nieder; und nach dem Gutachten der letzteren wurde jeder Jüngling in diejenige unter den sechs vorbenannten Ordnungen, zu welcher ihn Neigung und Fähigkeit vorzüglich bestimmten, und zugleich in diejenige höhere Schule versetzt, worin die besondere Ordnung, in welche er nun gehörte, zu ihrem künftigen amt ausgebildet und vollkommen gemacht wurde.
In der Auswahl der künftigen Priester wurde vornehmlich auf diejenige glückliche Mischung des Temperaments gesehen, welche ihrem Besitzer eine vorzügliche Anlage zu Weisheit und Tugend gibt. Alle sehr feurige, unruhige, ruhmbegierige und unternehmende Geister, alle junge Leute von ausserordentlich lebhafter Empfindung und Einbildungskraft wurden von einem stand ausgeschlossen, dessen wesentlichste Pflicht war, dem volk mit dem Beispiel untadeliger Sitten vorzuleuchten, und die Religion durch ihren Wandel ehrwürdig zu machen. Auf diesen Hauptzweck war ihre ganze Erziehung eingerichtet. Von den Wissenschaften, welche nicht unmittelbar weiser und besser machen, wurde ihnen nur so viel beigebracht, als vonnöten war, um keine Verächter derselben zu sein. Hingegen wurde auf die Bildung ihres Geschmacks besondere Aufmerksamkeit gewendet; denn Tifan behauptete, dass ein feines und gelehrtes Gefühl des Schönen und Guten ein wesentliches Stück der Weisheit sei. Die Religion, zu deren besonderem Dienste sie in diesen schulen vorbereitet wurden, war nicht mehr der alte armselige Affendienst der Scheschianer: es war diejenige, welche Dschengis ehmals dem jungen Tifan eingeflösst, und dieser zur Grundfeste seiner ganzen Gesetzgebung gemacht hatte. Da sie durchaus praktisch war, da alles Grübeln über die natur des höchsten Wesens durch ein ausdrückliches Strafgesetz untersagt war: so machte sie auf einer Seite bloss ein politisches Institut, und auf der andern eine Angelegenheit des Herzens aus; oder, mit andern Worten, es war bloss darum zu tun, durch sie ein besserer Bürger, und ein glücklicherer Mensch zu werden, als man ohne sie hätte sein können. Aus diesen Gesichtspunkten allein lehrte man die jungen Priester die Religion von Scheschian betrachten; und aus eben diesem grund machte die Moralphilosophie und das Studium der gesetz die Hauptbeschäftigung ihrer Vorbereitungszeit aus.
Gleich sorgfältig wurden auch die Schullehrer in besonderen für sie angeordneten Pflanzschulen zu ihrer künftigen Bestimmung zubereitet. Diejenigen, welche zu diesem stand ausgewählt wurden, mussten Beweise der grössten Fähigkeiten, eines scharfen Beobachtungsgeistes, einer grossen Geschmeidigkeit der Seele, und eines edlen Herzens gegeben haben. Tifan glaubte, dass man nur den vortrefflichsten Männern der Nation die sorge für den kostbarsten Schatz derselben anvertrauen könne. Aber eben darum machten sie auch eine der angesehensten Klassen aus, wurden nächst den Akademisten und Priestern als die vornehmsten Staatsbedienten betrachtet, waren für ihre Arbeit reichlich belohnt, und genossen, wenn sie dem staat fünfundzwanzig Jahre lang gedient hatten, für ihr übriges Leben einer zwar nicht ganz unbeschäftigten, aber doch ruhigen und mit grossem Ansehen verknüpften Unabhängigkeit. Diejenigen, welche man einem so wichtigen stand widmete, wurden, von ihrem sechzehnten Jahr an, zehn Jahre lang in allen Wissenschaften, die zu einer vollständigen Kenntnis des Menschen gehören, und in allen nur möglichen Fertigkeiten, wodurch sie zu ihrem amt geschickter gemacht werden konnten, geübt. Sie waren überhaupt in zwei Ordnungen abgeteilt, in die Lehrer der niedern und in die Lehrer der höhern schulen; und für jede Ordnung waren in jeder Provinz besondere Vorbereitungsanstalten.
Da Tifan sich eine so grosse Angelegenheit daraus machte, jeder wichtigern Klasse von Bürgern, und besonders denjenigen, welche zur Verwaltung ihres Amtes einen gelehrten Unterricht in den Wissenschaften oder in den Gesetzen von Scheschian vonnöten hatten, ihre eigene Erziehung zu geben: so stellt man sich leicht vor, dass er für die Erziehung des jungen Adels nicht weniger sorge getragen haben werde. Die Adelichen in Scheschian besassen nicht nur den grössten teil der Ländereien eigentümlich, wiewohl ohne Gerichtsbarkeit: sondern ihre ehmals sehr übertriebenen, unter Azorn und Isfandiarn aber nach und nach unendlich verminderten Vorzüge waren durch Tifans Gesetzgebung wieder zu einem solchen Glanze hergestellt worden, dass sie nun, sowohl durch ihren Reichtum als durch ihre Vorrechte, die ansehnlichste Kaste im staat ausmachten. Ausser dem wesentlichen Anteil, der ihnen an der Garantie der gesetz und Nationalrechte zukam, hatte der hohe Adel in Scheschian, der aus den ältesten und begütertsten Familien bestand, ein angebornes Recht an alle obersten Staatsund Kriegsbedienungen. Der König erwählte zwar dazu wen er wollte; aber das Gesetz verband ihn, aus dem Adel zu wählen. So vorzügliche Rechte konnten, nach den Begriffen unsers Gesetzgebers, nicht anders als mit eben so grossen Pflichten verbunden sein. Weil die edlen in Scheschian die reichste Klasse ausmachten, so trugen sie auch zu den Bedürfnissen des staates am meisten bei; und weil sie die vornehmsten Gehülfen des Königes in der Regierung waren, so mussten sie auch die Geschicklichkeiten und die Tugenden besitzen, die eine so edle Bestimmung voraussetzt. Tifan fand dass es etwas mit dem Besten des staates ganz Unverträgliches wäre, dem freien Belieben der Edelleute zu überlassen, ob sie müssig gehen, oder sich nützlich beschäftigen; – ob sie rohe Verächter der Wissenschaften, deren Wert sie nicht verstehen, und anmassliche Despoten der schönen Künste, deren erste Grundbegriffe ihnen fremde sind, – oder aufgeklärte Freunde und Kenner der einen und der andern; ob sie ungeschliffen und ausgelassen in ihren Sitten, verdorben in ihren grundsätzen, anstössig und übeltätig in ihren Handlungen, – oder ob sie tugendhafte, nach grossen grundsätzen handelnde Patrioten und Menschenfreunde sein; – mit Einem Wort, ob sie, ihrem inneren Werte nach, die verächtlichste, oder, ihrer Bestimmung gemäss, die schätzbarste Klasse des Reichs vorstellen wollten. Er glaubte, verzehren was andre