würden) dennoch das grosse Ziel aller Freunde der Menschheit sein müssen; der zeiten, wo Polizei, Religion und Sitten, Vernunft, Witz und Geschmack einträchtig zusammen wirken werden, die menschliche Gattung glücklich zu machen."
"Danischmend mein Freund" (sagte der Sultan als der Doktor mit seiner Rede fertig war), "alles was du uns hier gesagt hast, mag sehr gut sein, wenn von einem Staat in Utopien die Rede ist, den du mit idealischen Menschen nach Belieben besetzen und regieren kannst, wie es dir gefällt. Aber die Rede ist, mit Erlaubnis deiner Philosophie, nicht von dem, was der menschlichen Gesellschaft überhaupt, sondern von dem was diesem oder jenem besonderen staat gut ist; und da wirst du vermutlich zugeben, dass sich kein wirklicher Staat, mit Menschen von Fleisch und Blut besetzt, denken lasse, dessen Bewohner die Vorteile, die sie darin geniessen, nicht mit Aufopferung eines Teiles ihrer natürlichen Rechte erkaufen müssten. Du hast uns sehr schön bewiesen, dass es zum Besten der menschlichen Gesellschaft gereiche, wenn der Vernunft und dem Witze, folglich – weil du keinen Richter erkennen willst, der in jedem besonderen Fall entscheide, was Vernunft und Witz sei – auch der Unvernunft und dem Aberwitze volle Freiheit gelassen werde: aber alle deine Gründe sollen mich nicht hindern, dem ersten, der sich die Freiheit nehmen wollte, meine Völker durch seine Schriften zum Missvergnügen und zur Empörung zu reizen, die Ohren abschneiden zu lassen; oder den ersten Philosophen, der sich gelüsten lassen wird, das Gesetz unsers Propheten für ein Werk des Betrugs zu erklären, mit fünfhundert Streichen auf die Fusssohlen zu belohnen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich bin der Mann, mein Wort so genau zu halten als Ogul-Kan."
"Sire", erwiderte Danischmend ganz ruhig, "meine Meinung ging nur wider solche Anordnungen, die es von der Einsicht und Willkür einzelner Personen abhängig machen, wie klug oder wie dumm eine Nation sein soll. Indessen, und bis die Akademie oder irgend ein anderer Adept Mittel dem Missbrauche der Freiheit zu wehren, welche der Freiheit selbst unnachteilig sind, ausfündig gemacht haben wird, möchte wohl schwerlich zu verhindern sein, dass das Wort Missbrauch nicht immer zweideutig bleiben sollte; und also wird (mit Ausnahme weniger besonderer und seltener Fälle, worüber dem Landesherrn zu erkennen obliegt) doch immer das Sicherste sein, lieber einige Ausschweifungen zu übersehen, als uns durch eine gar zu strenge Regelmässigkeit in Gefahr zu setzen, des edelsten Vorrechts der Menschheit verlustiget zu werden.29
Wenn mir erlaubt ist" (fuhr Danischmend fort), "die Anwendung der vorgelegten Frage auf die Priester von Scheschian zu machen, so deucht mich, dass nur ein missverstandenes Interesse diese Bonzen verleiten konnte, die Freiheit, welche Ogul-Kan seinen Untertanen zugestanden hatte, so gefährlich zu finden. Der Staat und die Religion von Scheschian konnten nicht anders als bei dieser Freiheit gewinnen. Ja die Bonzen selbst würden dabei gewonnen haben. Sie würden anfänglich aus notwendigkeit, hernach aus Gewohnheit, zuletzt vielleicht aus Neigung und Wahl sich immer weiter von allem demjenigen entfernt haben, was sie einem gerechten Tadel unterwürfig gemacht hatte. Frei von dem Vorwurf einer unbändigen Begierde zu herrschen und die Güter ihrer Mitbürger an sich zu ziehen, geziert mit jeder Tugend ihres Standes, würde die Hochachtung ihres persönlichen Wertes sich mit der Würde ihres Amtes vereiniget haben, sie durch die allgemeine Zuneigung besser als durch Strafgebote vor unbilligen Misshandlungen sicher zu stellen. Denn ich unterstehe mich zu behaupten, dass es kein Volk auf Erden gibt, welches nicht geneigt sein sollte, einen weisen und tugendhaften Mann eben dadurch, dass er ein Priester ist, doppelt ehrwürdig zu finden. Allein die Bonzen von Scheschian hatten das Unglück, diese Betrachtung nicht zu machen. Die Verbesserung oder Abstellung alles dessen, was dem gesunden Menschenverstand an ihren Begriffen, Maximen und Sitten anstössig sein musste, war unstreitig der geradeste Weg, sich dem öffentlichen Tadel zu entziehen; aber es war auch der beschwerlichste. Lieber wollten sie durch tausend schleichende Wendungen und niedrige Kunstgriffe diejenigen zu unterdrükken suchen, vor deren Fähigkeiten und Einsichten sie sich, auch ohne besondere Ursache, aus einer An von Instinkt, fürchteten; und die Sicherheit der scheschianischen Religion diente ihnen bloss zum Vorwande, ihre Rachsucht an einem jeden auszulassen, der gegen ihre offenbarsten Ungereimteiten und gröbsten Missbräuche etwas einzuwenden hatte. Sie liessen keine gelegenheit entschlüpfen, in Gesellschaften, oder unter vier Augen, sonderlich bei Personen von Stand und Ansehen, zu verstehen zu geben, dass solche Leute in billigem Verdachte ständen, weder an den grossen Affen noch an den allgemeinen Schutzgeist (wie sie das höchste Wesen nannten) zu glauben. Gestanden sie auch einigen derselben Talente zu, so bedauerten sie doch zugleich in einem seufzenden Tone, dass diese Talente nicht besser angewendet würden, und beklagten die Gefahr der Nation, wenn solchen Leuten gestattet würde, ihr süsses Gift in unbehutsame Seelen fallen zu lassen. Durch dergleichen Künste gelang es ihnen bei allen, welche sich mit angeerbten Begriffen behalfen, das ist, bei dem grössten Teile der Nation, sich im Besitz eines gewissen Einflusses zu erhalten, der vielleicht nur desto tiefere Wurzeln schlug, weil sie ihn der sanften Gewalt einschmeichelnder Überredungen, und tausend feinen Ränken, womit sie die Gemüter zu umspinnen wussten, zu danken hatten. Sie genossen unter einigen schwachen Regierungen das Vergnügen, von Zeit zu Zeit kleine Verfolgungen gegen Witz und Vernunft zu erregen