Schule, durch welche Beispiele hätten sie sollen gebildet werden? Es war schon lange, seit der Geist der Tugend die Scheschianer verlassen hatte. Niemand bekümmerte sich um das gemeine Beste; der Name Vaterland setzte das Herz in keine Wallung; ein jeder sah in seinem Mitbürger, in seinem Bruder selbst, nichts als einen heimlichen Feind, einen Nebenbuhler, einen Menschen dessen Anteil den seinigen kleiner machte. Jeder dachte nur auf seinen eigenen Vorteil, und (wenige Unbekannte, welche das Verderben ihres Volkes im verborgenen beweinten, ausgenommen) war niemand, der nicht alle Augenblicke bereit gewesen wäre, einen beträchtlichen Privatvorteil mit dem Untergang der halben Nation zu erkaufen. Der Luxus hatte die ganze Masse dieses unglücklichen Reiches mit einem so wirksamen Gift angesteckt, dass der Kopf und das Herz, der Geschmack und die Sitten, die Leiber und die Seelen seiner Einwohner, gleich ungesund, und (da das Übel seiner natur nach langwierig ist) durch die Länge der Zeit so daran gewöhnt waren, dass dieser abscheuliche Zustand ihnen zur andern natur geworden war. Die Gefühllosigkeit für das Elend ihrer Mitbürger herrschte nicht nur in den verhärteten Herzen der Grossen; sie hatte sich aller Stände bemeistert. Jedermann dachte nur darauf, wie er die allgemeine Not zu seinem eigenen Vorteil benutzen wolle, und das Übel nahm täglich zu, so wie sich diejenigen vermehrten, die bei dem Untergange des staates zu gewinnen hofften. Alle Rechtschaffenen hatten sich so weit als möglich von einem Hof entfernt, wo die Weisheit lächerlich und die Tugend ein Verbrechen war; und der unglückliche Isfandiar sah sich zu einer Zeit, da die Weisesten und Besten kaum hinreichend gewesen wären den Staat zu retten, von einer Bande von Witzlingen, Lustigmachern, Gauklern, Kupplern und Schelmen umgeben, welche, je näher der Augenblick des allgemeinen Untergangs heran nahte, in diesem Gedanken selbst eine neue Aufmunterung zu jedem fröhlichen Bubenstücke zu finden, und entschlossen zu sein schienen, dem Verderben in einem Rausch von sinnloser Betäubung entgegen zu taumeln.
Unter den unzulänglichen Mitteln, mit welchen Eblis die Ausbrüche der tödlichen Krankheit des staates zu verstopfen suchte, war eines, welches durch seine unvermeidlichen Folgen das Übel, dem es abhelfen sollte, unendlich verschlimmerte. In allen grossen Staaten, die man jemals auf der Fläche des Erdbodens entstehen und verschwinden gesehen hat, zog der äusserste Luxus übermässige Üppigkeit unter den Grossen und Reichen, und übermässiges Elend unter den Armen, nach sich. Beides bringt in Absicht auf die Sitten einerlei wirkung hervor. Die Reichen stürzen sich durch Verschwendung und Müssiggang in die Gefahr arm zu werden; der Anblick dieser Gefahr ist ihnen unerträglich, und um ihr zu entgehen, ist kein Verbrechen, keine Schandtat, keine Unmenschlichkeit, welche sie nicht zu begehen bereit sein sollten. Und warum sollten sie nicht? da der Witz (der bei ihnen die Stelle der Vernunft vertritt) dem Laster schon lange den Weg gebahnt, und mit hülfe eines verzärtelten Geschmackes gearbeitet hat, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht aufzuheben, und das angenehme oder nützliche Verbrechen mit tausend Reizungen, ja selbst mit dem Schein der Tugend auszuschmücken. Die Armen bringt die Verzweiflung, einen andern Ausweg aus ihrem gegenwärtigen Elend zu finden, zu dem unglücklichen Entschluss, es durch lasterhafte Mittel zu versuchen. Ein Elender, der nichts zu verlieren hat, lässt sich, um seinen Zustand zu verbessern, zu allem gebrauchen; er wird ein Betrüger, ein falscher Zeuge, ein Giftmischer, ein Meuchelmörder, sobald etwas dabei zu gewinnen ist. Andre, welche die Unterdrückung mutlos, und die Mutlosigkeit faul gemacht hat, stürzen sich auf dem abhängigen Wege des Müssiggangs bis in die schändlichsten Laster hinab. Sie werden aus Bettlern Diebe, aus Dieben Strassenräuber und Mordbrenner. Andere finden in dem schimmernden Zustande, worein sie Leute, die eben so wenig Ansprüche an Glück zu machen hatten als sie selbst, durch Aufopferung der Tugend versetzt sehen, einen Reiz, den die Vergleichung desselben mit ihrem gegenwärtigen Elend unwiderstehlich macht. Ist es Wunder, wenn der Anblick einer mit Diamanten behangenen Lais, die in einem vergoldeten Triumphwagen den Gewinn ihrer Unzucht zur Schau trägt, tausend junge Dirnen zu Priesterinnen der Venus, oder wenn der Anblick eines zu den höchsten Würden im Staat empor gestiegenen Kupplers tausend Kuppler macht? Es ging also sehr natürlich zu, wenn zu Isfandiars zeiten alle Arten von Lastern in Scheschian im Schwange gingen; nichts als ein unaufhörliches Wunderwerk hätte die natürlichen Wirkungen täglich anwachsender Ursachen hemmen können. Der Übergang von einer Stufe des Lasters zur andern ist unmerklich; es kostet unendlich mehr Mühe sich zu der kleinsten vorsetzlichen Übeltat, wenn es die erste ist, zu entschliessen, als das Ärgste zu begehen, wenn man einmal die unglückliche Leichtigkeit, Böses zu tun, erlangt hat. kommt dann noch die Ansteckung verdorbener Sitten bei einem ganzen volk, und das häufige Schauspiel der unterdrückten Tugend und des siegprangenden Lasters hinzu; sehen wir den Fürsten und die Grossen selbst die Verachtung der gesetz und der Tugend durch ihr Beispiel aufmuntern: dann ist wahrhaftig der Fall da, wo es eben so barbarisch ist Verbrechen zu bestrafen, als es ungerecht wäre, einem Menschen, den man hinterlistiger Weise trunken gemacht, die Ausschweifungen zur Last zu legen, die er in der Abwesenheit seiner Vernunft begangen hätte.
Eblis machte diese Betrachtung nicht. Er sah nur das Übel; die Quelle wollt er nicht sehen. Aber das Übel erheischte schleunige Mittel. Die geringern Verbrechen hatten für die Scheschianer nichts Abschrekkendes mehr, denn die ungeheuersten fingen