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des Daseins und der Vollkommenheiten des höchsten Wesens und seines Verhältnisses gegen die Menschen leiten, und durch Verbindung dieser Wahrheiten mit einer gereinigten Sittenlehre, einen höhern Grad von Licht und Wärme in die Seelen der Scheschianer zu bringen; und erst dann, da man gewahr wurde, dass sie über die Ungereimteit ihres bisherigen Götzendienstes selbst betroffen zu sein anfingen, erleichterte man ihrer noch ungeübten Vernunft die Arbeit, und bewies ihnen geradezu, dass sie bisher irre geführt worden seien. Dieses konnte nun freilich ohne einige Bewegungen nicht geschehen. So unbegreiflich es einem jeden scheinen muss, der die Macht der Vorurteile nicht genugsam erwogen hat, so ist doch gewiss dass die beiden Affen noch immer Anhänger behielten, welche für ihre Erhaltung mit einem Eifer arbeiteten, der einer bessern Sache würdig war. Aber Tifan begnügte sich sie zu beobachten, und ihrem Eifer, sobald er die Schranken der Mässigung überschreiten wollte, durch die gelindesten Mittel Einhalt zu tun; hingegen trug er kein Bedenken, sie mit gleicher Unparteilichkeit gegen alle Störungen ihrer Gegner zu schützen: und anstatt dass dieses kluge Betragen den Fortgang der guten Sache gehemmt haben sollte, war es derselben vielmehr beförderlich; indem dadurch die Hindernisse unvermerkt aus dem Wege geräumt wurden, und, was bei einem andern Verfahren ein Werk des Zwanges oder einer schwärmerischen Hitze gewesen wäre, nun das langsam reifende, aber desto vollkommnere und dauerhaftere Werk der Überzeugung war.

Die Geschichtschreiber von Scheschian erwähnen bei dieser gelegenheit eines geheimen Gottesdienstes, welchen Tifan, mit hülfe der Priester seiner Partei, für alle diejenigen, welche sich geneigt erklärten den Dienst der beiden Affen zu verlassen, angeordnet habe. Sie drücken sich aber so dunkel über diese Sache aus, dass es unmöglich ist, etwas Genaues davon zu sagen. Alles was sich davon vermuten lässt, ist, dass dieser geheime Gottesdienst mit den Mysterien bei den Ägyptern und Griechen viele Ähnlichkeit, und zum hauptsächlichen Gegenstand gehabt habe, diejenigen, welche in dieselben eingeführt wurden, teils durch symbolische Vorstellungen, teils durch deutlichen Unterricht, von der Eitelkeit des Götzendienstes zu überzeugen, und, vermittelst einer Art von feierlicher Verpflichtung auf die Grundwahrheiten der natürlichen Religion, zu besserer Erfüllung ihrer menschlichen und bürgerlichen Pflichten verbindlich zu machen. Insbesondere mussten die Eingeweihten eine allgemeine Sanftmut und Duldung der Irrenden, in Absicht alles andern aber, was sie bei diesen Mysterien gesehen und gehört hatten, so lange bis die Abgötterei aus Scheschian verschwunden sein würde, ein unverletzliches Stillschweigen angeloben. Diese Veranstaltung (sagen die Geschichtschreiber) wirkte mehr als alles übrige, die grosse Absicht des weisen Tifan zu befördern. Die Begierde, zu diesen Mysterien zugelassen zu werden, wurde nach und nach eine leidenschaft bei den Scheschianern; und je mehr Schwierigkeiten ihnen dabei gemacht wurden, desto heftiger war das Verlangen, Anteil an einer Sache zu nehmen, die ihnen, durch die geheimnisvolle und feierliche Art womit sie behandelt wurde, von unendlicher Wichtigkeit zu sein schien. In der Tat musste Tifan, indem er daran arbeitete, den Scheschianern die sinnlichen Gegenstände ihres bisherigen vermeinten Gottesdienstes zu entziehen, etwas anderes, welches ihre Sinne und ihre Einbildungskraft gehörig zu rühren geschickt war, an dessen Stelle setzen; und ich zweifle sehr, ob er in dieser Absicht auf ein zweckmässigeres und zugleich unschuldigeres Mittel hätte verfallen können. Vielleicht möchten seine Mysterien in der Folge diese letztere Eigenschaft verloren haben, wenn er nicht die Vorsicht gebraucht hätte, von dem Augenblick an, da der Dienst des höchsten Wesens in Scheschian der herrschende war, die Pflicht des Stillschweigens aufzuheben. Und glücklich wär es für dieses Reich gewesen, wofern er eben so viele Behutsamkeit in Bestimmung des Amtes der Priester gezeigt, und nicht durch eben dasjenige, wodurch er sie zu nützlichen Bürgern des Staates zu machen dachte, ihnen die gefährliche gelegenheit gegeben hätte, in der Folge sich unvermerkt zu Herren desselben zu machen."

"Ei, ei, ei!" sagte Schach-Gebal, den Kopf schüttelnd, "was höre ich! Wer hätte so etwas von einem Sultan wie Tifan vermutet!"

"In der Tat lässt sich nicht leugnen, dass ihn seine gewöhnliche Klugheit in diesem Stück ein wenig verlassen habe. Indessen kann gleichwohl zu seiner Entschuldigung dienen, dass es, in seinen Umständen, schwer war, es besser zu machen; und, wenn auch dies nicht zureicht, welcher Gesetzgeber hat Weisheit genug gehabt, jeden möglichen Missbrauch seiner Anordnungen voraus zu sehen, und durch entgegen wirkende Mittel im Keime zu ersticken? Tifan hatte, aus erheblichen Gründen, den Bonzen die Mühe der öffentlichen Erziehung der Jugend abgenommen, und glaubte verbunden zu sein, sie dafür durch ein anderes Amt zu entschädigen, welches sie bei gebührendem Ansehen erhalten, aber zugleich in die notwendigkeit setzen würde, gern oder nicht, das gemeine Beste zu befördern. Er bestellte sie also (wie ich neulich schon erwähnt zu haben glaube) zu öffentlichen Lehrern des buches der Pflichten und Rechte. Er glaubte den Gesetzen den Charakter der Unverletzlichkeit nicht tiefer eindrücken zu können, als indem er den Unterricht in denselben zu einem wesentlichen Teile des Gottesdienstes machte; und die nachteiligen Folgen, die von dieser Einrichtung etwa zu besorgen sein möchten, glaubte er verhütet zu haben, indem er im Gesetzbuche selbst die Priester gemessenst anwies, sich aller willkürlichen Auslegungen, Ausdehnungen oder Einschränkungen, so wie aller spitzfündigen fragen und Unterscheidungen, gänzlich zu entalten, und sich bloss auf die buchstäbliche Erklärung der gesetz, auf eine ihrem geist gemässe praktische Anwendung derselben, und auf die sorge einzuschränken,