bescheiden sein, so etwas als möglich vorauszusetzen?"
"In der Tat", versetzte Danischmend, "glaubte er durch die äusserst sorgfältige Erziehung, welcher die künftigen Tronfolger nach dem Gesetz unterworfen sein sollten, sein möglichstes getan zu haben, um seinem Reich eine lange Folge eben so guter Könige, als er selbst war, zu versichern. Aber auch dies hing doch gänzlich von der Beschaffenheit derjenigen ab, denen die Vollziehung dieses wichtigsten Teils seiner Gesetzgebung anvertraut werden musste. Es lässt sich kaum denken, dass er alles dies, und was daraus folgt, nicht vorher gesehen haben sollte. Aber vermutlich war seine Meinung auch nur, selbst das möglichste Gute zu schaffen, und, nachdem er alle Vorsicht, deren ein weder unfehlbares noch allvermögendes Wesen fähig war, für die Zukunft angewandt hatte, es nun dem Schicksal zu überlassen, wie lange sein Werk, und die Bewegung die er ihm einmal gegeben hatte, dauern würde. Zum Unglück für Scheschian blieb der eben so weise als gute, und eben so tätige als weise Tifan, der (wie Ihre Hoheit so richtig urteilten) gleich dem Phönix der Fabel in jedem seiner Nachfolger wieder hätte aufleben müssen" –
"Ich bedanke mich in Parentesi für die Verschönerung meiner Anmerkung", sagte der Sultan mit einem etwas zweideutigen Lächeln.
– "unter zweiundzwanzig Königen, aus welchen die Tifanische Dynastie bestand, der einzige in seiner Art; seinen Sohn Temor ausgenommen, der unter der langen Regierung seines Vaters Zeit genug gehabt hatte sich zu überzeugen, dass er, wenn die Reihe dereinst an ihn käme, gegen die Gewohnheit der Tronfolger, nichts besseres tun könne, als sich so zu betragen, dass die Scheschianer noch immer von Tifan regiert zu werden glauben möchten. Dieser Temor würde, seiner vortrefflichen Erziehung ungeachtet, in einer Epoke wie jene, worin sein Vater einen so grossen Charakter entfaltet hatte, nur eine mittelmässige Rolle gespielt haben: in den glücklichen Umständen hingegen, worin er den Tron bestieg, war er gerade deswegen, weil er funfzig Jahre lang Tifans bester Untertan gewesen war, der würdigste Nachfolger dieses grossen Königs. Allein mit ihm endigte sich auch das wirkliche goldne Alter der Scheschianer. Nach einer dreissigjährigen Regierung hinterliess Sultan Temor den Tron seinem Sohne Turkan, der das Feuer des Geistes, den Mut und die Tätigkeit seines Grossvaters geerbt zu haben schien, aber, da ihm sowohl die Anlage zu den sanftern Tugenden, als der Vorteil, von einem Dschengis in der Dunkelheit des Privatstandes erzogen zu sein, mangelte, eben darum weil er nur zur Hälfte Tifan war, der glücklichen Verfassung seines Vaterlandes die erste Wunde schlug. Nach den Versuchen zu urteilen, die er in den ersten Jahren seiner Regierung machte, die Reichsstände zu verschiedenen Änderungen in den Gesetzen Tifans zu bewegen – Änderungen, welche unter dem Anschein des gemeinen Besten die Macht der Krone beträchtlich vermehrt haben würden –, hätte sein unruhiger Geist sich schwerlich an dem bescheidenen Ruhme seines Vaters begnügt, wenn ihm ein langwieriger Krieg mit dem Könige von Katay nicht einen andern Tummelplatz eröffnet hätte. Er hörte sich zwar gern den zweiten Tifan nennen; aber er wollte es auf seine eigene Art sein" –
"Was du ihm doch nicht übel nehmen wirst?" fiel Schach-Gebal ein –
"Ich nicht; aber die Scheschianer hatten gegen diese eigene Art manches einzuwenden."
"Danischmend mein Freund, von einem Itimadulet sollte man billig erwarten, dass er das Volk besser kennen müsste, um aus diesem Umstand etwas zum Nachteil Turkans zu folgern. Deine Scheschianer machten es, denke ich, wie alle ihresgleichen wenn es ihnen zu wohl geht: sie wurden übermütig."
"Sire", erwiderte Danischmend, "wofern dies der Fall war, so liess es Turkan nicht an sich fehlen, den Exzess ihres Wohlbefindens nach Möglichkeit zu mässigen. Denn er führte Krieg beinahe seine ganze Regierungszeit durch, und Scheschian hatte den ganzen Wohlstand vonnöten, der die Frucht einer achtzigjährigen Ruhe unter der besten Staatsverwaltung war, um von den Folgen seiner glänzenden Unternehmungen nicht zu Boden gedrückt zu werden. Katay war damals nach Scheschian das mächtigste Reich im Osten; es besass, wie jenes, einen grossen Überfluss an den kostbarsten Naturgütern: aber seiner inneren Verfassung nach stand es weit hinter jenem zurück, und der grosse Handelsverkehr, der zwischen beiden Völkern vorwaltete, war gänzlich zum Vorteil der Scheschianer. übrigens konnte man diesen Krieg in so fern gerecht auf Seiten der Scheschianer nennen, als die erste Veranlassung nicht von ihnen herrührte: aber wahrscheinlich würde Tifan an dem platz seines Enkels Mittel gefunden haben, auf eine oder andere Weise den Ausbruch desselben zu verhüten."
"Herr Danischmend", fiel der Sultan ein, "wenn der Hof von Katay die gelegenheit gegeben hatte, so erforderte doch wohl die Ehre der scheschianischen Krone eine Beleidigung nicht ungestraft hingehen zu lassen? Aber worin bestand denn die Beleidigung?"
"Eine von den tatarischen Horden, die unter dem Schutze des Königs von Katay standen, hatte eine scheschianische Karawane geplündert. Turkan forderte im Namen seiner Untertanen Genugtuung; der Hof von Katay zögerte; Turkan erneuerte seine Forderungen mit Hitze und Stolz, und da er immer kältere Antworten erhielt, so eilte er (in der Tat viel rascher als er getan haben würde wenn es ihm um Beibehaltung des Friedens zu tun gewesen wäre), seinen nicht weniger stolzen Nachbar die Überlegenheit seiner Macht auf die nachdrücklichste Art fühlen zu lassen. Nach der Grundverfassung des Reichs konnte der König keinen