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, ihren grossen Zweck mit wenigern Unkosten zu befördern; und glücklicher Weise für sie spielte der leichtsinnige Mutwille, womit einige die Freiheit der damaligen zeiten zu missbrauchen anfingen, ihnen Waffen in die hände, welche sie, unter dem scheinbarsten Vorwande, gegen ihre unversöhnlichen Feinde, Witz und Vernunft, gebrauchen konnten."27

Danischmend beginnt seine Erzählung von diesem Aufstand der Bonzen gegen die Usurpation einer tyrannischen Philosophie mit einer allgemeinen Betrachtung, welche nicht so viel benützt wird als sie es zu verdienen scheint. "Dasjenige", sagt er, "was in allen sittlichen Dingen die Grenzen des Schönen und des Hässlichen, des Guten und des Bösen, des Rechts und des Unrechts bestimmt, ist eine allzu feine Linie, als dass sie nicht alle Augenblicke von der Unwissenheit und dem Leichtsinn übersehen, oder von den Leidenschaften übersprungen werden sollte. Daher eine Quelle von Übeln, welche man nicht verstopfen darf, auch wenn man es könnte, – der häufige Missbrauch von Dingen, wovon der rechte Gebrauch der menschlichen Gesellschaft nützlich ist, und welchem abzuhelfen man bisher noch keine andre Mittel erfunden hat, als solche, die dem Dienste gleichen, den der guterzige Bär in der Fabel seinem Freunde, dem Eremiten, erweist, da er, um eine Fliege von der Nase seines schlafenden Freundes zu verjagen, einen Stein ergreift, und auf Einen Wurf die Fliege und den Eremiten tötet.

Die Scheschianer geben uns hiervon ein merkwürdiges Beispiel. Sie waren unvermerkt klüger geworden als ihre Vorfahren. Ihre Begriffe von der wahren Beschaffenheit der Dinge, von ihrem Verhältnis gegen die Menschen, und von dem sehr wesentlichen Unterschiede zwischen den Gegenständen und den Vorstellungen, die man sich davon macht, klärten sich je länger je mehr auf. Die Vorteile dieser glücklichen Veränderung verbreiteten sich über das ganze Reich, wiewohl sie nur von scharfsichtigen Beobachtern bemerkt wurden. Aber die Nachteile, die damit verbunden waren, wahrzunehmen, dazu reichte das Gesicht des blödesten Kopfes hin. So lange die Nation dumm war, konnte sie nicht missbrauchenwas sie nicht hatte. Damals war die Quelle alles Übels, dass sie ihre Vernunft gar nicht zu gebrauchen wusste. Jtzt, da die Scheschianer, wie junge Vögel, die Schwingen ihres Geistes zu versuchen anfingen, begegnete es oft, dass sie zu hoch fliegen wollten und fielen; oder dass sie sich unvorsichtig in Örter wagten, wo sie sich in verborgene Schlingen verwickelten. Kurz, diejenigen, die entweder wirklich mehr Witz hatten als andre, oder doch dafür angesehen sein wollten mehr zu haben, fühlten nicht so bald die Freiheit, in welche Ogul-Kan ihre Vernunft gesetzt hatte, als sie schon anfingen sie häufig zu missbrauchen. Es war wohl bei den wenigsten so böse gemeint als es ihnen ausgelegt wurde. Wie leicht war es, in der hüpfenden Freude, die einem Menschen natürlich ist, der nach einer langen Gefangenschaft wieder freie Luft atmet und sich seiner Füsse wieder nach eigenem Gefallen bedienen darf, wie leicht war es da, die vorerwähnte Linie zu überhüpfen, und vor lauter Freudenicht mehr dumm zu sein, ein wenig närrisch zu werden! Man hatte den Aberglauben als ein grosses Übel kennen gelernt; man bildete sich ein, sich nicht weit genug davon verlaufen zu können, und verlief sich also in den entgegen gesetzten Abweg. Indessen war dies allerdings kein geringes Übel, und verdiente die Aufmerksamkeit der Vorsteher des staates um so mehr, da es von den höhern Klassen unvermerkt auch zu den niedrigern überging."

Hier fiel der Sultan Danischmenden in die Rede. "Du berührst", sagte er, "einen Punkt, über den ich schon lange gewünscht habe etwas Gewisses bei mir selbst festsetzen zu können. Es ist, wie du wohl bemerkt hast, nicht ratsam die Quelle von solchen Übeln zu verstopfen, die aus dem Missbrauch einer Sache entstehen, wovon der Gebrauch gut ist. Und gleichwohl ist das Übel, von dem du sprichst, von einer so gefährlichen Art, dass man schlechterdings genötigt ist seinem Fortgange zu steuern. Ich möchte wohl hören, was du mir in diesem Falle zu tun raten wolltest."

"Sire" (antwortete Danischmend), "die Frage, worüber ich meine Meinung sagen soll, hätte vorlängst besser als zwanzig andre verdient von unsrer Akademie zu einer Preisfrage gemacht zu werden. Ich unterstehe mich nicht zu sagen, dass ich die Auflösung davon gefunden habe; und mir deucht, diejenigen, welche sie so leicht finden, möchten sich wohl nie die Mühe genommen haben, ihre Tiefe zu erforschen. Doch vielleicht ist sie eine von den fragen, deren Auflösung gar nicht einmal möglich ist, oder, welche sich wenigstens nicht anders als durch einen kühnen Schnitt auflösen lassen.

Der Fall dünkt mich dieser zu sein: Wir befinden uns zwischen zwei Übeln, wovon wir schlechterdings genötigt sind eines zu wählen; es fragt sich also, welches wir wählen sollen?

Hier, deucht mich, kann zuversichtlich als ein unstreitiger Grundsatz angenommen werden: dass in einem solchen Falle, wenn das eine Übel einen unendlichen und unheilbaren Schaden tut, das andere hingegen unter gewissen Bedingungen ins unendliche vermindert werden kann, notwendig das letztere gewählt werden müsse.

Dies vorausgesetzt kommen hier zwei Übel in Betrachtung: der Schade, der aus dem Missbrauch der Vernunft und des Witzes, wenn ihnen völlige Freiheit gelassen wird, entspringen kann und wird; und derjenige, der daher entstehen muss, wenn diese Freiheit durch irgend eine Art von Zwangsmitteln eingeschränkt wird. Nun sage ich