Völkern die Vorteile des Friedens jemals auf zehn Jahre zu versichern. Er sah Könige, welche, aus tiefer Untüchtigkeit zu allen ihren Pflichten, die Verwaltung des staates Kebsweibern und Günstlingen überlassen mussten, und, während dass sie ihr unrühmliches Leben in Müssiggang und sinnlichen Wollüsten verträumten, sich nicht schämten, von hungrigen oder raubgierigen Schmeichlern mit den besten unter den Fürsten, ja mit der Gotteit selbst sich vergleichen zu lassen. Er sah kleine Rajas, die ihre Untertanen und sich selbst zu Bettlern machten, um sich eine Zeit lang, unter dem allgemeinen Naserümpfen der Welt, das lächerliche Ansehen zu geben, mit den grössten Monarchen Asiens in die Wette geschimmert zu haben. Er sah einen sehr guten, sehr liebenswürdigen Fürsten das Unglück seiner Staaten bloss dadurch vollkommen machen, weil ihm sein böser Genius ein allgemeines Misstrauen gegen alles was ihn umgab, eingeflösst hatte. Kurz, er lernte die Sultanen, Visire, Omras, Mandarinen, Mollas, Derwischen und Bonzen seiner Zeit kennen, und verwunderte sich nun nicht mehr, warum er den grössten teil von Asien in einem Verfall sah, welcher einen baldigen allgemeinen Umsturz ankündigte. Bei allem dem machte er tausend nützliche Beobachtungen, und hier und da, oft unter einem unscheinbaren dach, die Bekanntschaft eines weisen und rechtschaffenen Mannes, oder eines unbekannten und unbenützten Talents. Dschengis liess keine gelegenheit vorbei, wo er ihn die Anwendung seiner Grundsätze zu machen lehren konnte. Er führte ihn allentalben von den äusserlichen Zufällen auf die Quelle des Übels, und zeigte ihm, wie vergebens man jenen abzuhelfen sucht, so lange diese nicht verstopft ist, oder – welches der Fall vieler Staaten ist – nicht verstopft werden kann. Er zeigte ihm durch Beispiele, welche desto lehrreicher sein mussten weil sie unmittelbar unter ihren Augen lagen, dass nichts einfacher sei als die Kunst weislich zu regieren, und dass es weniger Mühe koste, ein Volk geradezu glücklich zu machen, als es, durch tausend krumme Wege, mit einigem Schein von Recht und Billigkeit zu grund zu richten. Er zeigte ihm, dass überall, wo das Volk unterdrückt und der Staat übel verwaltet wurde, der Fürst selbst, von rastloser Gemütsunruhe herum getrieben, von tausend Besorgnissen geängstiget, von allen Seiten mit Schwierigkeiten umringt, zu einer schimpflichen Abhänglichkeiten von der eigennützigen Treue und den schelmischen Ränken der nichtswürdigsten seiner Sklaven verurteilt, belastet mit dem Hasse seiner Untertanen und mit der Verachtung der Welt, – unter allen Unglücklichen, die er machte, selbst der Unglücklichste war. Kurz, diese Reise wurde für den jungen Tifan eine Schule, worin er sich, ohne es selbst zu wissen, zum künftigen Regenten ausbildete; und (was hierbei nicht das unbeträchtlichste ist) eine Reise, welche für ihn so lehrreich und für Scheschian so nützlich war, kostete in drei ganzen Jahren kaum so viel, als alle die Kebsweiber, Mohren, Gaukler und Elefanten, welche den König von Siam von einem seiner Landhäuser zum andern begleiten, in acht Tagen aufzuzehren pflegen."
Hier unterbricht sich der sinesische Autor, dem wir folgen, selbst, um uns zu sagen, dass die Reisen des Prinzen Tifan eine Unterredung zwischen dem Sultan Gebal, der schönen Nurmahal und dem Philosophen Danischmend über die Reisen junger Fürsten veranlasst habe, welche er, da die sinesischen Prinzen, einem uralten Herkommen zu Folge, niemals ausser Landes zu reisen pflegten, zu