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Krieg ohne Einstimmung der Nation unternehmen. Aber diesmal fand Turkan eine grosse Mehrheit derselben willig, seinen Antrag aus allen Kräften zu unterstützen: das Volk, weil es die erlittene Beleidung um so höher empfand, je lebhafter es seine Vorzüge über die Katayer fühlte; und den Adel, weil ein grosser teil desselben sich Ruhm, Ehrenstellen, und andere ansehnliche Vorteile von dieser gelegenheit versprach. Der Krieg wurde also beschlossen, und die in Feuer gesetzten Scheschianer beeiferten sich, ihren jungen König, der an der Spitze seines Heers die Miene hatte einem gewissen Sieg entgegen zu eilen, durch Verdoppelung der gewöhnlichen Kriegsmacht und freudige Bewilligung ausserordentlicher Beiträge so lange zu unterstützen, bis er den gedemütigten Feind zu einem rühmlichen Frieden gezwungen haben würde. Dieser würde auch vermutlich in wenigen Feldzügen erhalten worden sein, wenn Turkan und sein Volk sich der Vorteile, die ihnen das Glück anfangs zuwandte, mit etwas mehr Mässigung hätten bedienen wollen. Aber kaum hatte ihnen der erste Sieg einen teil der feindlichen Grenzen unterworfen, so mischte sich schon die Eroberungssucht ins Spiel; und eine der schönsten Provinzen des Katayschen Reichs, welche Turkan dem seinigen einzuverleiben beschlossen hatte, und die er wechselsweise bald einnahm bald wieder verlor, blieb nicht nur das Ziel eines Krieges, der mit abwechselndem Glücke beinahe seine ganze Regierung durch währte, sondern auch, nachdem sie ihm abgetreten worden war, auf lange Zeit die Quelle eines unversöhnlichen Hasses und oft erneuerter Fehden zwischen den Königen von Katay und Scheschian.

Turkan genoss die Ruhe nicht lange, die er seinem erschöpften Volk endlich wieder verschafft hatte. Von seinen vier Söhnen waren drei auf dem Bette der Ehre gestorben; und so folgte ihm Akbar, der jüngste, in einem Alter, worin es, selbst bei einer Erziehung wie die scheschianischen Königssöhne erhielten, schwer ist, ein grosses Volkund noch schwerer sich selbst zu regieren."

"Keine Satiren mehr, Herr Danischmend!" unterbrach der Sultan den Erzähler abermals: "vergiss nicht, dass mich nach dem Ende deiner Erzählung verlangt" –

"Wenn dies ist", sagte Danischmend, dem die sonderbare Laune seines Herren aufzufallen anfing, "so verdient Sultan Akbar Dank; denn seine Regierung war ein starker Schritt, wo nicht zum Ende der geschichte von Scheschian, wenigstens zu einer Abänderung seiner Verfassung, die dasselbe nicht wenig beschleunigte. Akbar liebte die Künste, die nur im Frieden gedeihen, nicht weniger leidenschaftlich, als sein Vater die kriegerischen geliebt hatte: aber er begnügte sich nicht, die Spuren der Verwüstungen eines langwierigen Krieges in seinem Reich auszulöschen und dessen ehmaligen Wohlstand wieder herzustellen. Er wollte noch mehr tun als Tifan und Temor, und wurde nicht gewahr, dass er, während er sich überredete den höchsten Flor des Reichs zum einzigen Augenmerk zu haben, bloss für seine Lieblingsleidenschaften arbeitete. Von lauter Künstlern und Virtuosen, Kennern und Dilettanten umgeben, deren Interesse war seine leidenschaft vielmehr anzufeuern als zu mässigen, hörte er in seinem ganzen Leben nichts was ihn aus dieser süssen Täuschung hätte wecken können. Azor, Lili, und Alabanda selbst blieben in allem, was sie für die schönen Künste taten, weit hinter ihm zurück: denn man musste ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sie nicht, nach Gewohnheit der meisten Fürsten, zu blossen Sklaven seines Vergnügens herab würdigte, sondern sie um ihrer selbst willen liebte, und nur an der Vollkommenheit ihrer Werke Vergnügen fand. Auch darüber hatte sich keine zu beklagen, dass er sie etwa aus Vorliebe zu einer andern vernachlässige; jede schien vielmehr berechtigt sich für die vorzüglich begünstigte zu halten. Indessen war doch gewiss, dass die Baukunst, weil sie mit seiner Liebe zum Schönen zugleich seine Prachtliebe und Eitelkeit am meisten befriedigte, den ersten Rang in seiner Zuneigung behauptete; wenigstens konnte man nicht anders urteilen, wenn man die Menge und Herrlichkeit aller Arten von öffentlichen Gebäuden sah, womit er die Residenz Scheschian und alle Hauptstädte seiner Provinzen angefüllt hatte. natürlich reichten die Einkünfte der königlichen Domänen, so gross sie auch waren, bei weitem nicht zu, eine so kostbare und unersättliche leidenschaft zu befriedigen: und kaum fühlte man diese Unzulänglichkeit, so entstand eben so natürlich das Verlangen ihr abzuhelfen. Das kürzeste Mittel war, einen kleinen Bruch in das Gesetzbuch Tifans zu machen, und Seiner Hoheit nicht nur die willkürliche Verwaltung des öffentlichen Schatzes, sondern auch die Macht nach Gutdünken neue Zuflüsse in denselben zu leiten, auf eine gute Art in die hände zu spielen. Die Sache lag dem guten Akbar zu sehr am Herzen, als dass sich unter den Kunstliebhabern, von welchen sein Hof wimmelte, nicht gar bald einer gefunden hätte, der sein Haupt nicht eher zur Ruhe legte, bis er ein wohl berechnetes Plänchen, wie das alles am sichersten zu bewerkstelligen wäre, ausgearbeitet hatte. Alles kam darauf an, den Adel und die Priesterschaft dahin zu bringen, dass sie sich, gegen eine billige Entschädigung, eine so ungeheure Ausdehnung der königlichen Gewalt gefallen liessen. Denn diese beiden mussten schlechterdings gewonnen werden: der Adel, wegen des entscheidenden Einflusses, den ihm die Staatsverfassung gab; die Priesterschaft, weil sie unmittelbarer auf das Volk wirkte und durch ihr Ansehen alles über dasselbe vermochte. Beides hatte grosse Schwierigkeiten, wofern Akbar versucht worden wäre seine Absichten durch gewaltsame Mittel erreichen zu wollen: aber beide Stände konnte man zu gewinnen hoffen, wenn man ihre Mitwirkung unter keiner andern Bedingung verlangte, als in so fern sie ihnen selbst vorteilhafter wäre als die anhänglichkeit an die Tifanische Konstitution.